Ein philosophischer Blick von Mäx auf Männlichkeit: Kann man überhaupt‚ ein Mann sein‘ wollen – oder ist das alles nur ein Gedanke?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Ideen von Männlichkeit merkwürdig sind. Aber die eigentliche Frage ist doch, ob es überhaupt Ideen von Männlichkeit gibt, die nicht merkwürdig sind. Mir kommt die ganze Idee von Geschlechtlichkeit vor allem albern vor. So weit, so altbekannt. Aber so einfach ist es dann doch nicht. Seit einiger Zeit frage ich mich, ob ich nicht doch eigentlich ein Mann bin, oder sein will, ich fühle mich unwohl in meinem Körper, mit Binder tragen oder nicht, die Pille nehmen oder meine Tage bekommen, aber auch mit dem Gedanken, dass meine Stimme sich ändert, dass ich kein Gefühl mehr in meiner Brust habe, überhaupt damit, dass sich etwas ändern könnte. Seitdem ich mehr über meinen Körper und mein Geschlecht nachdenke, denke ich auch mehr über meine Sexualität nach. Wie würde es sich anfühlen, mit meinem Freund in einer schwulen Beziehung zu sein? Sind wir das nicht eigentlich schon? Warum fühlt es sich nicht so an? Habe ich Angst vor Anfeindungen? Würde sich unsere Dynamik ändern? Was wenn er mich nicht mehr mag? Was wenn ich ihn nicht mehr mag. Was spricht mich so an am Mann sein? Ist es das Bedürfnis nach Transzendenz, der Wunsch, über sich hinauszuwachsen? Das Bedürfnis ist groß; ich plane einen Umzug in eine mir unbekannte Stadt, ich versenke mich stundenlang in Texten zu Kritischer Theorie, ich romantisiere die Vorstellung von mir als nachdenklich-melancholischer Philosophiestudent, ich stelle mir vor, wie ich nach einer Transition aussehen würde. Aber ist das Männlichkeit? In einigen von Adornos Texten meine ich eine ungeahnte Sehnsucht und Verletzlichkeit zu erhaschen, ich frage mich, ob ich mich wohler fühlen würde in den paar Kleidern, die ich habe, wenn ich mehr aussehen würde, wie ein Mann. Ich hadere mit mir und meinen Vorstellungen, und was damit anzufangen ist, ich hadere mit der Kritischen Theorien und ihren konservativen Tönen, die immer schwerer zu ignorieren sind. Ein Jahr nach dem Tod seines Freundes Adorno spricht Horkheimer in einem Interview mit dem Spiegel (scheinbar das Mittel der Wahl für heikle Selbstkundgaben für die beiden), gleichzeitig von der Notwendigkeit des Transzendenten, wie davon, dass die Pille den Tod der wahren Liebe bedeuten könnte, und von der Wichtigkeit eines Familienpatriarchen. Die Vision der Kritischen Theorie war die Emanzipation der gesamten Gesellschaft, was fängt man mit solchen Aussagen an? Lassen sie sich trennen und negieren mit der eigenen Theorie, oder sind sie wie alles andere – untrennbar dialektisch miteinander verwoben? Ich schweife ab. Was sich zeigen lässt, ist das alles uneindeutig und aufeinander bezogen sowie unabgeschlossen ist; mal wieder. Das Ganze ist das Unwahre. Oder anders gefragt – gab es je eine Männlichkeit, die nicht in der Krise war?