Me Myself & I / Lina / 25. November 2025
Mein Körper ist nicht das Problem (da bin ich mir recht sicher)
Lina — 7 Min. Lesezeit
Ein Körper ist nie nur ein Körper. Er ist Projektionsfläche, Erwartung oder Bewertung.
Der neue Text von Lina handelt davon, was passiert, wenn die Welt uns erklärt, wer wir zu sein haben und wie wir lernen, uns trotzdem selbst zu gehören.
Ich hatte nie ein Problem mit meinem Körper. Gut, das stimmt vielleicht nicht ganz. Andere schon. Deshalb hatte ich dann auch ein Problem mit ihm.
Mein Körper ist mehrgewichtig, weich, sichtbar – und wird weiblich gelesen, auch wenn ich es nicht bin. Ich bin also gleichzeitig zu viel und zu wenig: zu groß für Restaurantstühle, zu rund für Mode, zu queer für das, was Leute glauben, sehen zu müssen.
Wenn ich alte Fotos von mir ansehe, sehe ich, wie mich eine sehr dünne Frau ansieht – fast noch ein Mädchen, das ich nicht mehr bin. Und trotzdem fühle ich mich genauso wie jetzt. Ich habe mich in jedem Stadium, in jeder Form meines Körpers gleich dick gefühlt, gleich zu viel, gleich zu massig. Obwohl ich jedes Mal sehr anders aussah. Ich habe mich nie gut über mich gefühlt. Ich habe mich immer gefühlt, als wäre ich nicht genug und zu viel auf einmal.
Ich liebe auffällige Mode, aber ich wollte nie zu auffällig sein – weil dann alle meinen Körper sehen.
Früher war ich traurig, wenn mir niemand auf der Straße hinterhergerufen hat. Ich dachte, Sichtbarkeit sei Bestätigung. Heute weiß ich: Sichtbarkeit ist eine Frage der Norm. Und Normen – das hat Maria Evteeva (2024) treffend beschrieben – sind Werkzeuge patriarchaler Kontrolle. Sie schreiben Körpern soziale Positionen zu, um sie gefügig zu machen. Misogynie, schreibt sie, „ist kein Zufallsprodukt, sondern das zentrale Regulierungsinstrument des Patriarchats“ (Evteeva und Burges 2024, 85).
Cat aus Euphoria hat einmal gesagt:
„I used to be so scared that people would notice I was fat. But now, I just don’t care. Because a fat girl who doesn’t care? That’s fucking unstoppable.“
Und das will ich auch sein.
Unaufhaltsam. Aber ich will das nicht trotz meines Körpers sein. Ich will das mit ihm sein.
Neulich habe ich wieder gemerkt, wie tief die Vorstellung sitzt, dass „dick“ nicht sexy sein darf.
Macht mal den Selbstversuch: Gebt bei Google „Plus Size Halloween Kostüm“ ein.
Was kommt?
Säcke.
Tier-Onesies.
Und irgendwo dazwischen steht das Internet und ruft: „Be confident!“
Zur Erinnerung: In Mean Girls sagt Cady Heron:
„In Girl World, Halloween is the one night a year when a girl can dress like a total slut and no other girls can say anything about it.“
Ich hab das mal versucht – bildlich gesprochen. Nur dass, wenn du „Plus Size Dessous“ suchst, das Ergebnis klingt wie ein Werbeslogan aus der Hölle: „Sexy für Mollige“.
Das klingt ungefähr so, als würde ein mittelmäßig gebildeter Mann über das „Stadtbild“ reden – gönnerhaft, aber ohne zu wissen, was er sagt.
Und selbst diese „Dessous für Mollige“ gehen meist nur bis Körbchengröße E. Vielleicht 100 cm Unterbrustumfang, wenn man Glück hat. Und dann sind die BHs in D auch noch gepolstert. Warum?
Ich hab 105 G – oder 100 H als Kreuzgröße – und ich schwöre: Ich bin so hot. Ich bin so sexy.
Warum will mich die Industrie nicht so sehen?
Die sogenannte Curvy Collection besteht oft aus Shapewear.
Die Brigitte, Ella und Bild der Frau sagen im selben Atemzug:
„Du bist gut so, wie du bist.“ –
und:
„So kommst du noch schnell in deinen Sommerbody.“
Ich hab die Diäten gemacht.
Ich war brav.
Ich war diszipliniert.
Und alles, was ich war, war schwach und ausgelaugt.
Genau so, wie sie mich haben wollten.
Sorana-Alexandra Constantinescu (2021) nennt das internalisierte Misogynie: den Moment, in dem Frauen gelernt haben, sich selbst zu kontrollieren, bevor es andere tun.
Wir werden bestraft, wenn wir auffallen – und nicht belohnt, wenn wir uns anpassen.
Wie Iris Marion Young (1992) schreibt, ist Unterdrückung kein einzelner Akt, sondern ein System aus „ökonomischer Ausbeutung, Marginalisierung, Machtlosigkeit, kulturellem Imperialismus und systemischer Gewalt“ (zit. nach Constantinescu 2021).
