Unser Autor Beau findet, die aktuellen Lösungsvorschläge aus den politischen Reihen zeichnen sich vor allem durch eins aus: Grausamkeit.
Frauen wählen nicht, wie Konservative es wünschen? Weg mit dem Frauenwahlrecht. Die Renten sind nicht sicher und jedes 7. Kind lebt in Armut? Sollen sie doch in Aktiendepots anlegen. Wie Beau es schafft, nicht zu verzweifeln und was der christliche Glaube damit zu tun hat, erfahrt ihr im Text.
CDU-Mitglied Gundolf Siebeke schreibt auf X: „Sollte es so sein, dass Frauenstimmen den politischen Heiratsschwindler Robert H. ins Kanzleramt hieven und damit Deutschland über die Klippe, muss über das Frauenwahlrecht inoffiziell, über antiemotionalen Demokratieunterricht offiziell nachgedacht werden.“
Sollte es Diskurs über jeden Tweet/ Post von irgendeinem Deppen geben? Nein, denn dann wären wir ewig beschäftigt und noch dazu ziemlich schlecht gelaunt. Ich ziehe diese aufmerksamkeitsheischende Meinung von Siebeke nur exemplarisch heran – antiemotionaler Demokratieunterricht, was soll das überhaupt sein? Wie versteht Siebeke Demokratie – als eine Art Management-Programm, mit denen man einen Haufen Menschen möglichst wirtschaftseffizient organisiert? Ganz Margaret Thatcher – „there is no such thing [as society]! There are individual men and women and there are families and no government can do anything except through people and people look to themselves first.“
Die Haltung, das Menschen zuerst an sich selbst denken und deswegen zu allem, was mit anderen zu tun hat, gewissermaßen gezwungen werden müssen, hat sich in den Köpfen der meisten Partei-Obersten durchgesetzt. Antiemotionaler Demokratieunterricht – kühl und rational muss entschieden werden. Menschen, die nicht arbeiten wollen, müssen dazu gezwungen werden. Der Staat wird als Erzieher konzeptioniert, mit Zuckerbrot und Peitsche oder vielleicht nur mit Peitsche, Zuckerbrot für alle ist ja teuer.
Die massive Ungleichheit in Deutschland, die sterbende Mittelschicht, das neue Prekariat, die Wohnungsnot – wie adressieren wir es? Durch Grausamkeit. Wer in Zeiten von Dauerkrise, Inflation, einer stets wachsenden Zahl von psychisch und physisch Erkrankten in der Bevölkerung arm wird, der muss sich eben mehr anstrengen. Nach dem Anschlag in Magdeburg verlangt Ministerin Faeser mehr Befugnisse für die Sicherheitsbehörden, dieselben, die mehrmals vor dem Attentäter gewarnt wurden. Merz schlägt vor, dass ja auch schon Schulkinder für ihre eigene Rente in ein Aktiendepot einzahlen könnten – jedes siebte Kind in Deutschland ist dabei armutsgefährdet, und zwar jetzt gerade und nicht erst in siebzig Jahren. Das 49-Euro-Ticket – die bahnbrechendste (ha) verkehrspolitische Maßnahme in Deutschland seit Jahren – wird teurer, wenn nicht eh bald abgeschafft. Geflüchtete, die in kalten Hallen auf Feldbetten untergebracht werden, sollen mit einer Bezahlkarte einkaufen gehen, damit man kontrollieren kann, dass sie ihr weniges Geld bloß nicht für die falschen Sachen ausgeben oder gar außerhalb ihres festgeschriebenen Landkreises. Migrantische Wiederholungsstraftäter*innen sollen nach zwei Straftaten abgeschoben werden – als Straftat zählt auch so etwas wie Busfahren ohne Ticket.
Das ist vor allem eins: grausam. Grausamkeit ist im Kommen. Wieder modern oder vielleicht nie nicht modern gewesen. Ober-Nazi Höcke spricht 2019 davon, „wohltemperierte Grausamkeit“ einsetzen zu wollen in einer Periode des Wandels, in der er Deutschland von allen Menschen befreien möchte, die nicht in sein faschistisches Weltbild passen. Wir scheinen jetzt in einer Zeit angekommen, in der es wieder denk- und sagbar ist, dass Deutschland harte Männer an der Spitze braucht, Männer, die kalkuliert entscheiden, mit harter Hand regieren, et cetera, et cetera.
