Unser Autor RobinO hatte eine Dating-App-Phase mit eher durchwachsenen Erfahrungen. Zwischen grenzwertigen Nachrichten und rassistischen Algorithmen durfte er auch einige nette Menschen kennenlernen. Warum Dating-Apps trotzdem wieder von seinem Telefon verschwunden sind, erfährst du im Text.
Ich weiß nicht mehr, wann genau ich mir die erste Dating-App runtergeladen habe. War wohl Tinder und damals noch ziemlich aufregend. Mit viel Sorgfalt wurde ein Profil erstellt und losgeswiped. Es fiel mir damals schwer eine Biografie zu verfassen, die mich nicht als leer, oberflächlich oder notgeil darstellte. Da das Niveau auf dieser App nicht sonderlich hoch schien, fiel meine Bio wohl gar nicht auf und die ersten Matches passierten. Im besten Fall kurz chatten, sich treffen und wenn es passte, ging es weiter.
So war die generelle Vorgehensweise und schnell fand sich eine gewisse Routine ein.
Meine Erfahrungen waren insgesamt durchwachsen. Vor allem meine Gefühlswelt während dem Benutzen jener Apps. Zwischen Sehnsucht und Begierde verlor ich mich in der Idee, der Algorithmus würde mir zur Erlösung verhelfen. Präsent waren Gefühle von Minderwertigkeit und Überheblichkeit, total verschoben wie die Schönheitsideale und Trends, die mich ansprachen. Die Linse, durch die ich blickte, direkt verbunden mit meinem Zeigefinger, auf niedrigster Frequenz, rhythmisch streichend, ohne Fokus, auf der Suche nach dem nächsten Match. Oftmals war es die erste und letzte App des Tages, die ich öffnete.
Ich durfte einige tolle Menschen kennenlernen und verbrachte eine wirklich schöne Zeit mit ihnen. Ein paar wenige sind heute noch meine Freunde. Ebenso hatte ich Begegnungen, die ich lieber vergessen will. Von Scamming über Cat-Fishing bis hin zu rassistischen Anmachen und Begegnungen: -Du bist mein erster Schwarzer – Bisher hatte ich noch keinen Schwarzen, der so gut war, wie du – Mein kleiner „Buschmann“ – du bist süß, aber ich date keine Schwarzen – und so weiter…
Dass Dating-Apps rassistische Algorithmen haben, ist für die, die es erleben offensichtlich. Es gibt nachweislich ethnische Gruppen, die stärker sexualisiert werden. Wahrscheinlich haben die meisten Menschen die sich nicht als Cis-Männer identifzieren, Erfahrungen gemacht, die nicht schön sind, da Anfeindungen gegenüber marginalisierten Gruppen an der Tagesordnung sind.
Obwohl ich quasi täglich beachtliche Zeit auf Tinder, Bumble & Co verbracht habe, hatte ich nie das Gefühl, dass ich gerade wirklich gerne hier bin. Benachrichtigungen waren immer aus doch dafür „checkte“ ich regelmäßig ob mich wer geliked oder geschrieben hat, und da ich schonmal hier bin kann ich ja ein bisschen swipen. Und schon sind 30 Minuten rum.
Ich habe auch Abos abgeschlossen, vergessen diese zu beenden und dafür bezahlt. Nicht nur mit Geld, sondern auch mit Zeit, Nerven und Selbstbewusstsein.
Und das alles wofür? Dass ich zum Teil verlernt habe, im richtigen Leben auf Menschen zuzugehen. Die vielen Gedanken, die ich der Selbstdarstellung und dem Feinschliff meines Dating Profils widmete, hätte ich auch anders nutzen können.
Unterbewusst habe ich Leute in Schubladen gepackt und sexualisiert. Ich denke, das liegt zum Teil an der Natur von Dating-Apps. Die vielen Momente, die ich auf Apps gelassen habe, waren notwendig, um dort anzukommen, wo ich jetzt bin. „Wieder“ verstanden zu haben, dass es viel schöner ist, jemanden im Alltag zu treffen, sei es auf der Straße, beim Sport oder sonstwo. Mich zu trauen den ersten Schritt zu machen und gegebenenfalls mit einem Korb klarzukommen. Wieder zu lernen, dass sich ein Korb auch gut anfühlen kann, weil der erste Schritt gemacht wurde.
Viele Menschen mögen das Konzept von Dating-Apps und sie finden, was sie suchen. Andere geraten ähnlich wie ich in einen Sog, der nicht wirklich zielführend ist und eine Auswirkung auf die Entwicklung haben kann. Ich bin froh, dass dieses Kapitel rum ist. Trotzdem halfen mir bestimmte Erfahrungen rückblickend, gewisse Dinge zu akzeptieren. Die Projektionen, Vorstellungen und Erwartungen der Leute sind wie sie sind.
Für mich heißt das z.B. Schwarz zu sein bedeutet einfach schwarz zu sein. In allen Bereichen des Lebens.