In ihrem neuen Text schreibt Laura über performative males und warum die Kritik an ihnen nicht immer fortschrittlich ist.
2021, zweites Date, wir sind bei ihm in seiner WG, er kocht. An seinem Kühlschrank kleben FCK-AFD-Sticker, in seinem Bad steht eine Schale mit Tampons und Binden, es läuft „paris“ von JEREMIAS. Später in seinem Zimmer liegt Untenrum frei auf seinem Nachttisch. Wow, green flag, denke ich. Er fragt „darf ich?“, bevor er mich küsst, er kommt, ich nicht. Macht nichts, es war ja sanft, immerhin. Und es gab keine Diskussionen um das Kondom, Pluspunkt. Danach rauchen wir auf seinem Balkon, ich frag ihn nach Margarete Stokowski, er sagt, er liebe ihren witzigen Ton und checkt jetzt, wieso man nicht mehr Powerfrau sagt. Ein „good guy“?
Die good guy-Sorge hat endlich einen Namen: performative male
Schon damals diskutieren wir hitzig im Gruppenchat, ob er das jetzt ist: einer von den Guten. Und: schließen sich „good“ und „guy“ in einer patriarchalen Sozialisation nicht vielleicht eh schon aus? Green Flags sind seine lackierten Nägel, die Wilde-Herzen-Playlist, seine langen Haare. Red flags, seine Unverbindlichkeit, dass er nie darauf achtet, ob ich komme und er mir kaum (Gegen)fragen stellt.
Vier Jahre später reflektieren wir dank voranschreitender Diskurse, wieso die Standards für Typen eigentlich so low sind und kriegen keine unreflektierten Herzchenaugen bei Perlenketten und lackierten Nägeln. Meinen Jeremias-Pulli habe ich bei Vinted verscherbelt, seit die selbsternannten Soft Boys, die mit Balladen und vermeintlich sensibilisiertem Auftreten vor allem eine weibliche Fanbase haben, dann halt doch ihren übergriffigen Bro so lang schützten. So weit, so gut. Dafür wurden sie abgelöst, denn wie es im Insta-Slang so schön heißt: Evil doesn´t die. It reinvents itself. Jetzt heißt es:
Matcha Latte, Kabelkopfhörer, aus denen Clairo tönt, eine Tote Bag der Linken und natürlich: ein feministisches Buch wie bell hooks´ all about love. Das alles sind Zuschreibungen des sogenannten perfomative male – ein TikTok-Phänomen, dem man beim Scrollen kaum entkommen kann. Gestartet als feministische Kritik Anfang des Jahres nutzen FLINTA*-Creator:innen das Buzzword, um humoristisch auf diesen Archetyp cis-Mann aufmerksam zu machen. Einer, der sich wie in einem Paarungsritual mit fremden Federn schmückt und nur so tut, als würde er all diese Bücher lesen, Lieder hören und Anliegen wichtig finden, um ein Date zu bekommen. Statt die eigenen cismännlichen Privilegien zu reflektieren, repostet er Stories, ohne sie zu lesen.
Die Kritik am performative male geben meinen gemischten Gefühlen, die bestimmt jede FLINTA*-Person selbst oder durch Erzählungen von Freund:innen auch kennt, endlich einen Namen. Das, was wir sonst diffus als „good guy. aber halt doch nicht?“ in WG-Küchen sezierten und als „Ja, er hat mich geghosted, aber er hört halt auch Taylor mit mir?“ selbst rechtfertigten, bekam Substanz. Denn ja, auf seinem Shirt steht „written by Sally Rooney“, aber be for real: hätte er Rooney gelesen, wüsste er, wie toxisch ihre männlichen Figuren sind. Und darin eben liegt der Kern: performative males tun nur so, um am Ende doch wieder oberkörperfrei im Moshpit zu sein, ein „Nein“ nicht zu akzeptieren und Kanye West weiter als GOAT zu zelebrieren. Doch diesen zweiten Teil, der so essenziell für die feministische Kritik am performative male ist, geht gerade in öffentlichen Diskursen verloren. Über den Sommer berichtet der Feuilleton großer Medien über den TikTok-Hype um die performative males. Eigentlich ein Grund zur Freude: so viel Reichweite für feministische Kritik. Oder?
