Zu Broke um Schön zu sein?
Sophia — 7 Min. Lesezeit
You’re not ugly you’re just poor! Durch Social Media sind wir jeden Tag mit Schönheitsidealen konfrontiert. Durch Foto-Filter und Schönheits OPs wurde eine Art von „Perfektion“ normalisiert, die eigentlich die Ausnahme und nicht die Regel ist. Durch immer niedrigere Kosten für Eingriffe, wächst der Druck und auch die Möglichkeit sich dieser gleichgeschalteten Ästhetik anzupassen. Kannst du dich dem Trend entziehen? Ein Essay von Sophia.
Vor einigen Jahren war es noch eine Seltenheit, jemanden zu treffen, der sich einer kosmetischen Operation unterzogen hatte. Vor allem Celebrities standen im Fokus der Klatschmagazine, die minutiös Vorher-Nachher-Bilder analysierten und wilde Spekulationen über vermeintliche Eingriffe anstellten. Heute jedoch ist der Anblick von mit Fillern behandelten Lippen oder gebotoxten Stirnen nicht mehr auf Hochglanzmagazine beschränkt.
Vielmehr sehe ich mit Filler behandelte Lippen nicht nur durch die Scheibe eines Taxis, sondern auch neben mir in der U-Bahn. Denn auch U-Bahn-Fahrende können sich Botox, Filler und Co. jetzt leisten, nicht weil die Löhne der Arbeitsgesellschaft gestiegen sind, sondern weil kosmetische Prozeduren immer zugänglicher gemacht werden. In städtischen Gebieten gibt es gefühlt an jeder Ecke einen Beautysalon, der auch Botox und Filler anbietet
Und nicht nur minimal-invasive Eingriffe boomen – auch größere Operationen wie Brustvergrößerungen oder Brazilian Butt Lifts sind so alltäglich geworden, dass selbst jemand mit einem kleinen Freundeskreis problemlos mehrere Menschen kennt, die sich operieren ließen.
Doch während es vor allem Frauen sind, die sich unters Messer legen oder sich Spritzen setzen lassen, sind es oft Männer, die davon profitieren – sei es als Hersteller der Filler, als plastische Chirurgen oder als Investoren in die milliardenschwere Beauty-Industrie.
Wer bis hierher gelesen hat, wird denken, jetzt kommt sie – die Moralkeule. Ganz klar ist dieser Text ein Bashing von Schönheitsoperationen und ein erhobener Zeigefinger auf diejenigen, die unnatürliche, unerreichbare Beauty-Ideale normalisieren.
Aber um ehrlich zu sein, überkommt mich immer als allererstes, wenn ich einer jungen Frau mit offensichtlich gespritzten Lippen über den Weg laufe, ein Gedanke: Ich kanns verstehen.
Schönheit öffnet Türen.
Attraktive Menschen werden nicht nur bei der Partnersuche bevorzugt, sondern haben auch im Berufsleben Vorteile. Der sogenannte „Halo-Effekt“, der besagt, dass attraktive Menschen als sympathischer, kompetenter und vertrauenswürdiger wahrgenommen werden, ist wissenschaftlich gut belegt. Wer den geltenden Schönheitsidealen entspricht, hat immer einen Punkt mehr auf dem sozialen Konto – auch beim Bewerbungsgespräch und bei der Wohnungssuche.
Daher klar, wenn du einen heftigen Zacken in der Nase hast, dafür vielleicht auch noch als Kind schikaniert wurdest, weil manchmal Kinder eben grausame kleine Erwachsene sind kann ich verstehen, weshalb man tausende Euro investiert um mit einer Stupsnase aufzuwachen. Es ergibt Sinn, dass man als Frau lieber mit einem vollen C Körbchen als mit einem Hauch von nichts das Partykleid anzieht. Leute behandeln dich halt wirklich anders.
Wer bin ich, um Menschen, insbesondere Frauen, den sozialen Aufstieg verwehren zu wollen? In welcher Position bin ich, um jemanden dafür zu verurteilen, dem Ideal zu entsprechen und die sozialen Benefits ernten zu wollen? Oftmals steht eben auch ein langer Leidensweg von Mobbing, Unsicherheiten und fehlendem Selbstbewusstsein vor einer Entscheidung, sein Aussehen maßgeblich zu verändern.
Ich habe vor allem erst mal Verständnis und Mitgefühl, denn am Ende des Tages wolltest du doch einfach nur schön sein.
Doch gleichzeitig macht mich das ganze System wütend. Es widert mich an, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der so viele Menschen das Gefühl haben, nicht genug zu sein. Dass einige wenige, die an der Spitze der Gesellschaft stehen, unerreichbare Standards setzen, von denen sie selbst profitieren – während der Rest versucht, mitzuhalten. Die Beauty-Industrie hat in der Vergangenheit von meinen Unsicherheiten profitiert und wird es auch weiterhin tun.
Noch frustrierender ist, dass wir uns dem oft kaum entgegenstellen. Jede einzelne Person, die etwas an sich machen lässt, trägt unweigerlich zur Normalisierung dieser Eingriffe bei. Je mehr operierte Gesichter wir sehen, desto mehr verändert sich unsere Vorstellung von „normaler“ Schönheit. Auf Social Media sind Botox und Filler längst keine Tabuthemen mehr, sondern werden als selbstbestimmte „Girlboss“-Moves gefeiert.
