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Texte / Johanna-Maria / 1. Mai 2025

Selbstfürsorge, wenn ich sage: „Ich möchte das heute nicht“

Johanna-Maria

Johanna-Maria 4 Min. Lesezeit

#Featured #Mental Health #Therapie

Heilung ist immer ein Weg und irgendwann muss man den ersten Schritt wagen. Unsere Autorin Johanna hat eine Therapie begonnen – für sich aber auch für die Menschen, die sie liebt. Ein Essay über die Hürden des Suchens und auch des Finden eines Therapieplatzes.

Wovon rede ich im Folgendem, wenn ich meine, dass ich mehr Acht auf mich gebe und dass ein Erstgespräch bei der Therapie der bewusste Startschuss dafür war? Die Rede ist von Selbstfürsorge. Nach der Definition des Dudens beschreibt sie ein „aktives Bemühen um die eigene seelische und körperliche Gesundheit“.

Als ich beschloss, mich nicht länger zu verschließen und mein Leiden zu teilen, befand ich mich in keiner guten Verfassung. Um ehrlich zu sein, machte es die Suche nach einem Therapeuten via Telefon nicht leichter. Die Sprechstunden sind sehr eng gelegen und da ich unter der Woche fast täglich von morgens bis abends in den Semesterferien gearbeitet habe, kam ich nicht so schnell voran, wie erhofft. Aber ich befand mich plötzlich an einem neuen Punkt mit der Trennung von einem langjährigen Partner, dem (sich unendlich erstreckenden) Tief danach und dem Beginn einer neuen Partnerschaft für die ich von Anfang an kämpfen wollte. Meine Probleme waren akut und ich wusste: Mein Leiden ist auch das Leiden meines Partners. Mein Weg der Besserung ist auch sein Pfad zur Genesung. Der Entschluss: Lass es mich anpacken. Für mich und die aktuelle Beziehung.

Ich erinnere mich, wie aufgeregt ich vor dem Erstgespräch war. Die Verabredung zum Erstgespräch war unverbindlich und relativ zeitnah möglich, als das Telefonat endlich in meinen Alltag passte. Zahlreiche Gedanken durchfuhren mich dann: Wie fasse ich in Worte, was ich zu sagen habe? Was ist meine zentrale Herausforderung? Was ist, wenn ich weine? Wie bemisst sich ein Leiden, dass sich nicht artikuliert?

Die erste Begrüßung war kein Problem, die Atmosphäre behaglich. Krankenkassenkarte abgegeben, Formalitäten geklärt. Meine Bitte, mich auf die Warteliste für eine fortlaufende Therapie, welcher Art auch immer, zu setzen, wurde ernst aufgenommen und vorgemerkt. Zuerst wurden allgemeine Daten erfragt, wie den Verlauf meiner Schulzeit, das Verhältnis zu Familie und Freunden, ob eine Partnerschaft bestehe und wie es mir mit ihr ergehe. Wir tasteten uns näher an meine Gefühlslage ran, die ich bei der Terminvereinbarung als besonders wechselhaft und bedrückt hervorhob. „Was kannst du, deiner Meinung nach, besonders gut?“, fragte mich die Therapeutin. Was war das Bild von mir selbst, wie sah mein Alltag aus, was waren meine Ziele? Tatsächlich ist es wissenschaftlich untersucht, wie ein Erstgespräch abläuft: In der Verhaltenstherapie ist es gewollt unorganisiert. Unbewusste Inszenierung nennt man das, was auch ich am Tag des Erstgesprächs erfahren habe: Bei der Frage: „Weshalb sind Sie hier?“, wusste ich erst keine Antwort. Und dann sprudelten Sorgen aus mir heraus, die sie aufschrieb und die schon die unterbewussten Anteile von mir zur Therapie waren.

Ich musste feststellen, dass die Therapeutin nicht so gut zu mir passte und dass mir das weitere Öffnen hinsichtlich meiner Probleme schwerfiel. Aber auch dazu waren Erstgespräche gut, um das zu erkennen. Ich rief noch bei anderen Therapeuten an, doch wurde ich zunächst auf zahlreiche Wartelisten gesetzt. Die Therapiegespräche lehrten mich dennoch, dass ich Stärke besitze, mich meiner Vergangenheit zu stellen und ein Familientrauma aufzuarbeiten. Dass die Zukunft besser wird, auch, wenn man vielleicht mal Kinder bekommen wollte und sie nicht vorbelastet ins Leben starten. Es kostet viel Kraft, aber seit jeher komme ich ein bisschen besser aus seelischen Tiefs heraus, indem ich versuche, Regler (wie die, der Bewegung, des Essens, des Trinkens, der sozialen Kontakte und der Entspannung) hoch zu halten und zu reflektieren. Wenn gar nichts mehr geht, ziehe ich mich zurück und nehme mir die Zeit für was Schönes: Das ist bei mir das Lesen, ein Bad nehmen, Malen und Spazieren gehen. Wenn ich wegen meiner Periode wieder heftige Schmerzen leide, versuche ich nicht 100 Prozent zu geben, sondern vielleicht nur eine von 4 Lehrveranstaltungen zu besuchen, um im Rhythmus zu bleiben.

Diesen Text schreibe ich voll neu geschöpften Mut, da ich soeben einen Rückruf einer Praxis entgegennahm, auf deren Warteliste ich lange Zeit stand und die mir fortan eine Behandlung anbieten können. Es geht immer weiter und vorwärts, nur benötigt das manchmal Geduld und in den Anfängen auch mal Glück.

Und weil ich vor dem Therapieangebot vor allem selbst für mich sorgen und die Praktiken aus den ersten Gesprächen mit der Therapeutin anwenden wollte, kommt es nicht selten vor, dass ich mich aufgrund meiner Kraftreserven auch mal entschuldigen muss: „Ich möchte das heute nicht“, sage ich dann vorsichtig, aber bestimmt zu Gruppenaktivitäten für die ich von meinen sozialen Kapazitäten nicht bereit bin. Und das ist okay. Sorgt für euch und holt euch Hilfe, wenn es euch nicht gut geht – das ist ein starker Schritt und spiegelt die Dankbarkeit, die wir gegenüber unserem Körper, der stets für uns sorgt und kämpft empfinden sollten oder wieder zu empfinden lernen!