„I Don’t Know How To Explain To You That You Should Care About Other People“ – der Titel eines Artikel von Kayla Chadwik, 2017. Chadwick schreibt, dass sie nicht den Sinn darin sieht, mit Menschen über Politik zu diskutieren, die ein völlig anderes Verständnis von Gesellschaft haben als sie: „I don’t know how to convince someone how to experience the basic human emotion of empathy. I cannot have one more conversation with someone who is content to see millions of people suffer needlessly in exchange for a tax cut that statistically they’ll never see (…). I cannot have political debates with these people. Our disagreement is not merely political, but a fundamental divide on what it means to live in a society, how to be a good person, and why any of that matters.“ (*Übersetzung unten)
Dieser Paragraph packt ganz gut, warum mir meine persönliche Debattierlaune eher vergangen ist. Doch kenne ich genauso gut Menschen, die wesentlich konservativer als ich sind und denen ich trotzdem attestiere, das Herz am rechten Fleck zu haben. Trotzdem steige ich nicht in den Ring, um sie von meinen Haltungen zu überzeugen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass für sie Politik eine Art aufregendes Spiel ist – ein großes Debattierclub, ein Forum der Ideen und des fairen Austausches, in dem sie ihre großen Pläne präsentieren können. Für mich fing meine Politisierung da an, als mir mit 15 gesagt wurde, ich gehöre in ein Konzentrationslager, da ich bisexuell sei. Oder mit dem Aufwachsen in einer strukturschwachen Region. Mit dem Alleinsein als queere Person in der Schule und mangelnder sexueller Aufklärung. Mit den Hakenkreuz-Graffiti überall. Meine Politiken sind geleitet von sehr realer, greifbarer Angst – vor Freund*innen in Krankenhäusern, nachdem sie auf der Straße angegriffen wurden, von selbst erlebten Übergriffen – von Wut über die allgemeine Empathielosigkeit. Aber genauso gut von Liebe (klingt kitschig, ist aber so), Freude und Hoffnung, von genauso real erlebten alternativen Wohnformen, die mir gezeigt haben, wie schwierig und doch lohnend es ist, Solidarität im Alltag zu leben. Jedenfalls kann ich manchmal keine besseren Argumente präsentieren als – es ist richtig, sich umeinander zu kümmern.
Aber im Forum des knallharten Wortekampfes reicht das nicht aus. Wenn für meine Gegenperson nicht einmal vorstellbar ist, dass es nicht für alle Menschen möglich ist, sich selbst aus ökonomischer Schwäche heraus zu kämpfen, einfach arbeiten zu gehen, oder für ihre Kinder Geld für die Rente anzusammeln. Meine Idee von Gesellschaft kann aushalten, wenn jemand wirklich nicht arbeiten will (der winzige Prozentsatz, der das tatsächlich wäre), und genauso die „Freaks“ am Rand von normativen Gender-Vorstellungen. Bestimmtes Verhalten wird es immer geben, es hat sich durch Jahrtausende der Menschheitsgeschichte fortgeschrieben – Verhalten wie Drogensucht, Abtreibung, Sexarbeit, Queerness, Verhalten das gerne hart reglementiert und bestraft wird und sich dann eben unter noch schwereren Bedingungen weitergeht. Zu versuchen, Menschen durch harte Strafen hier zu „erziehen“, schlägt nachgewiesenermaßen fehl. Trotzdem scheint es der dominierende Ansatz der gegenwärtigen Politik zu sein.
Es ist auch schwierig, in so einer Stimmung politische Forderungen durchzusetzen, welche die Klimakrise einschränken würden, denn leider trifft die Klimakrise andere Menschen – die dann möglicherweise zu Geflüchteten werden – andere Lebewesen, hunderte Tier- und Pflanzenspezies außerdem – und nicht Aktiendepots. Zumindest nicht hart genug, und das Kalkül, dass sich die Wirtschaft schon zum Grünen wenden werde, hat sich offensichtlich nicht ausgezahlt.
Wie kann man nicht verzweifeln in Angesicht der Kälte der Welt? Ehrlich gesagt, ich habe keine allgemeinen Antworten. Sich nicht von der Grausamkeit vereinnahmen lassen, das ist eins. Auch für mich ist die Grausamkeit nie fern, auch mein Denken verhärtet schnell. Ich muss mich darauf konzentrieren, dass ich meine politischen Gegner nicht tot sehen will. Ich will sie auch nicht leiden sehen. Ich will, dass sie ihre Herzen erweichen und verstehen, so langweilig und uncool und auf den ersten Blick wenig radikal das klingt. Also hier mein Aufruf – werdet zimperlich, werdet emotional, lose your cool.
Ansonsten – ich habe den christlichen Glauben für mich wieder gefunden, das hilft zumindest mit der allgemeinen Empathieschwäche, die sich auch in mir niedergeschlagen hat. Ab und zu schalte ich die Nachrichten aus (metaphorisch, eigentlich schließe ich nur einen Tab) und kuschele dann mit meinen Freund*innen am warmen Kamin, das hilft auch. Alles Schritte, die man tun muss, um klarzukommen, um an einen Punkt zu kommen, von dem an man dann politisch aktiv, solidarisch sein kann, mit anderen teilen kann – in Suppenküchen, auf Demos, als Knastunterstützung, als Autofahrer*in für Kranke. Es wird immer andere Wege geben als Grausamkeit.
* “Ich weiß nicht, wie ich jemanden davon überzeugen kann, sich auf das grundlegende menschliche Gefühl der Empathie einzulassen. Ich kann kein weiteres Gespräch mehr mit jemandem führen, der damit einverstanden ist, dass Millionen von Menschen unnötig leiden, als Gegenleistung für Steuersenkungen, die wir, statistisch betrachtet, nie erleben werden (…). Ich kann mit diesen Leuten keine politischen Debatten führen. Unsere Meinungsverschiedenheit ist nicht nur politischer Natur, sondern handelt von einem grundlegend anderen Verständnis davon, was es bedeutet, in einer Gesellschaft zu leben, wie man ein guter Mensch ist und warum das alles wichtig ist.“ – Kayla Chadwik, 2017