Yes girl, mach dir Botox, wenn du willst, your body your choice! Jede Entscheidung die eine Frau über ihren eigenen Körper trifft ist feministisch, selbst wenn die Entscheidung lautet diesen durch einen Eingriff zu verändern.
“Ich mache das für mich”, wird dann oft klargestellt, um nicht als Antifeministin rüberzukommen. Komischerweise drehen sich die “nur für mich” Eingriffe fast immer um weniger Bauchfett, vollere Brüste, schmalere Nasen und größere Lippen.
Es scheint mir, als würden wir uns alle kollektiv einreden, dass wir nur unsere eigenen Bedürfnisse umsetzen und auch nur dafür, dass wir uns selbst schöner finden.
Aber dass diese Bedürfnisse nicht von innen kommen sondern von außen, will niemand zugeben.
Du wirst nicht mit einer Abneigung zu deiner Nase geboren. Und auch wenn wir mit dem Narrativ gehen, dass es yes girlboss feminist ist, in der sozialen Hierarchie aufzusteigen durch kosmetische Eingriffe, die einem die Welt ein wenig mehr öffnen sowie das eigene Selbstbewusstsein boosten, so stellt sich immer noch die Frage:
Wem ist das möglich?
“Du bist nicht hässlich, du bist einfach nur arm.”
Eine Art Mantra der Gegenbewegung, die sich auf z.B. Tiktok zeitgleich verbreitet, dem ich durchaus zustimmen muss. Denn das Privileg, mehrere hunderte oder sogar tausende Euro dafür auszugeben, näher am Beauty ideal zu sein, hat nicht jeder.
Es ist wie so oft eine Klassenfrage. Diejenigen, die ohnehin schon privilegiert sind und über mehr Geld verfügen, haben die Möglichkeit sich head and shoulders knees and toes machen zu lassen, um auch die Privilegien freizuschalten, die sie bisher nicht hatten. Gerade Filler sind zwar immer günstiger zu bekommen, was allerdings auch an den fragwürdigen Quellen liegt. Um die Behandlung durchzuführen, braucht man keine ärztliche Ausbildung und Hyaluron-Filler kann man mittlerweile auf Aliexpress bestellen.
Was ich damit sagen möchte ist: Das Ganze ist mittlerweile finanziell für viele erreichbar geworden, auch wenn es schon etwas auf den Geldbeutel drücken wird, wenn man die Behandlung alle paar Monate auffrischen lässt. Für andere, die täglich mit steigenden Lebensmittelpreisen ringen, aber eben auch nicht.
Hinzu kommt, dass westliche Schönheitsideale zutiefst von Weißsein geprägt sind. Krauses Haar, breite Nasen, Monolids – all das entspricht nicht dem, was als „attraktiv“ gilt. Dunkle Körperbehaarung? Bloß nicht. Die Normschönheit, die uns als erstrebenswert verkauft wird, ist nicht nur teuer – sie ist auch zutiefst rassistisch geprägt.
Auch wenn ich verstehen kann wie auf einer individuellen ebene kosmetische Eingriffe durchaus empowering sein können und ich eine Einzelperson für den Versuch des sozialen Aufstiegs nicht verurteilen kann, so wünsche ich mir dass wir alle mehr Awareness dafür haben, dass unsere persönlichen Entscheidungen nicht in einem Vakuum existieren.
Denn wir alle tragen dazu bei: ein Schönheitsideal, was auf natürliche Art und Weise kaum erreichbar ist, wird gerade von der jüngeren Generation, die ihre Freizeit auf Social Media verbringt, als “Standard” gesehen.
Und auch wenn die Entscheidung “für einen selbst” getroffen wurde, so muss man anerkennen:
Eigene Entscheidungen haben auch Auswirkungen auf andere, egal ob du willst oder nicht.
Mir ist bewusst, dass ich als dünne weiße Person aus einer privilegierten Position heraus urteile. Denn auch wenn ich absolut flachbrüstig bin und auch im Erwachsenenalter mit Akne zu kämpfen habe weiß ich, dass ich in vielerlei Hinsicht in das Schönheitsideal gut genug herein passe, um nicht benachteiligt zu werden. Klar, auch ich habe mich mal darüber belesen, wie viel es theoretisch kosten würde, sich Eigenfett von den Beinen in die Brüste transplantieren zu lassen. Die meisten von uns, die kritisch gegenüber der Normalisierung von Filler und Co. stehen, sind auch nicht immun gegen den Druck, jung und schön zu bleiben.
Doch genau das ist in meinen Augen die einzige Lösung. Immer mehr müssen versuchen dem Druck zu widerstehen und sowohl sich selbst als auch andere um einen herum daran zu erinnern: hey, das ist halt eben nicht normal. Das ist halt eben nicht der Standard.
Die Standard Person hat Falten, etwas Bauchfett, Muttermale und vielleicht auch dunkle Haare auf den Armen.
Ich finde wir sollten Menschen, die ihr Geld in Filler und Botox stecken, mit Mitgefühl entgegentreten, denn wir stecken alle im selben Boot was die Erwartungen an uns angeht.
Allerdings sollten wir, wie ich finde, auch auf die Diskrepanz hinweisen, dass persönliches Empowerment eben nicht gleich Empowerment fürs Kollektiv bedeutet. Es ist eben nichts feministisch daran sich einer profitorientierten Kosmetikbranche und deren Standards für Frauen zu beugen, weil man das Geld dafür hat.
Aber es kann auch okay sein, wenn nicht jede deiner Entscheidungen feministisch ist.