Meine Welten / Marv / 11. September 2025
Nächster Halt: Wunderland. Ausstieg links.
Marv — 6 Min. Lesezeit
„Nächster Halt: Wunderland.“ – Eine U-Bahn-Fahrt zwischen Hass, Tränen und Hoffnung. Im ersten Text von Marv auf meintestgelände geht es um Mut, Verletzlichkeit und die Kraft des Zusammenhalts.
Vorwort: Am 12.6.2016 wurden im „Pulse“, einem schwulen Nachtclub in Orlando, 49 Menschen getötet und 53 verletzt. Im Nachgang fanden einige Gedenkveranstaltungen statt. Dort sang Sia ihren Song „Titanium“ in einer Balladen-Version. Es ist ein Song, der (nicht nur queeren Menschen) Mut macht und ausdrückt, dass wir stärker sind, als wir manchmal glauben. Schon vor jenem Vorfall hatte sie den Song bei LGTB*-Events performt, nach dem Anschlag umso häufiger. Er bestärkt fortan auch das Gemeinschaftsgefühl.
U3. Ich sitze am Rande eines Dreier-Sitzes.
Ich trage Brille, Bart und grüne Fingernägel – das heißt, ich bin einfach nur ich selbst.
Fühlt sich gut an.
Zwei Männer steigen in die U-Bahn ein.
Ihre Blicke bleiben an mir hängen, irritiert – und trotzdem setzen sie sich neben mich auf den leeren Dreier-Sitz. Absichtlich.
Sie machen die Beine breit (typisch Mann!) und blicken mich angewidert an, besonders meine Fingernägel.
In meinen Kopfhörern läuft „Titanium“ von Sia. Sie singt mir bestärkend zu: „I’m bulletproof, nothing to lose. Fire away, fire away.“, da höre ich, wie mich die Typen beleidigen: „Schwuchtel. Krankes Schwein!“
Aber von sowas lasse ich mich doch nicht provozieren! …
Dachte ich.
Die beiden Männer reden noch lauter. Absichtlich! Sie meinen: „Es gibt ja zum Glück noch genug alte KZs. Da MUSS man solche Leute alle verbrennen.“ Sie lachen eklig und rutschen mir noch dichter. Es riecht nach Alkohol und braunem Hass.
Obwohl sie mich nicht kennen, sagen sie solch unmenschliche Dinge. Und obwohl ich sie nicht kenne, verliere ich eine Träne. Denn es macht mich traurig… nein: wütend. Es macht mir Angst. Will sagen „Es reicht jetzt!“, aber ich bleibe still.
Denn „Bulletproof und Nothing to loose“ stimmen nicht: Die Würde mag unantastbar sein, mein Körper ist es nicht. Ich habe hier sehr wohl etwas zu verlieren: z.B. meine restlichen Zähne, und ich möchte auch nicht verbrannt werden, nur weil ich ICH selbst bin.
Endlich tönt es: „Ding-dong! Nächster Halt: Sierichstraße, Ausstieg links“, auch wenn die Situation hier gerade sehr rechts ist.
Ich stehe auf.
Die beiden Männer brüllen noch irgendwas von „Hoffentlich kriegt er AIDS und verreckt daran“, doch niemand anderes im Zug scheint es mitzubekommen.
Ich steige aus. Nächster Zug in 4 Minuten.
Ich warte nahe der Notrufsäule.
Neben mir steht eine junge Frau mit einer Katze auf dem Arm und einem Buch in der Hand: „Alice im Wunderland“. Sie lächelt mich hoffnungsvoll an.
Ich schaue weg, aus Scham, sie könnte meine Tränen sehen.
Erst einmal kurzer Reality-Check in der Amygdala: Sie meldet noch immer Alarm. Der Puls schlägt bis in die Ohren. Ich zittere. Tränen laufen meinen Wangen herunter. All das wegen dieser eben erlebten verbalen Gewalt.
Sie verletzt genauso, wie körperliche Gewalt.
Wenn du „Glück“ hast, dann triggert sie „nur“ ein ganzes Trauma. Und das hat nichts damit zu tun, dass du schwach oder empfindlich wärst, oder dass du „ein dickeres Fell“ bräuchtest – nein, Manfred, das sind keine echten Ratschläge. Das sind nur Schläge!
Ich meine: Ist es noch sicher, alleine unterwegs zu sein?
Wer würde mir helfen, wenn etwas Schlimmeres als eben passiert?
Andere Fahrgäste, die im Handy vertieft sind?
Das Pfefferspray, das ich erst ab 18 besitzen darf?
Die Polizei, deine Freundin und Helferin? (Dieselbe Polizei, die zuletzt von hinten eine Person of Colour erschießt, während die Bodycams ausgeschaltet sind?) …
Weiß nicht.
Ist wohl wahrscheinlicher, dass die junge Frau neben mir wirklich diese „Alice“ ist und mich mit in ihr Wunderland nimmt. Kann ja nur besser dort sein.
