Meine Stimme / Johanna-Maria / 11. Februar 2025
Warum ich dem „Feminismus“ abgeschworen habe
Johanna-Maria — 6 Min. Lesezeit
Unserer Autorin Johanna-Maria geht der aktuelle Feminismus zu weit. Warum sie ihrem Freundeskreis bescheinigt, einen falschen Feminismus zu leben und sie selbst sich gerne von Männern königlich behandeln lässt, erfahrt ihr im Text.
Männer brüllen „Your body, my choice“, Frauen antworten mit dem 4B-Movement, indem sie zum Beispiel sagen: „Wir wollen keine Kinder, keine Ehe“. Ein erster Schritt und ein erstes Aufbegehren. Besonders in den USA aber keine Kommunikation, sondern eine erneute Abgrenzung, durch ein Entscheiden zwischen Entweder und Oder. Ein Beispiel für Feminismus des Extremen.
Das, was wir heute Feminismus oder Eigenverantwortlichkeit der Frau nennen, habe ich selten in gesundem Ausmaß bei meinen Bekannten erlebt. Hier sind einige Beobachtungen, die ich, erst einmal nicht wertend, schildern möchte und selbst erlebt habe:
Alles, was potentiell als „zu weiblich“ gelesen werden könnte, wird gemieden, um feministisch zu sein: Wir setzen uns jetzt breitbeinig auf den Stuhl und rempeln selbstbewusst andere Männer auf der Straße an. Wir reden „männlich“, schmatzen und fühlen uns überlegen. Wir werden übergriffig, und quatschen den Typen an der Ecke an: „Geiler Bizeps“, sagen wir und fassen ihn am Arm an, kommen ihm offensichtlich zu nah, denn er weicht zurück.
Die traurige Frage ist doch manchmal: Was erwarte ich und was habe ich von Anderen zu erwarten? Wenn sich Feminismus in eine Richtung bewegt, die symbolisch agiert, indem Verhaltensweisen gespiegelt und dadurch auf sie aufmerksam gemacht wird, entsteht ein großer Spielraum für Missverständnisse. Feminismus wird zum Social-Media Trend und hier überwiegt nicht die Information, sondern nachweislich die Macht der Bilder und wie sehr ein Inhalt polarisiert durch fehlende Expertise der Nutzenden.
Betonen wir nicht in allem was scheinbar „feministisch“ in diesem Trend ist, die Unterschiede des Geschlechts und begreifen sie als alltagsbestimmend, statt unwichtig und überwindbar? Ist es nicht so, dass ich als Frau, wenn ich blute oder meine Tage habe, lieber mal mit geschlossenen Beinen dasitzen will? Dass ich Kleider mag und mir nicht jeder in den Schritt schauen soll und ich deshalb mit überschlagenen Beinen sitze? Auch einfach, weil ich will? Ich habe erlebt, dass eine Weigerung eines solchen Habitus in manchen Kreisen als das Gegenteil von feministisch, oder fortschrittlich, angesehen wird. Man hat mich gezielt darauf angesprochen, warum ich denn so „wie eine Frau“ auf dem Stuhl sitze – mit überschlagenen Beinen. „Das musst du nicht machen“, sagte eine Dame zu mir. Im Überschlagen der Beine hat sie ein Geschlecht gesehen, über das ich sonst nie nachgedacht habe. Viele meiner Freunde sitzen so. Und ehrlich gesagt ist es mir auch egal, weil es für mich nichts mit dem Geschlecht zu tun hat.
Es gibt Handlungen im Feminismus, die sind offenbar nicht radikal. Zum Beispiel wurde ich prüde genannt, weil ich gegen Periodenurlaub bin, in dem Sinne, dass ich mit einem, z.B. männlichen, Arbeitgeber nicht über meine Periode sprechen will, da es mir Unwohlsein bereitet – auch durch persönliche grenzüberschreitende Erfahrungen im Arbeitsverhältnis. Genauso habe ich eine Diskussion über Prostitution geführt, in der eine Frau am Tisch meinte, dass Prostitution unterstützt werden sollte und per se feministisch sei. Worin liegt hier der Kern im Feminismusbegriff? Definitiv nicht darin, zu behaupten, dass die meisten Frauen es gern und freiwillig machen. Wenn die eigene Lebensrealität die Faktenlage und das Leid von Minderheiten übergeht (Armut und Missbrauch sind häufige Umstände durch die Frauen in die Prostitution geraten und auch darin bleiben), kann man noch so sehr argumentieren, und liegt falsch. In eine falsche Richtung geht der Feminismus auch mit Mikrofeminismus. Mit ihm soll Geschlechterungleichheit entgegengewirkt werden, indem mit kleinen Gesten mehr Gleichberechtigung geschaffen werden soll, wie eingangs angedeutet habe. „Mit kleinen Gesten die Welt verändern“, „einen Denkanstoß geben“, „sexistische Verhaltensweisen spiegeln“ heißt es in Posts dann oft. Aber wir spiegeln nur und an diejenigen, die Männer sind, weil sie Männer sind. Ein sexistischer Fehlschluss bin ich der Meinung.
