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Meine Liebe_n / Carlotta / 30. Oktober 2025

Mein Bruder

Carlotta

Carlotta 3 Min. Lesezeit

#Featured #Geschwister #Männlichkeit

Wie hegemoniale Männlichkeit schon in der Familie wirkt: Ein persönlicher Blick von Carlotta auf die Privilegien, Erwartungen und Spannungen, die zwischen Geschwistern entstehen, wenn gesellschaftliche Männlichkeitsbilder auf das eigene Leben prallen.

Mein Bruder ist ein weißer, heterosexueller Mann und gehört der Mittelschicht an. Auch wenn gerade diese Art von Männlichkeit oft als das absolute Feindbild dargestellt wird, als die Art von Männlichkeit die am autoritärsten und bedrohlichsten ist, habe ich ihn trotzdem lieb. Wenn ich meinem Vater seine Männlichkeit nicht übel nehme, kann ich sie auch meinem Bruder nicht vorwerfen. Wie alle anderen haben auch sie sich nicht ausgesucht, unter welchen Bedingungen oder mit welchen Eigenschaften sie in diese Welt gekommen sind. 

Obwohl mein Bruder und ich mit denselben Privilegien aufgewachsen sind, unterscheidet sich unsere gesellschaftliche Stellung doch ein wenig – mein Bruder hat das Glück als heterosexueller Mann in einer patriarchalen, heteronormativen Gesellschaft zu leben. Auch wenn ich mir sicher bin, dass das nicht heißt, mein Bruder hätte keine Probleme oder es sei leicht, in der heutigen Gesellschaft ‚Mann genug‘ zu sein, verschafft ihm das dennoch eine gesellschaftlich privilegiertere Position. Eine Position, die er mittlerweile als selbstverständlich versteht.  

Mein Bruder verhält sich manchmal, als liege ihm die Welt zu Füßen. Das kann daran liegen, dass er als jüngstes Kind der Familie vieles bekommen hat und ihm viel durchgehen gelassen wurde. Es kann auch daran liegen, dass die heutige Gesellschaft immer noch jungen, weißen Männern das Bild vermittelt, sie könnten alles erreichen und ihnen gehöre die Welt. Beides bedeutet, dass mein Bruder keine Schuld an seiner Lage trägt. Er ist einfach ein gesellschaftliches Subjekt, das versucht seine Männlichkeit in der heutigen Welt zu navigieren. Das Problem daran ist nur, dass hegemoniale* Männlichkeit allen schadet, die nicht in das erwünschte Männlichkeitsbild passen.  

Für mich bedeutet das, dass bei jedem Streit die Grundannahme besteht, mein Bruder habe immer Recht. Jeder Wutausbruch sei legitim, der Fehler liege ja bei mir. Und wenn es dann mal richtig kracht, weil ich mir sein Verhalten nicht gefallen lassen möchte, heißt es von meinem Vater, wir hätten ja beide noch viel über Kommunikation zu lernen. Denn Männer sind nun mal laut, und wenn sie wütend werden, heißt es, dafür gebe es ja immer einen guten Grund. Die Männlichkeit meines Bruders nimmt mir den Raum, auch mal richtig wütend sein zu können.   

Ich spüre immer deutlicher, wie die gesellschaftlichen Vorstellungen von Männlichkeit eine Distanz zwischen mir und meinem Bruder schaffen. Das Verhalten meines Bruders ist oft nicht mehr nur nervig – immer häufiger ist es verletzend, manchmal sogar wirklich unverschämt, und bleibt doch ohne Konsequenzen für ihn. Ein Zustand, den ich sonst nur von fremden Männern kenne, die mir nicht nahestehen oder Teil meiner Familie sind. Diese Art von Männlichkeit wirkt für mich wie ein Gefängnis: ein Gitter aus starren Eisenbarren, das jedes Individuum dieser Gesellschaft umschließt und ihm die Freiheit zur Selbstentfaltung nimmt. Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung darin, Männlichkeit neu zu denken – jenseits der Normen, die unsere Gesellschaft noch immer prägen.  

*Hegemoniale Männlichkeit – Soziologisches Konzept einer Form von Männlichkeit, die eine dominierende Position in der Geschlechterordnung einnimmt, also eine soziale Dominanz gegenüber Frauen und anderen Geschlechtsidentitäten, aber auch gegenüber als „schwächer“ wahrgenommenen Männern bedeutet.