Meine Welten / Lilith / 12. September 2024
Vielmännerei – Unnatürlich, Zukunftsweisend, Unterforscht?
Lilith — 6 Min. Lesezeit
Polyandrie bedeutet, dass eine Frau mit mehreren Männern gleichzeitig verheiratet ist. Darüber wird eher weniger gesprcohen, Lilith hat dem Thema daher einen Text gewidmet.
“Spirit Bird” von Sarah Milledge Nelson ist das Buch, welches ich mir in den Urlaub mitgenommen habe. Kurz zusammengefasst entdeckt eine aus Korea stammende und in ihrer frühen Kindheit von US-Amerikaner:innen adoptierte Archäologiestudentin ihre Herkunft und erlebt dabei Urkulturen aus Korea kennen. In ihren Träumen erweckt ein Dorf zum Leben, das nicht nur auf traditionellen Ritualen und Ernährungsweisen beruht, sondern auch, in dem es die Regel ist, dass die Frauen des Dorfs ganz selbstverständlich mehrere Männer haben und mit ihnen gemeinsam im selben Haus leben. Doch – ist diese Form des Zusammenlebens tatsächlich so verbreitet?
Polyandrie, oder umgangssprachlich Vielmännerei, tritt in der Natur tatsächlich häufiger auf, als es die meisten unter uns vermuten würden. Fangen wir an bei Tieren, denen wir tagtäglich begegnen. Wer stört dich dauerhaft mit seinem Gesumme? Richtig geraten, die uns dauerhaft umschwirrende Fruchtfliege. Sie lebt in einer Form, bei der das Weibchen mit mehreren männlichen Artgenossen sexuellen Kontakt hat, während jeder der männlichen Artgenossen nur mit einem Weibchen interagiert. Auch die lauten Grillen, sowie einige Arten der Käfer und Spinnen leben polyandrisch. Seltsam eigentlich auch, dass uns in der Grundschule so häufig mithilfe des Bienchenbeispiels die Sexualerziehung nähergebracht werden soll. Während hier eine etwas weit hergeholte Blumen-Bienchen Analogie zurate gezogen wird, beleuchten wir selten , ob eine ähnliche Lebensform in menschlichen Gesellschaften funktionieren könnte, wie sie durch die Bienenkönigin als Reproduzentin für das Bienenvolk erfolgt. Auch der Vogelgesang kommt aus vielen Schnäbeln, deren Besitzerinnen gleich mit mehreren Männchen “vögeln”. Heimische Vertreterinnen sind z.B. die Heckenbraunelle, oder die Goldschnepfe und auch das Lauf- und Blatthühnchen gehören dazu. Am exotischsten kommt sicher der Tiefsee-Anglerfisch daher. Mit einem deutlich größeren Weibchen als die männlichen Artgenossen können sich mehrere Männchen am weiblichen Fisch festbeißen und werden ab dann auf Lebzeit mit der Dame herumgetragen. Im Extremfall verschmelzen somit bis zu acht Zwergmännchen mit einem Weibchen und sind alleine nicht mehr überlebensfähig.
Es gibt mehrere Stimmen, die behaupten, Polyandrie wäre wider der Natur. Diese mit Insekten und Vögeln zu überzeugen wird eher schwer gelingen. Doch vielleicht regen besonders die nächsten Beispiele, deren RepräsentantInnen uns als Menschen deutlich ähnlicher sind, dann doch zum Grübeln an, ob die ewige Mann-Frau-Kind Konstellation wirklich das einzig Wahre in dieser Welt ist. Denn auch in der Welt der Säugetiere treten polyandrische Lebensformen auf, z.B. bei den Grauen Mausmaki, einer Affenart oder dem Murmeltier. Interessant ist zudem, dass in den beschriebenen Konstellationen der Tierwelt nicht nur der Akt der Zeugung durch mehrere Männer pro Frau erfolgt, sondern in einigen Fällen auch die Kinderaufzucht größtenteils dem Mann zukommt.
Bei uns, den Homo Sapiens Sapiens ist Polyandrie in der Historie gaaaaanz selten vertreten. Zumindest ist das der bleibende Eindruck, wenn man sich die Geschichtsbücher ansieht, die in der Schule behandelt werden. Als “Einzelbeispiele” werden in diesen oftmals die berühmten Gesellschaften auf den Marquesa-Inseln im Südpazifik, dicht gefolgt von Gemeinschaften im Hochland von Tibet, erwähnt. Doch im Jahr 2010 analysierten die AnthropologInnen Kathrine Starkweather und Raymond Hames in eine Studie der University of Nebraska-Lincoln, Polyandrie in weiteren 53 Regionen. Hierbei wird beispielsweise untersucht, wie sich Polyandrie als vorherrschende Praxis herausgebildet hat. Dabei werden Hypothesen geprüft, die eine lange Abwesenheit eines Teils der Männer, sodass währenddessen auf andere zurückgegriffen werden muss, oder eine hohe Sterblichkeit als Hauptursachen für die Notwendigkeit von Vielmännerei vermuten. Auch wird analysiert, wie sich in derartigen Gesellschaften verschiedene Wege entwickelt haben, um zu entscheiden, wer als Vater gilt. Während in einigen Gemeinschaften in Zeremonien die Vaterschaft anhand von Eigenschaften und Merkmalen zugesprochen wird, so stammen in anderen alle Kinder “offiziell” zu gleichen Teilen von allen Männern im Haushalt ab.