Verwässerte, leere Kritik statt Widerstand
Nicht ganz, denn mit dem Ankommen im Mainstream verwässert die eigentliche feministische Kritik an dem manipulativem cis-männlichen Verhalten. Wie Syeda Khaula in der The Huffington Post bereits andeutet: wenn wir jeden lesenden cis-Mann als performativ diskreditieren, der gesellschaftlich weiblich konnotierte Interessen verfolgt, dann verstärken wir binäres Denken und Geschlechterstereotypen. Denn: was sind eigentliche weibliche und männliche Interessen? Wenn wir davon ausgehen, dass jeder cis-Mann Clairo nur hört, um Dates zu klären, führen wir damit auch die Tradition der internalisierten Misogynie fort. Damit trivialisieren wir die Interessen von cis-Frauen als silly little things, die Männer nur für den female gaze hören und nicht, weil sie sie als Kunst wahrnehmen, derer sich prinzipiell alle erfreuen können. Und: wie krass heteronormativ ist das eigentlich gedacht, dass cis-Männer nur Frauen daten wollen und diese umgekehrt darauf anspringen? Daher fordere ich: zurück zum Ursprung unserer Kritik!
Back to the roots, please!
Statt ironische performative male Contests zu veranstalten, bei denen die Kritik zum popkulturellen Kostümwettbewerb wird, müssen wir mehr über toxische und fragile Männlichkeit sprechen. Wir sollten Gegenentwürfe zu der vorherrschenden Männlichkeit zelebrieren, ich bin froh über jeden Colman Domingo oder Harry Styles der Welt. Der eigentliche Kern des performative males liegt nicht in dem Habitus, sondern in dessen Instrumentalisierung zugunsten patriarchaler Strukturen. Audre Lorde zu lesen und sich für Periodenarmut und sexualisierte Gewalt zu sensibilisieren, sind erste, wichtige Schritte einer feministischen Sozialisierung. Das aber zu nutzen, um sich immun gegen Kritik zu machen, weil MANN ja so feministisch ist (guck mal, ich hab Tampons in meiner Tote Bag!!), das ist der wahre Wolfsakt.
Wenn die Kritik an performative males selbst zur Performance wird
Das Ganze geht aktuell sogar noch einen Schritt weiter: cis-Männer „verpetzen“ performative males, und potenzieren ihren eigenen Pick Me Boy Status, indem sie sich explizit NICHT für den female gaze kleiden. Dabei dominieren diese Männlichkeitskonzepte a lá Musk, Trump und Merz doch eh schon unser öffentliches Bild. Und: andere performative males zu nennen und dich selbst nicht feministisch zu engagieren, macht dich nicht zu einem besseren Menschen, sondern weiterhin zum Komplizen des Patriarchats. Typen mit Mullet und Tote Bags zu belächeln, während du Alpha Males weiter Politik machen lässt, heißt auch, sich auf die Seite der manosphere zu stellen.
Solidarität leben statt liken
Wenn der Begriff performative male längst zum Pejorativ gekommen ist, wieso wehrt ihr euch dann nicht dagegen, indem ihr das Performative real werden lasst? Neulich hat mir ein Kumpel in einer Bar erzählt, er traue sich nicht, mein Buch (ein feministischer Gedichtband mit einer nackten, behaarten FLINTA* auf dem Cover) in der U-Bahn zu lesen. Warum nicht? „Bin ja kein performative male“, Schulterzucken. „Kann man das rocken oder ist das zu performative male?“, fragt mich mein Freund mit Blick auf seine eigentlich so geliebten Karohemden. Hier sind wir falsch abgebogen. Männer sollten weiter den Raum für Softness haben und sich (wie sie es sonst so gut machen) auch nehmen. Wer wirklich gern Jutebeutel trägt und bell hooks liest, sollte das weiter tun. Liebe Männer, wieso habt ihr so Angst vor performative male allegations? Wenn ihr nicht performativ sein wollt, dann macht´s halt richtig. Geht mit uns auf die Demos, callt eure Bros out, checkt eure Privilegien, sprecht über Care-Arbeit, lest die feministischen Bücher und vor allem: hört uns zu. Und wenn es dazu erst die Angst dafür braucht, als performativ wahrgenommen zu werden, dann hat die Kritik ja vielleicht nach ihren mehreren Wellen und Wenden doch noch etwas Gutes.