Die queere Community musste harte Kämpfe für mehr Akzeptanz und Selbstbestimmung austragen und hat dabei viel erreicht. Diskriminierung ist deshalb natürlich trotzdem nicht verschwunden und findet auch innerhalb der marginalisierten Gruppen selbst statt. Wir freuen uns, unseren neuen Autor BvC begrüßen zu dürfen. Viel Spaß mit seinem starken Essay über Intersektionalität und Subkultur.
Es ist mir schwergefallen, noch nachzuvollziehen, wie viele queere Menschen mir im Laufe der Zeit von Übergriffen und Ausgrenzungen berichteten – und das oft nicht etwa im Kreise konservativer Elternhäuser, sondern von anderen Queers. Ersteres wäre wahrscheinlich auch ein Symptom, das hier auffällig öfter vorkommt, in den neuen alten Bundesländern. Solche Beobachtungen aus der queeren Community selbst nehme ich allerdings ungeachtet der geografischen Herkunft wahr. Heute sind in Deutschland rund 95% für ein gesetzliches Diskriminierungsverbot von queeren Menschen, über 83% sind für die Möglichkeit der gleichgeschlechtlichen Ehe, knapp 80% empfinden keine persönliche Abneigung oder Ablehnung gegenüber Trans-Menschen.
Diese Hippies von damals haben gewonnen und diese Toleranz reicht sogar bis in heutige konservative Milieus hinein. Was die queere Gemeinschaft so erreichte, gesellschaftlich, politisch, kulturell, ist heute spürbarer denn je. Das alles legt den Eindruck nahe, dass ich und andere queere Menschen in einer durch und durch inklusiven, toleranten, progressiven Blase leben. Zu Anfang war das für mich auch alles spannend und ich bin dem positiv begegnet. Mit der Zeit setzte aber eine Ernüchterung, fast schon Skepsis ein. Denn auch wenn das heutige gesellschaftliche und kulturelle Selbstverständnis derart progressiv durchdrungen ist, so zeigen sich im persönlichen Zusammenleben mit queeren Menschen doch immer noch Türen und Schranken, die sich nicht oder nicht einfach für alle öffnen lassen.
Über queere Abgrenzung und Exklusion:
Vorneweg – Ein faktischer Ausschluss von Menschen und Abgrenzung aus bestimmten sozialen Räumen kann meines Erachtens grob eingeteilt werden in einen beabsichtigten und natürlichen Ausschluss. Eine Abgrenzung ist erstmal nichts per se Schlechtes, im Gegenteil. Sie ist Voraussetzung für Pluralität und gibt der Community überhaupt erst den bunten Touch, für den sie bekannt ist. Nicht alle können in andere abgegrenzte Gruppen eindringen, was total fair und in Ordnung ist. Ich kann als Cis-Mann kein Teil der FLINTA*- oder Trans*-Menschen-Gemeinschaft sein. Ich kann mich solidarisch zeigen, unterstützen, wo es geht, gewünscht ist und in Frieden sowie Solidarität zusammen leben. Abgrenzung funktioniert aber natürlich auch als Ausgrenzung, als Methode der Selbsterhöhung, also aus negativer Begründung.
Ich beziehe mich hierbei auf meine eigenen Eindrücke, beispielhaft aus der schwulen Szene. Man bekommt schnell den Eindruck, dass in dieser einige begrenzende, fast schon determinierende Faktoren unausgesprochen existieren.
Ein Faktor, beispielsweise: das Aussehen. Soweit, so offenkundig.
Klar – es gibt unterschiedliche Geschmäcker, Kinks, Menschen, die sehr wenig bis gar keinen Wert auf Äußerlichkeiten legen, aber für die breite Masse sind Aussehen, auch orientiert an popkulturellen Idealen und Vorbildern nun mal ein sehr entscheidender Faktor. Die gesamte Dating-App-Industrie beruht bekanntermaßen genau darauf. Hinter vielen dieser Begründungen stehen aber manchmal problematische Einstellungen. Erst später verstand ich, dass manche Kommentare meines Ex-Freunds, wenn es um seine “Präferenzen” beim Aussehen anderer Typen ging, versteckter Rassismus und Lookism waren, also die Herabsetzung eines Typen, wegen seines Körpers, der in seinen Augen einem übergeordneten Schönheitsideal nicht entspricht.