Für mich ist das keine Sichtbarmachung oder Legitimierung, wenn ich im Sinne des Mikrofeminismus jetzt wahllos Männern eine leichte Plastiktüte abnehmen will, um auf eine Norm „zu verweisen“, in der Männer Frauen fragen, ob sie Hilfe beim Tragen benötigen. Und ja, der rbb24 hat unter dem Titel „Mikrofeminismus: Wie kommt das an?“ tatsächlich eine genau solche Situation illustriert. Bewegt man damit tatsächlich etwas? Und ist es nicht so: Eine schlanke Frau braucht beim Tragen eines Reisekoffers nun mal durchschnittlich eher Hilfe beim Tragen als ein Mann, weil sie nicht genauso stark ist, wie er. Ich als Mann würde mich verarscht fühlen, weil ich es niemandem recht machen kann, Normen, die auch Ankerpunkt unseres Zusammenlebens sind, wegwerfen muss, die einer anderen Person an anderer Stelle aber wieder fehlen werden. Wenn es Mikrofeminismus ist, dass eine Frau plötzlich Männern die Tür aufhält, könnte man es vielmehr als Kritik am Verhalten der Frauen selbst sehen: Warum haben wir nicht schon vorher die Tür aufgehalten?
„Unfeministische Gesten“, wie das Türen aufhalten, betrachten die meisten dann doch nicht als Unterdrückung der Frau, sondern als nette Geste, Ritual und Bestandteil einer Beziehung auf Augenhöhe. Dann wieder gilt die Einladung des Mannes im Restaurant als zu altertümlich. Im Diskurs werden Erfahrungen über tatsächliche Sachlagen und Studien gestellt und wie so oft erhalten Tik-Toker und Menschen auf Instagram mehr Aufmerksamkeit als Fachpersonen wie z.B. die Politologin und Autorin Emilia Roig in einem Post, in dem sie darauf hinweist, wie gefährlich Feminismus wird, wenn die mächtigsten Frauen auf andere hinunterschauen und dadurch das Patriarchat verstärken. Viel Kritik ist nicht intersektional genug und bekämpft nur die Symptome, nicht den Ursprung der Sache selbst.
Meine Erfahrung ist auch die: Es gibt Frauen, die sich auch mal königlich fühlen wollen, indem sie sich ihr Leben bezahlen lassen oder als „Prinzessin“ in der Beziehung behandelt werden wollen. Das macht sie nicht unfeministisch, weil die Frage nach Gleichberechtigung keine Rolle spielt, sondern die Abmachungen, Wünsche und Präferenzen innerhalb der Partnerschaft. Diese Lebensrealitäten sind nicht ausgedacht, sondern ein Teil der Leben, die sich Milliarden Menschen auf sozialen Medien anschauen. Daran gibt es nichts auszusetzen. Gleichberechtigung endet nicht bei angepassten Gesten im Alltag, sondern ist Bestandteil dessen, was Norm ist und wir zur Norm gemacht haben. Ein Umsturz ist natürlich schwer und beginnt im feministischen Sinne mit dem geistigen Erkennen der Gleichwertigkeit.
Mikrofeminismus wird schnell zum neuen passiv-aggressivem „Wie du mir – so ich dir“, dass das Geschlecht und nicht die einzelnen Übeltäter*innen(!) ins Zentrum rückt. Ein fataler Fehler, wie ich meine. Und deshalb kann man gegen Ehe und Kinder sein, aber wer sagt: „Ich hasse Männer“, wie es nach der US-Wahl mitschwingt, da sich viele Frauen von potentiell Männern, die republikanische Sichtweisen vertreten, angegriffen fühlen. So jemand will keinen Frieden und hat auch den Feminismusbegriff nicht verstanden. Aber er äußert eine Wut, die wir doch alle teilen. Die Angst, nicht gehört zu werden und unterzugehen, weil wir einem Geschlecht angehören. Aber unterstützen wir bitte dennoch die Kultur der Liebe, nicht die des Hasses.