Wenden wir nun unseren Blick ins 21. Jahrhundert. Recherchiert man nach dem Begriff Polyandrie sind die gleich oben erscheinenden Werbeeinträge voll von Plattformen zum Finden von PartnerInnen, die sich spezifisch eine Beziehung im Konzept der Polyandrie wünschen. Ist das also der neue Trend? Ganz sachlich betrachtet spricht tatsächlich einiges für diese Art des Zusammenlebens. Murmeltierfrauen machen es zum Beispiel ganz clever: während des Winterschlafs wärmen die Männchen nur diejenigen Nachkommen, von denen sie glauben, sie seien die eigenen. Also: erst einal schön viel Verwirrung schaffen, damit der Nachwuchs am besten von allen Seiten auf Überlebenstemperatur gehalten wird. Im Falle der stetig wachsenden Weltbevölkerung könnte sich für uns Menschen sogar ein weiterer Vorteil als Nützlich erweisen: polyandrische Gesellschaften bringen in der Regel weniger Nachwuchs als monogame oder polygyne Familien hervor. Der Tibetologe Melvyn C. Goldstein vertritt die Meinung, dass diese Form des Zusammenlebens entsprechend eine gelungene Form der Anpassung an limitierte Ressourcen darstellen kann.
Schauen wir uns jedoch die menschliche Realität an, ergeben sich bereits rein rechtlich einige Hürden. Zwar kann einer Frau niemand verbieten, mit mehreren Männern in sexuellen Kontakt zu treten oder auch Kinder mit unterschiedlichen biologischen Vätern zu zeugen, dennoch ist eine langfristige Familienkonstellation mit mehreren gleichberechtigten männlichen Partner:innen so vom Gesetzgeber nicht vorgesehen. In Deutschland ist Bigamie, also das Eingehen einer zweiten Ehe zusätzlich zu einer bestehenden, gemäß § 1306 BGB verboten. Wer gegen dieses Verbot verstößt, muss mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe rechnen. Dies gilt entsprechend für Polyginie als auch Polyandrie. Diskussionen hierzu kommen immer wieder auf. Sei es dadurch, dass die Behörden von Mehrehen, die im Ausland geschlossen werden, oftmals nichts mitbekommen oder wenn es darum geht zu entscheiden, wer im Falle einer Flucht nach Deutschland nachzugsberechtigt ist.
Auf dem afrikanischen Kontinent entfachte passend zu dem Themenfeld im Jahr 2023 eine hitzige Diskussion. In Südafrika stand die Durchsetzung eines “inklusiven Eherechts” zur Debatte. Um das Ehegefüge mit dem Verfassungsgrundsatz der Gleichheit in Übereinstimmung zu bringen, wäre im Falle des Erlaubens von Polygynie auch die Einführung des Rechts auf Mehrfachehen für Frauen notwendig. Während dies insbesondere bei männlichen Vertretern, die mehrere Frauen pro Mann durchaus befürworten, auf Ablehnung stößt, setzen sich einige feministische Aktivistinnen für ein solches Recht ein. Wichtig dabei zu beachten: in den polyandrisch lebenden Gesellschaften stellt diese Lebensform nicht zwingend eine Gleichstellung der Frau auf allen Ebenen dar. Oftmals handelt es sich auch hier um patriarchale Gesellschaftsformen, bei denen die Frau in entsprechend mehrere sexuelle Beziehungen mit verschiedenen Männern gezwungen wird.
Doch – könnte die heutige Gesellschaft es schaffen, diese Begrenzungen zu überwinden und aus dem Recht auf Vielehen eine offenere und tolerantere Gesellschaft entstehen zu lassen? Welche Türen öffnet dies für Missbrauch? Wie wichig ist es, dass derartige Lebensformen auch vorm Staat als Ehen anerkannt werden, oder reicht es, wenn Menschen, die auf diese Art zusammenleben möchten, ihre Zuneigungen und Präferenzen frei ohne Trauringe ausleben dürfen? Welcher gesellschaftlichen Sigmatisierung sind sie heutzutage ausgesetzt? Fragen, über die ihr euch vielleicht beim nächsten Spaziergang im Wald Gedanken machen könnt, während ihr die vielfältigen Lebensformen der Vögel, Insekten und Säugern beobachtet.