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Meine Stimme / sabylonica / 19. August 2025

Männlich, männlicher & am männlichsten

sabylonica

sabylonica 3 Min. Lesezeit

#Featured #Männlichkeit

In seinem*ihrem neuen Text schreibt sabylonica über Männlichkeitsbilder, Konkurrenz, Verletzlichkeit und die stille Krise hinter der starken Fassade.
Dabei geht es um Druck, emotionale Enge – und die Chance auf neue Männlichkeiten.

Männlichkeit ist ein seltsames Konstrukt. Sie ist überall und doch irgendwie ungreifbar. Sie brüllt laut, hört sich aber selbst nicht. Sie will stark sein, zeigt dabei aber kaum, wie verletzlich sie eigentlich ist. Von klein auf wird beigebracht, wie „ein richtiger Mann“ zu sein hat: hart, unabhängig, rational, durchsetzungsstark. Nicht zu emotional, nicht zu weich und bloß nicht „zu weiblich“. Der Junge, der weint, wird zurechtgewiesen. Der, der sich prügelt, wird bewundert. Und irgendwo dazwischen wachsen sie heran, ohne je gelernt zu haben, was Nähe bedeutet – außer in Form von Wettkampf oder Brüderlichkeit beim Konsum von Alkohol.

Das wird durch das Patriarchat bestärkt, das nicht nur Ungleichheit zwischen den Geschlechtern produziert, sondern auch jene frisst, die es angeblich schützt. Denn unter der Oberfläche der männlichen Überlegenheit brodelt ein enormer Konkurrenzdruck. Männer messen sich gegenseitig: Wer ist erfolgreicher? Wer hat den besseren Körper? Wer verdient mehr? Wer ist cooler, souveräner, „männlicher“? Der Satz „Ich bin männlicher als du“, ob ausgesprochen oder nur subtil performt, ist dabei keine bloße Phrase. Es ist eine Kampfansage. Ein Ranking von Männlichkeiten.

Diese Konkurrenz funktioniert wie ein ständiges Bewerbungsgespräch um Anerkennung. Aber es gibt kein Ende, keine Zusage, keinen Vertrag – nur weitere Hürden: Wie reagierst du unter Druck? Wie gehst du mit Ablehnung um? Wie „gut“ bist du im Bett und mit wie vielen? Wer sich diesem Spiel entzieht, wird schnell abgewertet: „Unmännlich“, „weich“, „unterwürfig“. Wer mitspielt, geht meist daran kaputt. Denn auch der vermeintlich dominante Mann trägt Unsicherheiten mit sich herum, die nur nicht sichtbar werden dürfen. Also macht er dicht, versteckt die Unsicherheiten hinter Sarkasmus, Wut oder übertriebener Coolness.

Das Fatale ist, dass die meisten Männer nicht mit der Freiheit aufwachsen, sich selbst zu definieren, sondern mit der Aufgabe, sich in eine Rolle zu zwängen. Durch diese Rolle verlernen viele, Emotionen zu zeigen, aber auch eine gesunde Beziehung zu führen – zu anderen Männern, zu Frauen oder zu sich selbst. Wenn alles Konkurrenz ist, gibt es wenig Platz für ehrliche Verbindung. Wenn Zärtlichkeit als Schwäche gilt, wird Nähe zur Bedrohung. Und wenn Verletzlichkeit tabuisiert wird, bleibt nur Härte – gegen andere und gegen sich selbst.

Aber genau hier beginnt ein Umdenken. Immer mehr Männer stellen sich die Frage: Was bedeutet Männlichkeit für mich – abgesehen von Klischees, Erwartungen und Rollenvorgaben? Was will ich wirklich fühlen, sagen und zeigen? Wer bin ich, wenn ich nicht ständig performen muss? Diese Fragen sind unbequem und erfordern Mut, vor allem weil sie oft gegen alles stehen, was uns beigebracht wurde. Aber sie sind notwendig. Denn solange Männer sich über „Männlichkeit“ definieren – durch Wettbewerb, Machtanspruch oder Statussymbole – bleiben sie Teil eines Systems, das sie selbst klein hält. Doch in dem Moment, in dem sie anfangen, diese Konkurrenz zu hinterfragen und erkennen, dass ihr Vergleich genau das Gegenteil von echter Stärke ist, entsteht Raum für etwas Neues: Authentizität. Für eine Männlichkeit, die sich nicht über Abgrenzung definiert, sondern über Verbindung.

Zudem ist die Aussage „Ich bin männlicher als du“ eine Bestätigung dessen, was viele Männer vehement ablehnen: dass es Männlichkeiten im Plural gibt. Dass Geschlecht kein Naturgesetz, sondern ein soziales Konstrukt ist, in dem jeder Mensch auf irgendeine Weise Position beziehen muss. Wenn also jemand sagt: „Ich bin männlicher als du“, steckt darin mehr Wahrheit, als ihm bewusst ist. Denn genau diese Aussage macht deutlich, dass Männlichkeit kein starres oder klares Ideal ist, sondern ein Spektrum. Ein sich wandelnder Begriff, der nie nur eine Bedeutung hat. Und damit, ob gewollt oder nicht, öffnet sich eine Tür für Veränderung.