Me Myself & I / Celine / 4. November 2025

Bleiben

Celine

Celine 3 Min. Lesezeit

#Bleiben #Featured #Schmerz

Nach vielen Jahren als Autorin verabschiedet sich Celine mit einem Text, der bleibt. Eine zarte, kraftvolle Reflexion über Schmerz, Heilung und das Wiederfinden der eigenen Stimme – ein stilles Weitergehen, das leuchtet.

eigentlich würde ich mich am liebsten wegschleichen
alles von meiner Wand reißen,
dabei schreien und weinen,
zu Boden fallen,
aufprallen,
liegen bleiben
und nie wieder aufstehen.

und während Staub von der Decke fällt,
würde ich mich in ihm verbergen,
unsichtbar werden,
ein Verschwinden ohne Spur,
nur die Stille,
die noch lange nach mir klingt.

ein zerbrochener Rahmen,
ein Kissen voller Salz,
ein Zimmer, das mich nicht mehr kennt.

und wenn jemand ruft,
antworte ich nicht,
weil meine Stimme
schon längst fort ist.

und doch,
irgendwo in diesem Schweigen,
regt sich ein kleiner Funke,
ein Zittern, das nach oben zieht.

meine Hände finden den Boden,
meine Rippen erinnern sich an Atem,
mein Herz klopft lauter als die Angst.

ich richte mich auf,
noch schwankend, noch wund,
aber da — ich stehe.

die Wände sind kahl,
doch meine Schultern tragen Licht,
und jeder Schritt
ist der Beweis,
dass ich zurückkehre
zu mir.

zu dem Teil,
der nie ganz verschwunden war,
nur verschüttet unter Tränen
und zerbrochenen Rahmen.

zurück zu deiner Mitte,
zu deinem Namen,
zu der Stimme,
die jetzt wieder hörbar wird.

nicht zu dem, was war,
sondern zu dir,
der du jetzt bist:
verwundet,
aber wach,
gebrochen,
doch aufrecht.

und mit jedem Atemzug
fällt noch ein Rest der alten Haut
ab von mir,
leise, wie Schnee im Frühjahr.

ich spüre mich neu,
nicht ganz,
aber echt genug,
um weiterzugehen.

kein Ziel,
nur Richtung.
kein Versprechen,
nur der Mut,
nicht mehr stillzustehen.

und irgendwo
zwischen gestern und morgen
flimmert ein schmaler Streifen Licht,
wie eine Erinnerung daran,
dass selbst das Ende
nur ein Anfang war.

ich atme
und lasse zu,
dass es mich trägt —
dieses Leben,
unvollkommen,
unbeirrt,
mein.

und manchmal,
wenn die Nacht mich wieder ruft,
spüre ich das alte Zittern,
das Flackern in den Rippen,
den Schatten meiner eigenen Furcht.

doch diesmal bleibe ich.
ich sehe hin,
lasse sie durch mich hindurch,
diese Wellen aus gestern,
bis sie kleiner werden,
fast still.

ich lerne,
dass Heilung kein Licht ist,
sondern ein Glimmen,
ein kaum sichtbarer Atemzug,
der bleibt,
wenn alles andere fort ist.

meine Finger tasten über Narben
wie über Landkarten —
Zeichen,
dass ich hier war,
dass ich bleibe.

und irgendwo,
hinter dem Lärm der Tage,
beginnt etwas zu wachsen:
kein Frieden,
aber ein sanftes Verstehen,
dass es reicht,
heute da zu sein.

ich trage meine Stille
nicht mehr wie eine Wunde,
sondern wie eine Hand,
die mich hält,
wenn niemand sonst bleibt.

und in diesem Halten
liegt ein Versprechen,
leise und wahr:

ich gehe weiter.
nicht zurück,
nicht fort,
sondern tiefer hinein
in das,
was Leben heißt.

zu guter Letzt:
ein kleines Danke —
an meintestgelände,
für Raum,
für Resonanz,
für Stille zwischen den Zeilen.

für jedes Wort,
das dort landen durfte,
für jedes Echo,
das mich leiser und klarer gemacht hat.

das hier war mein letzter Text
für eine Weile.
ich lege die Worte ab,
nicht aus Schmerz,
sondern aus Atem.

danke,
dass ihr mitgelesen habt —
in all dem Bruch,
im Leuchten danach.

bis irgendwann,
wenn wieder etwas in mir spricht.