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Meine Stimme / Sara / 15. Mai 2025

Psychische kranke Eltern oder auch „bin ich eigentlich schuld?“   

Sara

Sara 5 Min. Lesezeit

#Eltern #Featured #Mental Health #Mentale Gesundheit

In ihrem neuen Text reflektiert Sara über ihre herausfordernde Kindheit mit einem psychisch kranken Vater und den Auswirkungen auf ihr Leben. Sie beschreibt den Kampf um emotionale Nähe, die Suche nach Identität und die Erkenntnis, dass die Verantwortung für familiäre Konflikte nicht bei ihr liegt.

Solange ich denken kann, war bei uns zuhause irgendwas anders als bei anderen Familien. Meine Eltern haben sich getrennt, als ich 8 Jahre alt war, und haben sich auch vorher nicht großartig gut verstanden. Es gab Zeiten, in denen wir als Familie verreist sind oder Dinge unternommen haben, aber auch das war irgendwann vorbei.
Meine Mutter war eine eher unternehmenslustige Person, die mich öfter zu ihren Freund*innen mitnahm und dort lange Zeit verbrachte. Schon damals störte sich mein Vater daran, dass sie „zu viel unternehmen würde“ und „man gar nicht so viel rausgehen müsse“. Er lebte er zurückgezogen und vertraute auch seinen eigenen Freund*innen nicht, zu denen er den Kontakt in Laufe der Zeit vollständig verlor.

Als meine Eltern sich trennten, entschied ich mich weiterhin bei meinem Vater wohnen zu bleiben, da er der Hauptverdiener war und aus anderen Gründen wie das stabilere Elternteil wirkte. Meine Mutter wanderte irgendwann zurück nach Georgien zurück und der Kontakt versiegte allmählich.

Zurück verblieben mein Vater und ich, der sich als wesentlich instabiler erwies als ich. Schon früh merkte ich, dass er einen sehr kurzen Geduldsfaden, fast keine Frustrationstoleranz und vor allem keinen gesunden Umgang mit seinen Emotionen hatte. Ein richtiges Familienleben war ebenfalls sehr schwer, besonders viel Geld hatten wir nicht und selbst kleine Aktivitäten wie ein Eis draußen essen oder einen Kaffee trinken empfand er als reine Zeitverschwendung. Jegliche Aktivität, die für mich mit Unbeschwertheit zusammenhing, war mit ihm unmöglich zu schaffen.

Wenn ich bei Freund*innen zu Abend aß oder mit ihnen Zeit im Garten beim Grillen verbrachte, merkte ich vor allem eins: Hier waren alle willkommen und es wurde sich sogar über jede einzelne Person gefreut. Wenn ich dann zurück nach Hause kam, wurde ich angeschrien, warum ich nie zuhause sein würde und ständig bei Fremden sein muss. Es war klar erkennbar, dass mein Vater erkannte, dass er nicht der Familienvater sein konnte, der er eigentlich gerne wäre. Andere nahmen diesen Platz an seiner Stelle ein.

Vor allem im Teenageralter fiel mir immer mehr bedenkliches auf, unsere Toilette war nie sauber, weil es aufgrund der Depression meines Vaters zu viel Aufwand war zu putzen. Ebenso war es mit der Wäsche, die ich angeblich zu kurz tragen würde. Meinem Vater war es egal, dass seine irgendwann anfing zu riechen. Staubsaugen oder andere Putzeinheiten kamen ebenfalls kurz, wenn ich diese mal übernahm, wurde ich ebenfalls zusammengefaltet, weil dies nicht meine Aufgabe sei. Das mochte vielleicht stimmen, der Anspruch war, dass er alles allein schaffen wollte, aber es war schlicht und einfach nicht möglich.

Die Anwesenheit meines Vaters war wie eine dunkele Wolke im Haus. In meinen Teenagerjahren kam ich nur aus meinem Zimmer, um zu essen, zu trinken und zu duschen. Ich wartete bis um 12 Uhr, bis ich frühstückte, weil ich wusste, dass er dort immer täglich das Haus verließ. Ich hörte jeden einzelnen nahenden Schritt und das Hoftor, damit ich schnell in mein Zimmer verschwinden konnte. Wenn ich mit ihm sprach, endete es immer im Streit. Mein Vater hatte nie gelernt eine Beziehung mit Harmonie zu gestalten und konnte Nähe nur durch immerwährende Konflikte erzeugen.

Alles, was ich tat, um dieser Umgebung zu entkommen und mit meinen eigenen Lieblingsmenschen zu gestalten war falsch. Essen zu gehen war falsch – er hätte ja selber kochen können. Nach Kanada zu fliegen sei falsch – es ist viel zu gefährlich und ich kann das doch gar nicht. Abends wegzugehen war falsch – das ist auch viel zu gefährlich.

Ich erkannte irgendwann, dass nicht ich das Problem war und ich nicht schuld an unseren ständigen Streits war. Zwar erst nachdem ich alle fragwürdigen Wege an Nähe und Beziehung zu kommen, abgeklappert habe, aber der Punkt kam dennoch. Auch nach vielen Gesprächen erklärte sich mein Vater nie bereit eine Therapie zu machen, obwohl er mich jahrelang fast täglich anschrie oder auf andere Art und Weise, versuchte kleinzuhalten, damit ich ihn ja nicht verlassen würde. Er erkannte niemals an, dass sein monotones Leben, dass er abends mit Bier und Weinbrand versuchte erträglicher zu machen, nicht alles sein konnte, was es im Leben gab.

Meine jetzige Berufsausbildung war ihm ebenfalls ein Dorn im Auge, weil es nicht das Prestige einer Anwältin oder Ärztin mitbrachte, dass er als angemessen erachtete. Dass ich heutzutage trotzdem ein gutes akademisches Gehalt bekomme, eine glückliche Beziehung führe und allgemein ein sehr stabiles Leben führe, passt nicht in seinen Lebensentwurf. Und nach jahrelangem Zweifeln an meiner eigenen Wahrnehmung und der Frage, ob ich daran Schuld bin, dass ich keine Beziehung zu meinem Vater habe, verstehe ich, dass es nicht das ist.

Vielleicht hätte ich ohne die Depression meines Vaters eine „normale“ Vaterfigur gehabt, vielleicht wären meine Eltern noch zusammen, vielleicht wären aber doch die konservativen Werte zwischen uns gekommen?

Letzten Endes ist es nicht die psychische Erkrankung, die ihn vollständig ausmacht, hätte er sich therapeutische Hilfe gesucht, wäre ich natürlich mit ihm in Kontakt getreten. Wenn ich heutzutage Menschen begegnen, die mentale Herausforderungen haben, weiß ich vor allem eins: Das ist alles kein individuelles Problem, das nur einen Mann wie meinen Vater betrifft, es ist der gesellschaftliche, kapitalistische Druck, es ist Gewalt, es ist Armut, es sind Schicksalsschläge, es ist Genetik oder es passiert einfach so, aus dem Nichts.

Die einzige Medizin, die da hilft, ist Aufklärung, Ausbau von therapeutischen, psychologischen und psychiatrischen Stellen und natürlich Enttabuisierung. Es ist nie zu spät ein neues Leben zu beginnen und den Mut zu fassen, sich Hilfe zu suchen.