Wir leben in Strukturen, die uns lehren, wie wir uns zu formen haben:
Sei ehrgeizig, aber nicht zu laut; sei sinnlich, aber nicht sexuell; sei frei, aber bitte unauffällig.
Und wir fallen in diese Unterdrückung nicht, weil wir schwach sind –
sondern weil wir in ihr aufwachsen.
Constantinescu zeigt, dass Mädchen und weiblich sozialisierte Menschen schon in der frühen Jugend lernen, dass ihr Wert an Gefallen, Zurückhaltung und Kontrolle hängt. Zwischen elf und vierzehn, schreibt sie, verändert sich die Persönlichkeit vieler Mädchen: Aus mutigen, lauten, selbstbewussten Kindern werden Jugendliche, die plötzlich lernen, Platz zu sparen – in Stimme, Kleidung, Bewegung.
So wachsen wir in einem doppelten Spiegelkabinett auf:
Wir sehen, wie Frauen bewertet werden – und beginnen, uns selbst mit denselben Augen zu betrachten.
Wir übernehmen das Urteil der Gesellschaft, bevor jemand es ausspricht.
Wir internalisieren den Blick, der uns klein hält.
Evteeva (2024) beschreibt das als das perfide Prinzip des Patriarchats: dass es nicht nur über Macht, sondern über Bedeutung funktioniert. Weiblichkeit wird mit Schwäche, Abhängigkeit und Unfähigkeit gleichgesetzt – und alles, was davon abweicht, wird sanktioniert.
Akane Kanai (2020) ergänzt, dass selbst die neue, mediale „Freiheit“ für FLINTA-Körper meist an Bedingungen geknüpft ist: an Schönheit, an Ästhetik, an Marktfähigkeit.
Freiheit ist erlaubt, solange sie klickt.
Freizügigkeit wird gefeiert, solange sie der Norm schmeichelt; dieselbe Geste wird bestraft, sobald sie von einem Körper kommt, der nicht in diese Norm passt.
So funktioniert Kontrolle unter dem Deckmantel der Emanzipation:
Wir sollen frei sein, aber bitte nur so, dass es schön aussieht.
Wir sollen sichtbar sein, aber nur, wenn es sich verkaufen lässt.
Wir sollen selbstbewusst sein, aber nicht unbequem.
Wir fallen also nicht in Unterdrückung hinein –
wir werden in sie hineingeschult.
In jede Pose, jede Werbung, jede Bemerkung, jede Diät.
Und irgendwann können wir sie selbst reproduzieren, ohne dass jemand sie uns noch beibringen muss.
Das Patriarchat muss uns gar nicht immer aktiv unterdrücken – wir erledigen die Arbeit inzwischen selbst.
Und wenn ich dann auf der Bühne stehe, in einem Kleid, das ich liebe, und jemand sagt:
„Mensch, du bist aber mutig, dass du dich mit deinem Körper so etwas traust. Du bist ein Vorbild!“
dann weiß ich, das ist nett gemeint.
Aber wovon redet ihr?
Ich bin weder mutig noch gewagt noch zu viel.
Ich bin einfach da.
Ich bin einfach ich.
Ich freue mich ehrlich über jede Marke, die größere Größen führt.
Ulla Popken zum Beispiel: Die machen großartige, hochwertige Teile – gut verarbeitet, langlebig, bequem.
Aber trotzdem: Vieles davon sind Säcke. Stoffgewordene Unauffälligkeit.
Ich will nichts kaschieren. Ich will glänzen.
Ich will Kleider, die mich nicht verstecken, sondern feiern.
Ich will mich anziehen dürfen wie jemand, der sich liebt – nicht wie jemand, der sich entschuldigt.
Und ja, ich könnte mir Kleidung maßanfertigen lassen – es gibt fantastische kleine Brands, die das machen, die radikal inklusiv denken, die Körper ernst nehmen.
Aber die Realität ist: Ich habe nicht das Geld dafür. Nicht die Zeit. Nicht die Möglichkeit, mich jeden Tag neu zu erfinden.
Und trotzdem: Ich bin hier.
Ich bin sichtbar.
Mein Körper ist kein Kompromiss –
er ist Bühne, Zuhause, Widerstand.
Constantinescu, Sorana.
„How Does the Internalization of Misogyny Operate: A Theoretical Approach With European Examples“.
Research in Social Change, Bd. 13, Dezember 2021, S. 120–128.
https://doi.org/10.2478/rsc-2021-0013
Evteeva, Maria & Burges, Lucrecia.
Internalized Misogyny: The Patriarchy Inside Our Heads.
Bd. 14, 2024.
Kanai, Akane.
„Between the Perfect and the Problematic: Everyday Femininities, Popular Feminism, and the Negotiation of Intersectionality“.
Cultural Studies, Bd. 34, Nr. 1, Januar 2020, S. 25–48.
https://doi.org/10.1080/09502386.2018.1559869