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Identitäten / Beau / 26. September 2024

Lose Gedanken zum Thema Maskulinität – Post-Mastektomie

Beau

Beau 6 Min. Lesezeit

#Featured #Leben - wie ich will #Männlichkeit #trans*

Geschlecht ist Performance: Was für ein Mann er sein will, was Männlichkeit sein kann und warum auch trans* Männer manchmal sexistisch sind, erzählt Beau nach seiner Mastektomie.

Im Krankenhaus – Novemberwetter, kaltes Licht, frühe Abende, Halbschlaf, schlechtes Essen und belanglose Podcasts – fühlte ich mich, als erführe ich das gesamte Spektrum der Transmaskulinität. Auf einer Seite meines Zimmers ein junger trans Mann in einer Beziehung mit einer cis Frau, perfektes Passing, ein sympathischer Raufbold in einem Standard-Ausbildungsberuf. Auf der anderen Seite eine nichtbinäre Person, im Grafik- und Soundbereich in Berlin tätig, clever im politischen Analysen und in transaktivistischen Kreisen unterwegs. Dazwischen ich – transmaskulin oder transmännlich, mit butch-lesbischem Background, halb Künstler und halb arbeitslos.
Ich genoss unsere Kameradschaft, die darauf baute, dass wir ab achtzehn Uhr das Licht löschten, uns in Ruhe ließen und uns ansonsten für die verschiedenen Schritte der Heilung gutmütige Worte zusprachen. Es trug mich gut durch die langwierigen Tage nach der Operation, diese Gemeinschaft, und ließ mich nachdenken über Transmaskulinität, öffnete meinen Blick für die vielen Aspekte, mit denen ich selbst weniger vertraut bin. Für die trans Männer, die tatsächlich jene Unsichtbarkeit, die transmännlichen Personen so oft zugesprochen wird, erfüllen – die keinen Anschluss an eine wie auch immer geartete trans Community haben, die sich vielleicht nach ihren Operationen gar nicht mehr als trans begreifen. Ein Leben, das mir (der ich mich so viel mit trans Themen beschäftige und mit anderen trans Menschen umgebe) fremd ist, und gleichzeitig, durch die medizinischen Praktiken, die wir teilen, und die rechtlichen Prozesse, durch die wir gehen müssen, sehr nah. Gegenüber der Mehrheitsgesellschaft begreifen diese trans Männer sich als
normal, vielleicht als ein Geheimnis habend, während ich mich stolz als fremd begreife. Gleichzeitig hadere ich damit, ob ich immer als fremd, als nicht zugehörig wahrgenommen werden möchte. Es ist einfacher und sicherer Passing zu haben – etwas, nachdem ich jetzt nach der Mastektomie kaum noch arbeiten muss. Beziehungsweise hat sich diese Arbeit, die ich leiste, verlagert, vom Binder-Tragen auf andere, schwerer zu definierende Aspekte.
Hin und wieder halte ich mich in rein cismännlichen Gruppen auf, nun scheinbar unsichtbar. Es ist interessant, da ich den Eindruck habe, schon als männlich, aber auch irgendwie als
anders gelesen zu werden, post Mastekomie. Als meine Brust mich noch als trans outete, kodierte mein Habitus mich als maskulin. Aber jetzt reicht dieser Habitus auf einmal nicht mehr aus. Werde ich als queerer Mann gelesen? Vielleicht. Alles nur Spekulation. Im Deutschen ist es, anders als im Französischen oder im Englischen, eher unüblich, Menschen in der Öffentlichkeit, an Supermarktkassen und am Gehweg als „Herr oder Dame“ anzusprechen. So ist es schwierig, herauszufinden, wie fremde Leute einen sehen, ohne sie danach zu fragen. Aber wenn ich nicht den coolen Bro-Hug mache, sondern darin ansetze, andere Männer richtig zu umarmen, kommen wir ins Stocken, und plötzlich ist da eine Unsicherheit in der Interaktion der anderen mit mir. Ich versuche, diese Momente zu vermeiden, indem ich mich zu Maskulinitäts-Chamäleon mache – ich beobachte die Maskulinität anderer, wie sie sich in den Dynamiken der Gruppe ausspielt, und reproduziere sie so gut wie möglich, sei es eben durch Bro-Hugs oder durch Fistbumps oder durch harte, kurze Schläge auf den Rücken, mit dem man sich Bestärkung kommuniziert. Ich steige mit ein, wie man eine Fremdsprache lernt, durchs Zuhören und Nachsprechen, ein Anthropologe, der versucht, möglichst viele Praktiken zu beobachten und zu verstehen. Es macht mir Spaß, mitzuperformen, vielleicht, weil es eine so bewusste, spielerische Entscheidung für mich ist. Ich muss mich anderen nicht anpassen, ich könnte natürlich meinen eigenen Habitus bewahren, ich könnte auch damit spielen, cis Männer zu verunsichern. Vielleicht werde ich irgendwann die Resilienz aufgebaut haben, dies selbstsicher tun zu können, aber für den Moment bleibe ich bei der Performance der Maskulinität, die natürlich von den meisten nicht als Performance wahrgenommen wird. Nicht als Spiel, sondern als Sache des Überlebens.
