Das „Cool Girl“ im Bett
Sophia — 8 Min. Lesezeit
Unsere Autorin hat lange Zeit performt, was das Patriarchat unter einem „Cool Girl“ versteht. Sie hat ihre Bedürfnisse nicht geäußert und Grenzen nicht gesetzt, um die Gefühle ihres Partners nicht zu verletzen oder gar seine Anerkennung zu verlieren. Das Cool Girl ist halt mit allem cool – bis sie sich dazu entschieden hat, sie selbst, statt cool zu sein. Wer damit ein Problem hat? Pech! Ein Essay über wahre Coolness.
„Oh bitte nicht“, denke ich mir aber mein Mund spricht den Gedanken nicht aus. Schließlich kann ich jetzt nicht den Moment verderben. Das käme total komisch rüber und er würde bestimmt super unsicher werden und glauben es sei seine Schuld. Mein größter Albtraum: Der Grund dafür sein weshalb sich mein Partner schlecht fühlt.
Also fühle lieber ich mich schlecht. Mit zusammengebissenen Zähnen lasse ich also meinen Kopf ins Kissen drücken und warte bis es vorbei ist. So schlimm ist es ja nicht und ich liebe ihn ja auch. Außerdem ist es ja nicht das erste Mal, sondern quasi Routine. Da kann man mal bisschen was wegstecken im Gegenzug dafür, dass er gleich glücklich und verschwitzt nichts sagend aus dem Bett steigen und sich eine Zigarette drehen wird. Ich werde dann lächeln und mir die Haare aus dem Gesicht streichen. Vielleicht bekomme ich sogar noch eine Umarmung. Ich mag Sex ja auch, die Details sind da nicht so wichtig.
Früher hieß es prüde, heute bin ich „vanilla“. Nicht falsch verstehen: Die sexuelle Revolution, die man als junge Frau in Hetero-Beziehungen durchmacht, hatte ich auch. Ich habe über den Tellerrand der Missionarsstellung hinausgeschaut. Ein bisschen heftigeres Anpacken, vielleicht ein wenig Choking – alles super aufregend. Sich auszuprobieren ist wichtig und ich finde es toll, wenn man findet was einem liegt. Wenn das deins ist: More power to you.
Ich dachte erst das liegt mir alles. Ich bin die Entspannte, mit mir kann man alles machen. Ich bin mir für Nichts zu schade. Nein heißt nein, aber ich sage immer ja. Ich bin nicht wie die anderen, ich bin pflegeleicht. Ich bin cool mit allem.
Das Cool Girl schaut zusammen mit ihrem Freund anderen Frauen hinterher – solchen mit engen Hosen und großen Hintern. Sie ist „eine von den Jungs“, nur eben heiß. Drama? Hat sie keinen Bock drauf. Sie trinkt mit, feiert mit, und ist selbst im Bett cool. Lust auf Sex hat sie immer, Aftercare braucht sie nicht. Du willst sie schlagen oder beißen, kein Problem da steht sie drauf. Auch Pornos schaut sie gern mit dir zusammen an. Das Cool Girl wird niemals zickig, niemals fordernd. Sie ist immer dabei – und nie bedürftig. Aber das Cool Girl ist eine Illusion. Sie existiert nicht wirklich. Sie ist eine Fantasie, die heterosexuelle Männer geschaffen haben und die ich lange versucht habe zu verkörpern. Schon in jungen Jahren lernen viele Mädchen, dass sie Lob ernten, wenn sie sich männlichen Interessen anpassen. Man „ist nicht so wie die anderen Mädchen“, wobei „das andere Mädchen“ eine zweidimensionale Parodie davon ist, was man(n) vom Mädchensein erwartet. Shopping ist für sie eine Sportart, sie trägt nur rosa und will irgendwann mal Lehrerin werden oder Tierpflegerin oder noch besser: Mama.
Mit 15 ist es eine Tragödie, wenn man in den Topf dieser vermeintlichen Mehrheit gesteckt wird. Dabei ist diese große rosa Masse keine Realität. Die aller wenigsten Mädchen und jungen Frauen entsprechen der oben genannten Beschreibung. Doch das wusste ich damals nicht. Also habe ich laut Twilight gehasst, meine Lieblingsfarbe war blau und Bier war lecker. Ich war nämlich ein Individuum und kein Teil der namenlosen pinken Karikatur. Wenn ich heute zurückblicke, empfinde ich Mitleid für mein jüngeres Ich. Genauso wie ich Mitleid mit den „Pick-Me Girls“ habe, die ich heute noch im Netz sehe. Diese Mädchen versuchen einfach nur zu zeigen, dass sie eine Persönlichkeit haben – dass sie nicht so sind wie „die anderen“.
Doch das war vor dem Abi, Tinder und dem 18ten Geburtstag.
Gerade hat man die Selbstreflexion erlangt das „Pick-Me“ Dasein abzulegen andere Frauen nicht als Konkurrenz anzusehen und sich selbst zu erlauben Musik von Taylor Swift zu mögen und rosa Kugelschreiber zu benutzen, da geht die Performance in anderen Kontexten nahtlos weiter. Ich war entwickelt genug um mich nicht mehr vor den Augen anderer Frauen unterscheiden zu müssen, aber in der Privatsphäre des sehr spärlich eingerichteten Schlafzimmers meines Freundes wollte ich noch immer cool sein.
