Meine Liebe_n / Sara / 6. November 2025
Freundschaft – Wünsche und Bedürfnisse im Spätkapitalismus
Sara — 3 Min. Lesezeit
Wir reden ständig über Self Care und Beziehungen, aber kaum darüber, warum für Freund*innen oft keine Zeit bleibt. In ihrem neuen Text schreibt Sara darüber, warum Nähe fast nur in romantischen Partnerschaften vorkommt – und wie wir das ändern können.
Warum haben wir immer Zeit für unsere Partner*innen, aber nicht für unsere Freund*innen? Wie oft habe ich schon gehört, dass Leute keine „Kapas“ mehr haben, wenn es um Freundschaften geht. Gleichzeitig scheint aber immer Zeit für die Partner*innen da zu sein, mit denen man teilweise sogar zusammenwohnt. Natürlich ist es nichts Neues, dass es mit einer 40-Stunden-Woche, Care-Arbeit, Ernährung, Sport und all den anderen Verpflichtungen schwer ist, alles unter einen Hut zu bekommen.
Und in der Freizeit hängen wir dann auch noch stundenlang an unseren Handys, scrollen durch Reels, bis wir gerade so noch unsere eigenen To-dos schaffen. Für Self Care bleibt da kaum noch etwas übrig – und für Menschen mit Kindern, besonders für Mütter, praktisch gar nichts.
Und trotzdem fällt mir eines sehr stark auf: Nähe und das Bedürfnis nach Verbindung werden fast ausschließlich in romantischen Beziehungen gestillt. Es ist, als wäre Einsamkeit nur dort erlaubt und nur dort heilbar. Dabei zeigen die Zahlen, wie schief dieses Bild eigentlich ist. 2024 gaben 60 % der Menschen in Deutschland an, sich einsam zu fühlen – und das waren nicht nur Singles. Auch die Hälfte der 16- bis 30-Jährigen fühlt sich einsam, obwohl es theoretisch so einfach wäre, Kontakt aufzunehmen. Eine Nachricht reicht dafür aber nicht. Virtuelles Schreiben kann keine Nähe ersetzen, die spürbar ist, die uns wirklich trägt.
Und genau hier liegt das Problem: Wer hat eigentlich damit angefangen, dass es ein guter Rat sei, Freund*innen abzusagen, wenn es einem nicht gut geht? Natürlich darf man sich zurückziehen, wenn es nötig ist, aber ehrlich: Wenn man sich sowieso schon elendig fühlt, macht das Alleinsein in den eigenen vier Wänden es meistens schlimmer. Stattdessen bräuchte es in Freundschaften mehr Alternativen. Nicht immer Aktivitäten, die groß und geplant sind, sondern etwas, das leichter fällt. Zusammen einen Tee trinken, schweigend einen Film schauen, das Zimmer aufräumen, mehrere Portionen Essen vorkochen, den Glasmüll wegbringen – all diese kleinen Dinge sind Begegnung. Sie schaffen Nähe, ohne dass sie anstrengend sind.
Freundschaft muss nicht perfekt durchorganisiert sein, um wichtig zu sein. Es reicht, füreinander da zu sein – so, wie man gerade kann. Und es braucht Ehrlichkeit: zu sagen, dass man keine Energie für ein großes Treffen hat, aber trotzdem nicht alleine sein möchte. Solche Momente sind oft wertvoller als das nächste große Event, weil sie zeigen, dass es nicht um Leistung geht, sondern darum, wirklich füreinander da zu sein.
Einsamkeit ist ein massiver Risikofaktor für die psychische Gesundheit. Sie wird nicht weniger, wenn wir absagen und uns zurückziehen, sondern wenn wir Kontakt zulassen – auch im Kleinen, auch im Banalen. Lasst uns also aufhören, Treffen reflexartig abzusagen, und stattdessen lernen, ehrlich zu sagen, was wir brauchen. Denn manchmal reicht es schon, gemeinsam den Glasmüll wegzubringen, um sich weniger allein zu fühlen.