Ein trans Mann machte in einer WhatsApp-Gruppe in unserer Krankenhauszeit eine sexistische Bemerkung, als ich ihn darauf hin anschrieb, beleidigte er mich ausführlich und unter der Gürtellinie. Nicht, dass jeder, der selbst Sexismus erlebt hat, frei davon ist, ihn zu reproduzieren – aber die defensive Vehemenz, die Aggression dieser Antwort überraschte mich. Als müsste man, um seine eigene Männlichkeit zu erhalten – eine Männlichkeit, die sich natürlich fragiler anfühlt als die von cis Männern – sich umso gewaltvoller auf die Seite des Patriarchats schlagen, nicht nur Gesten und Berührungen, sondern auch sexistische Verhaltensmuster reproduzieren. Spielerische Performance auf der einen, sexistischer Habitus auf der anderen Seite; eine Spannung zwischen den harmlosen und verletzenden Parts von Maskulinität.
Zunehmend habe ich das Gefühl, das eigentlich die meisten Männer auf irgendeiner Ebene unsicher in ihrer Maskulinität sind und das auf verschiedenste Arten kompensieren. Manche mit Sexismus, durch Übergriffigkeit; manche, indem sie zu Klassenclowns werden, immer einen sarkastischen Kommentar auf den Lippen, der eher nach unten als nach oben tritt. Manche werden das Gegenteil, schweigsam, „the strong and silent type“, machen sich unangreifbar, unzugänglich. Eine Gradwanderung im Spannungsbereich der Maskulinität. Oft geht es um Machterhalt; die Beziehung zu Macht so untrennbar mit hegemonialer, weißer Männlichkeit und Maskulinität verknüpft. Eben diese hegemoniale Männlichkeit ist es, die an Männer unerreichbare, patriarchal durchtränkte Ansprüche stellt – der Beschützer und Familienmensch sein, gleichzeitig ein Frauenheld, ein Muskelprotz, arbeitsam, klug, charismatisch, väterlich, reich, besitzend. Natürlich kann man an diesen Ansprüchen nur scheitern, die sich gleichzeitig, gemeinsam mit ihrer Beziehung zu Weiblichkeit und Femininitität im starken Wandel befinden, ein weiterer Aspekt, der Männer gerne verunsichert. Zu Recht verunsichert – damit konfrontiert, dass es in vielen Kreisen zunehmend sozial akzeptiert ist, wenn Männer weinen, Gefühle zeigen, fähig im Emotionen ausdrücken sind und kümmernde Rollen einnehmen.
Wirft man noch Queerness in den Mix, verkompliziert sich das Konstrukt abermals – Männer, die dem Bild hegemonialer Männlichkeit nacheifern, wollen sich von Queerness abspalten. Dabei geht es oft um Eigenschaften, die als feminin wahrgenommen wurden, und diese Abspaltung drückt sich durch Misogynie aus. Queere Männer hingegen entwickeln andere Ideale von Männlichkeit, die manchmal gar nicht so weit vom hegemonialen Bild entfernt sind, oder haben eine ganz und gar antagonistische Beziehung zu diesem Bild. Als trans Mann oder als trans männlich wahrgenommene Person befindet man sich hier ein bisschen zwischen den Stühlen. Trans männliche Personen reproduzieren natürlich genauso die Spannung zwischen den verschiedenen, schadenden und harmlosen Parts von Maskulinität, nur dass eben vielleicht noch das Gefühl hinzukommt, viel mehr an Männlichkeit zu scheitern als cis Männer.
Was mich angeht, versuche ich mir bewusst zu machen, dass diese Ideen hegemonialer Männlichkeit existieren und ich sie absichtlich in meiner eigenen Performance von Maskulinität ablehnen kann. Genauso kann ich mich aber auch entscheiden, bei gewissen Praktiken mitzuspielen, solange ich darauf achte, keinen misogynen Scheiß zu reproduzieren. 

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