Auch wenn ich keine Erfahrung mit Casual Dating hatte, fühlte sich mein Sexleben in einer mehrjährigen Beziehung oft genauso an. Im Bett wird kaum bis gar nicht geredet. Kommunikation war ihm zu unsexy, also beschränkte ich mich auf Geräusche. Nach dem Sex zusammen liegen bleiben und kuscheln ist so gar nicht seins, und deswegen brauche ich das auch nicht. Ist ja eh alles zu warm und schwitzig. Außerdem hat es auch etwas Ästhetisches direkt nach dem Sex aufzustehen und sich eine Zigarette zu drehen. Das ist so cool. Also rauche ich eine mit. Mein Blick folgt dem Rauch, der Richtung Decke aufsteigt und ich fühle mich plötzlich irgendwie leer. Doch bevor ich diesem Gefühl mehr Platz gebe beschäftige ich mich stattdessen mit der Frage, ob wir die Wände beim Umzug wegen Gelbstich streichen müssen. Je losgelöster und lockerer desto besser. Wir haben One-Night-Stands – seit 2 Jahren.
Es ist Sommer 2018, wir sind früh morgens auf dem Rückweg von meiner Uni-Party nach Hause und entscheiden uns doch früher aus der S-Bahn zu steigen. Die Sonne ist kurz davor aufzugehen als wir noch immer angetrunken lachend über die Museumsinsel rennen. Außer uns ist keiner da, es ist als wären wir die einzigen zwei Menschen auf der Welt. Es ist einer dieser Momente die man als „core memory“ bezeichnen würde. Doch auch diese Erinnerung hat einen Beigeschmack, denn aus welchem Grund auch immer fingen wir an über das Thema Pornos zu sprechen und welche Darstellerinnen er besonders attraktiv findet. Als Cool Girl macht mir das natürlich gar nichts aus. Im Gegenteil, als laute Supporterin von Sexarbeiter: innen überlege ich ob ich ihm zum Geburtstag ein Abo für eines der Onlyfans-Profile schenke. Damit ich die Namen nicht vergesse schicken wir eine WhatsApp Sprachnachricht in unseren Chat, in der er etwas zögerlich die Namen aufzählt und ich lachend über meine Geschenkpläne spreche und sage „Ich bin ja echt ne Traumfrau, support Sexworkers and Support your Boyfriend“.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich am Folgetag die Namen gegoogelt und die Frauen mit mir verglichen habe. Habe ich genauso schöne Haare, Brüste, Beine, etc.? Bin ich genauso dünn? Würde ich das auch mit mir machen lassen? Die Ganze Aktion war nicht seine Idee, sondern meine. Ich habe mir selbst den Tag vermiest. Und dann kam auch noch der Kater.
Schon lustig, wie offensichtlich verquer alles in Retrospektive scheint. Es ist eine große blinkende Leuchtreklame über meinem Kopf aber ich konnte sie nicht sehen. Ich habe die Rolle des Cool Girls nicht nur für ihn performt, sondern auch für mich selbst. Und ich war wohl ziemlich überzeugend.
Heute ist mir das Ganze fast peinlich. Wie sehr habe ich damals nach Bestätigung gelechzt, dass ich nie den Mund aufgemacht habe, wenn ich etwas nicht wollte? Im Gegenteil, ich machte es oft schlimmer. Was für ein Clown war ich? Doch es ist immer einfacher sein früheres ich zu verurteilen, sich über sie lustig zu machen und sich so doll es geht zu differenzieren, als Einfühlsamkeit zu zeigen.
Damals war meine Nummer Eins Priorität ihn bei mir zu behalten. Verlassen zu werden war bedeutungsgleich mit dem Ende der Welt. Deswegen musste ich alles tun um zu vermeiden, dass er geht. Es fühlte sich damals so an als wäre mein Leben davon abhängig. Unter dieser Prämisse verändert sich das Bild, welches ich von meinem jüngeren Ich vor mir sehe. Das weiße Make-Up und die rote Nase verschwinden langsam, darunter kommt ein trauriges Gesicht zum Vorschein, was zu oft Ablehnung erfahren hat und nun bitterliche Angst davor hegt.
Jahre später bin ich in einer neuen Beziehung in der ich genau das kommunizieren kann. „Es fällt mir schwer nein zu sagen.“ Meistens kann ich eine Grenze ziehen, wenn es nötig ist es doch manchmal kommt doch noch das Cool Girl heraus und will eine Performance außerhalb meiner Komfortzone darbieten. Einfach weil sie glaubt sie müsste.
Es gibt also kein Happy Ending in dieser Geschichte, nur Babyschritte in die richtige Richtung.
Mit 26 weiß ich: Das Konzept des Cool Girl simuliert sexuelle Freiheit. Während es den Anschein erweckt, dass sie sexuell befreit ist, ist ihre Freiheit in Wirklichkeit stark eingeschränkt, da sie immer noch innerhalb von einem männlich definierten Rahmen agiert. Sie verkörpert eine Fantasiefrau, die nicht nur sexuell verfügbar ist, sondern sich auch bewusst von traditionellen weiblichen Stereotypen distanziert – ohne jedoch die patriarchalen Strukturen, die dem Ganzen zugrunde liegen, infrage zu stellen. Ich war in Vergangenheit ein Cool Girl. Ich habe meine eigenen Grenzen kompromittiert aufgrund von persönlichen Ängsten und gesellschaftlichen Erwartungen, denen ich mit nicht einmal wirklich bewusst war das ich sie erfüllen wollte. Ich habe mich verletzten lassen und mich im selben Zug wiederholt selbst verletzt.
Doch dadurch, dass ich nun weiß welchen Preis ich dafür zahle um cool zu sein, werde ich in Zukunft inständig daran arbeiten noch viel, viel uncooler zu werden.