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Meine Stimme / Eileen Ahland / 28. August 2025

Unscheinbar, aber zerstörend: Mikroaggressionen

Eileen Ahland

Eileen Ahland 4 Min. Lesezeit

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Mikroaggressionen wirken beiläufig – und verletzen tief.
Im ersten Text von Eileen bei meintestgelände schreibt sie über Alltagsdiskriminierung, Sprache als Waffe und die stille Kraft, sich dagegen zu wehren.

„Hätte ich dir als Frau gar nicht zugetraut“, „Kannst du mit den anderen überhaupt mithalten?“, „In deinem Alter hat man keine Depressionen“, „Sex zwischen Frauen? Geht das überhaupt?“ 

Diese unscheinbar wirkenden alltäglichen Äußerungen sind Paradebeispiele für sogenannte Mikroaggressionen, die eine Form von Alltagsdiskriminierung sind. Menschen, die sie anwenden, sind sich ihrer verletzenden und stigmatisierenden Wirkung häufig nicht einmal bewusst. Und doch sind Mikroaggressionen machtvoll und richten sich meist an marginalisierte Menschen, also auf solche, die aufgrund bestimmter Merkmale und ihrer Bewertung gesellschaftlich benachteiligt sind. Es ist wichtig, Mikroaggressionen ernst zu nehmen und ihre Formen und Facetten zu kennen, um für sich und andere einzustehen und versteckte Diskriminierung zu entlarven. 

Zur marginalisierten Gruppe gehören beispielsweise Menschen, die von Armut gefährdet oder betroffen sind, psychische Erkrankungen haben, unter- oder übergewichtig sind, nicht-heterosexuell leben, nicht-binär sind, einen Migrationshintergrund haben sowie Frauen. Auch wenn seit vielen Jahren eifrig für die Geschlechtergleichstellung und -gerechtigkeit gekämpft wird, sind Mädchen und Frauen noch immer gesellschaftlich benachteiligt. Das verdeutlicht beispielsweise ein Blick auf die Berufswelt, in der Frauen 16 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen verdienen (Gender Pay Gap). Und warum? Genau – weil sie Frauen sind.  

Frauen wird häufig nicht zugetraut, handwerklich geschickt zu sein (Mikroaggression: „Sicher, dass du das kannst?“) oder Führungs- und Leitungspositionen zu managen (Mikroaggression: „Als Leitung musst du dich aber durchsetzen können“). Ist eine Frau beispielsweise zusätzlich lesbisch, vereinen sich zwei Merkmale, die in die gesellschaftliche Marginalisierung münden: Weiblichkeit und Homosexualität. Das wird in der Fachliteratur als Intersektionalität bezeichnet – wenn mehrere Diskriminierungsformen zusammenwirken und sich gegenseitig beeinflussen.  

Frauen, die lesbisch sind, müssen sich oft Äußerungen anhören wie: „Seit wann bist du lesbisch und wieso?“ oder „Du hattest nur noch keinen guten Sex mit einem Mann“, bis hin zu anzüglichen und – wirklich ekelhaften – Kommentaren wie: „Ich kann alles, was eine Frau auch kann – soll ich dich davon überzeugen?“. Nein, einfach nein. Sexualisiere mich nicht. Versuche nicht mich zu überzeugen oder umzustimmen. Meine Orientierung stellt keine Verhandlungsbasis dar. Sie ist viel mehr als nur eine Entscheidung. Sie ist Teil meiner Identität, die sich für mich richtig und stimmig anfühlt. Bitte akzeptiere das, lasse deine widerlichen Kommentare bei dir, gehe weiter und lasse mich in Ruhe leben. Danke. 

Mir sind Mikroaggressionen nicht fremd. Wie oft musste ich mir anhören, ich sei „zierlich“, „viel zu dünn“, „zerbrechlich“. Oder wie eine Krankenschwester neulich zu mir meinte: „An Ihnen ist ja auch nichts dran“. Ja, einen Weltrekord für den massivsten Körperumfang werde ich nie aufstellen. Aber nur, weil ich schlank bin, heißt das nicht, dass mein Körper Zielscheibe für Mikroaggression, Demütigung und Abwertung ist. Nein, ich habe keine Essstörung, ich bin nicht magersüchtig. Ja, Essen bereitet mir Freude. Nein, ich brauche keinen Ernährungscoach. Ja, ich achte auf mich. Nein, ich stecke in keiner Krise. Ja, ich bin schon immer so schlank. Nein, hör bitte einfach auf damit. 

Von solchen Kommentaren bin ich über die Jahre müde geworden. In der Oberschule wurde ich „Bohnenstange“ genannt. Solche Kosenamen sind nicht witzig, sie tun weh und attackieren den Selbstwert. Von einer Lehrerin wurde ich in der zehnten Klasse gefragt, ob ich zu Hause ausreichend Essen bekomme und ob es normal ist, so dünn zu sein. Zur Begrüßung fragte mich neulich eine mir bis zu dem Moment unbekannte Ärztin: „Sie sind aber sehr dünn. Haben Sie eine Essstörung?“. Danke für so viel Feingefühl. So herzerwärmend wurde ich selten begrüßt. 

Bitte hört auf, über meinen oder den Körper von anderen Menschen zu urteilen, ihn zu bewerten oder mit unsensiblen Fragen zu kritisieren. Das kann ziemlich weh tun und langfristig kaputt machen. Ich zweifle daran, dass es Menschen bewusst ist, wie kraftvoll und wirkungsmächtig Worte sein können. Dass es einen großen Unterschied macht, wie etwas formuliert ist. Die Lebensphilosophie scheint von vielen „Erst sprechen, dann denken“ zu sein – wobei das anschließende Denken für sie womöglich eine Herausforderung zu sein scheint.  

Bei mikroaggressivem Verhalten fehlt alles, was für eine Begegnung auf Augenhöhe wichtig ist: zwischenmenschliche Wärme, Respekt, Wertschätzung, Toleranz, Empathie, Wohlwollen. Mikroaggressionen sind immer von oben herab – auf die, die ohnehin benachteiligt und demzufolge mit erschwerten Bedingungen konfrontiert sind. Die aber nicht „anders“ oder weniger wert sind als der Rest der Gesellschaft. Erst in den Köpfen der Menschen formen sich Etikette wie „anders“, „abweichend“, „suspekt“ oder „unnormal“. 

Ich weiß, wir Menschen bewerten gerne und viel, urteilen über alles und jeden mit großer Leidenschaft, vor allem dann, wenn es uns gar nicht zusteht. Aber sich Stück für Stück und bewusst in einer Haltung zu üben, die Gegebenheiten und Menschen einfach annimmt und akzeptiert, gefällt nicht nur dem eigenen Seelenfrieden, sondern auch dem Gesellschaftsfrieden. Namaste.