500 Herzschläge fährt die nächste U3 ein. Ich trete ein.
Ich schaue mich um, ob alle Menschen einigermaßen freundlich aussehen. Hier in Hamburg heißt das: Sie gucken aufs Handy, hören Musik, unterhalten sich feucht-fröhlich, oder haben ein Stück Rasen dabei, weil der HSV nach 7 Jahren endlich wieder aufgestiegen ist.
„Alles sicher!“, meldet meine Amygdala an das erschöpfte Herz.
Erleichtert lasse ich mich in einem Vierer-Abteil fallen.
Mir gegenüber sitzt bereits die junge Frau vom Bahnsteig eben, inklusive Katze, die zu grinsen scheint. Die Frau schaut kurz von ihrem Buch auf und lächelt mich wieder hoffnungsvoll an.
Ich verliere noch eine Träne.
Sie sieht es, ebenso wie meine bunten Fingernägel.
Ich schaue wieder weg und verliere mich in Gedanken.
Manchmal wäre ich gern woanders. Oder jemand anderes. Aber bitte nicht so breitbeinig-respektlos, und nicht so unzufrieden mit dem eigenen Leben, wie die Typen vorhin.
Jener Vorfall ist nur eine Mini-Spitze des Eisberges. Der Hass schläft nicht. Er wächst in der Stille und in den feigen Kommentarspalten. Und mit diesem Hass kommt die Gewaltbereitschaft, körperlich und verbal. Beängstigend!
Manchmal habe ich keine Kraft mehr. Bulletproof- und „Einfach-nur-du-selbst sein“ fühlt sich gerade tonnenschwer an, schwerer als all das Titanium dieser Erde zusammen.
Manchmal will ich nicht mehr kämpfen und Angst haben müssen, weder um mich, noch um meine Freund*innen.
Solch ein Wunderland wäre echt schön: Wo alles voller Respekt und Frieden ist. Ein Land, wo ich, du, wir in Ordnung sind, so wie wir sind.
Ein Land, wo nicht Alice, sondern Rechtsextreme und Hass als „verrückt“ gelten, Diagnose: kein Gehirn vorhanden (#afd). Ich meine, wir haben 2025 und queerfeindliche Gewalt, Rassismus, Femizide und mehr sind echt noch ein Ding?
Wie abgefuckt ist das?!
Es geht also nicht länger um mich oder um eine Minderheit (zumal Flinta* eigentlich nie eine Minderheit waren). Es geht ums uns alle als Gesellschaft. Um Demokratie und Sicherheit.
Wir Menschen sind bunt. Alle Farben zählen gleich viel (außer vielleicht braun und hellblau).
Meine Gedanken werden durchbrochen von der jungen Frau, die sich nun neben mich gesetzt hat: „Schschsch. Hey! Ich bin Alice.“, stellt sie sich vor, „Gemeinsam kriegen wir das hin. Versprochen! Komm mal mit!“
Da tönt es: „Ding-dong! Nächster Halt: Wunderland. Übergang zu Respekt, Sicherheit und weiteren Eigenschaften einer modernen Gesellschaft. Ausstieg links.“
Wir steigen aus, und ich … wundere mich: „Wunderland“?! Nein, das ist U-Bahn Kellinghusenstraße?! Es ist alles wie immer: Menschen, die aufs Handy schauen, Notrufsäulen, irgendwo chillt eine Grinsekatze.
Irritiert schaue ich zu Alice.
Sie nickt mir zu, lächelt wieder hoffnungsvoll und schlägt vor: „Lass uns was singen!“
„Ich?? Nein, ich kann nicht singen.“
„Doch, du kannst ALLES!“, bestärkt sie mich und nimmt meine Hand.
Und tatsächlich, ich beginne es zu fühlen: Gemeinsam sind wir stärker als all der Hass.
Also singen wir. Ziemlich schief, aber egal; wir singen drauf los:
“You shoot me down, but I won’t fall – I am Titanium!
They shoot us down, but we won’t fall – we are Titanium!”
Ja! Gemeinsam sind wir standhaft wie verdammtes Titan. WIR sind laut, damit wir uns alle sicher fühlen können – ganz egal welche Hautfarbe, Identität, Sexualität oder welches Geschlecht du hast.
Ich begreife: Das Wunderland ist bereits direkt vor unseren Augen. Wir müssen es nur gestalten und beschützen, sowohl die Welt selbst als auch uns Menschen.
Lasst uns also das tun, was im Sitzen (vor allem Männer) in der Bahn mit ihren Beinen tun sollten: zusammenhalten. So wie es schon Hunderttausende; Millionen vor uns taten.
Das Wunderland beginnt heute, genau hier in der Kellinghusenstraße, weil wir laut sind. „Hoffen und stillsein“ reicht nicht länger.
Gemeinsam nie wieder still.
Für Respekt. Für Liebe.
Für eine sichere Demokratie
für uns alle.
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