Mit 19 unterhielt ich mich auf einer queeren Party mit jemandem, etwa in meinem Alter, groß, breit und poc. Wenn ich mich richtig erinnere, kamen seine Großeltern aus zwei unterschiedlichen afrikanischen Staaten. Ich fragte sinngemäß und leicht angetrunken, wie vernetzt er mit anderen “Gays” in dieser Stadt ist, die mir persönlich relativ neu war. Er meinte, dass er „kaum“ jemanden gut kenne, bzw. nicht viele Gays in seinem Freundeskreis hat, aber er wohne dort nicht erst seit kurzem. Damals war es auf dieser Party eine unangenehme Vermutung, die mir im Hinterkopf saß, die mir selbst irgendwie auch peinlich war oder mich zumindest so fühlen ließ. Es war aber kein Gedanke, den ich so unmittelbar ansprach.
Für mich ist das nur ein Beispiel von einigen dafür, dass mutmaßlich in den queeren Kreisen, in denen ich mich bewegte, Rassismus durchaus ein Problem war. Erst neulich fand mich die Nachricht, dass ein ehemaliger Freund aus der Zeit jetzt bei der AfD ist. Ich war wohl zu der Zeit privilegiert genug, um nicht zu merken, dass ich in solchen Strukturen steckte, solche Tendenzen genau vor meinem Auge ausgelebt wurden.
Auch das Aussehen, nicht aus rassistischer Motivation, sondern orientiert an idealisierter Popkultur, erfuhr ich als Mittel der Ausgrenzung und das auch nicht immer als Beobachter. Kaum jemand lässt sich von all den Problemen gänzlich ausnehmen. In einer queeren Gruppe, in der ich mich bewegte, waren auch nicht alle aus dem Model-Katalog ausgeschnitten, meine Person eingeschlossen. Wie abfällig aber teilweise über Typen, die auch zu dieser Gruppe gehörten, geredet wurde, während diese abwesend waren, war einer der Hauptgründe, mich von diesen Menschen loszusagen. Für die einen war es klar, dass -er- mit dem Körper, in dieser Gruppe “nichts reißen” wird und für die anderen war klar, dass -er- mit dieser Nase nie den Typen kriegt, für den er gerade schwärmt.
“Und sie lassen dich spür’n, Sie können dich gut leiden, doch manche der Türen werden ein Leben lang zu bleiben” sang mal Kraftklub in einem etwas anderen Kontext.
Was ich mit diesen kleinen Erzählungen zeigen möchte: Auch wenn das am Anfang alles recht theoretisch klang – determinierende Faktoren, Durchdringung von subkulturellen Grenzen, etc. – hinter diesen Begriffen stecken am Ende ganz persönliche Zweifel am Selbstwert, Einsamkeit, Angst vor Identitätsverlust, der psychische Schmerz von Menschen. Wie jede Gemeinschaft birgt auch die queere Szene ihre eigenen, oftmals kultivierten Probleme – nicht minder gravierend, jedoch ebenso menschlich. Mal unterschiedlich, mal weniger intensiv, aber definitiv existent. Diesen inneren Widerspruch zum popkulturellen Image dieser Community zuzulassen, kann aber nur eine Stärke sein, da die Menschen in dieser Community nur so an diesen Problemen als Aufgaben arbeiten und wachsen können.
Identitäre Suchbewegungen als queere Person und Gruppen sind okay und normal, solange es keine pauschale negative Folgen für andere hat, nur aufgrund dessen, dass sie auf der anderen Seite der Grenze stehen. Im schlimmsten Fall fühlen sich die betroffenen Menschen in ihrem bisherigen queeren safe-space deplatziert, unwohl, ungewollt. Reden wir über Inklusion in diesem Kontext, spricht man keinem Individuum irgendetwas ab, keine für sich stehende Subkulturen werden zu einem Brei nivelliert. Wir reden über die Durchdringung von abgegrenzten Gruppen, die bestimmte Merkmale eint oder ihre eigenen Merkmale erschufen. Diejenigen, die diese Durchdringung als etwas gewaltsames wahrnehmen, fürchten die Öffnung ihres Schutzraumes, das Relativieren und das persönliche Zweifeln an Ihrer kollektiven Identität. Auch erstmal keine Reflexe, die man gleich verurteilen könnte, wenn man sich mit queerer Geschichte auseinandergesetzt hat. Niemand hat das gerne auch von queerer Identität gelöst.
Gleichsam fehlte es in meinen Erfahrungen den Menschen und teilweise auch mir an einer dieser Community nachgesagten Sensibilität mit solchen Grenzen gut umzugehen und die Demut vor der Einsicht, dass die queere Szene keine bunte Ausnahme von solchen Problemen ist.