Me Myself & I / Sven Hensel / 11. November 2025

Dichte

Sven Hensel

Sven Hensel 5 Min. Lesezeit

#Featured #Körper #Körperbilder

Zwischen Schönheitsidealen, schwuler Fetischkultur und Selbstakzeptanz erzählt Sven davon, was es heißt, im eigenen Körper zu wohnen – mit all seinen Dellen, Gewichten und Bedeutungen. Ein poetisches Plädoyer für Körpervielfalt, Selbstironie und die Freiheit, sich nicht ständig neu erfinden zu müssen.

Ich habe einen Körper, eine Platine aus Fleisch und Neuronen, die Grundlage für die Befestigung und Verbindung meiner Schaltkreise, die ein kleiner wabbeliger Glibber-Tentakelhaufen in meinem Kopf mit winzigen elektrischen Impulsen steuert.

Mein Körper ist 178 Zentimeter hoch, getragen von zwei Füßen in Schuhgröße 43, zwei Beinen in Hosengröße 32/30, gefolgt von einem Torso in Größe M–XL, je nach Hersteller, gekrönt von einem Kopf, dessen Hutgröße ich nie wusste, von dem ich aber schon immer wusste, dass er ein Dickschädel ist.

Mein Körper hat Zähne, die von Zahnärzten Komplimente bekommen, mein Körper hat Zahnfleisch, bei dem Zahnärzte scharf einatmen. Mein Körper wird gerne berührt – im Bett, in Dunkelkammern, auf der Autobahnraststätte, beim freundlichen Händedrücken, bei schönen Umarmungen, bei intimem Sex.

An meinem Körper hängen Haare – für die einen zu viele, für die anderen zu wenige. An meinem Körper hängt ein Penis, von dem meiner Meinung nach zu viele Leute zu viel wissen wollen. Mein Körper ist eine Schaufensterpuppe für die Klamotten, die ich an ihm mag.

Mein Körper ist ein Wunder der Natur – und anstatt mich über ihn zu freuen, habe ich euch eine wichtige Information vorenthalten: die Dichte meines Körpers. Mein Körper macht gerade eine Diät, weil ihm letztens die Zahl auf der Waage nicht so gut gefallen hat und er unfreundliche Kommentare von anderen Körpern über seinen eigenen bekam. Er weiß nicht einmal, ob er es eine Diät nennen würde – manchmal sagt er dazu Fasten, manchmal Kaloriendefizit, aber heute sagt er das erste Mal das Wort Diät.

Mein Körper mag sich eigentlich und andere Körper, die so aussehen wie seiner, denn jeder body ist ein beach body. Aber die Glibbermasse, die den Körper steuert, würde sich wohler in ihm fühlen, wenn er für den Sommer seine Sommerrollen loswerden könnte, er für die Dichte seines Körpers nicht unfreundlich angehupt wird, und die einzigen Schwimmflügel, die er bräuchte, die von vor 25 Jahren sind, als er schwimmen lernte.

In der schwulen Welt gibt es viele verschiedene Schönheitsideale für Körper, und das einzige, dem dieser Körper davon jemals entsprach, ist, dass er sehr oft für sehr jung eingeschätzt wurde. Mein Körper war nie dick und haarig genug für einen Bären, mein Körper war nie schlaksig und haarig genug für einen Otter, mein Körper war nie dünn und haarlos genug für einen Twink. Und mehr Kategorien gibt es da nicht, die krass fetischisiert werden.

Mein Körper wurde schon ab und an mal freundlich „chubby“ genannt, aber dieses Label gefiel der steuernden Glibbermasse in meinem Kopf nicht so gut wie das Label „Bärchen“.

Ich habe einen Körper. Eine Maschine aus Fleisch und aus Neuronen, eine Maschine aus Knochen und aus Gefühlen, eine Maschine aus Organen und aus Sternenstaub.

In der Gesellschaft unserer Körper herrscht Fettphobie – „fett“ ist ein Adjektiv und keine Beleidigung. Ein fetter Körper kann sehr wohl ein gesunder Körper sein, ein fetter Körper kann sehr wohl ein schöner Körper sein, ein fetter Körper ist auf jeden Fall ein Körper, in dem man sich wohlfühlen kann.

Das sind Grundsätze, die mein Körper fest in sich verankert hat, die er nicht nur daher sagt und dann anders auf Datingplattformen handelt. Er mag Männer verschiedenster Proportionen in verschiedensten Positionen – denn ein Körper ist ein Körper ist ein Körper.

Und dann wog mein Körper plötzlich so viel wie noch nie in meinem Leben, und falls euch die Zahl interessiert: Auf 178 cm Höhe waren es 93 Kilogramm. 93 Kilogramm – das sind 146 Habichte, das sind 3720 einzelne Mozzarellasticks ohne Dip, das sind 7153,8 Geckobabys, das sind 465 Tausend Sandkörner, aus denen er eine Sandburg bauen könnte – das ist ein ganzer Sven.

Mein Körper kann sich aber nicht einmal darüber freuen, jetzt endlich ein Bär zu sein, weil er immer noch nicht haarig genug ist. Versteht mich nicht falsch: Mein Körper mag sich, meine 7153,8 Babygeckos in einem Trenchcoat. Er findet sich nackt und angezogen hübsch, aber diese Zahl auf der Waage hat ihm ganz und gar nicht gefallen.

Also hat er aufgehört zu essen. Also – naja, nicht aufgehört, aber die Glibbermasse im Kopf hat sich bewusst dafür entschieden, auf ihre Kalorien zu achten. Mein Körper hat einen Monat lang keinen Alkohol getrunken, keine Cola, jeden Tag drei Liter Wasser. Die einzigen Molkereiprodukte, die er zu sich nahm, waren ein kleines Glas Milch zum Frühstückseiweißbrot jeden Morgen. Er hat mehr Cardiosport getrieben, und die Pfunde begannen wieder zu purzeln.

Aber wieso ist es mir so wichtig, die Dichte meines Körpers zu verringern? Ich mag meine Speckröllchen – sie sehen aus wie Bulldoggen vor der Überzüchtung. Ich mag meine Dehnungsstreifen – meine Haut, mein größtes Organ, hat mir mit meinem Gewicht ein Lächeln auf uns drauf gezeichnet. Ich mag meine Tattoos, die meine Beine oberhalb des Fußknöchels zieren, weil sie Kunst sind, die mir was bedeutet und die ich für immer bei mir tragen darf.

Ich habe einen Körper. Mein Körper besteht aus Fleisch und Neuronen – er wird wieder zunehmen und wieder abnehmen und wieder und wieder. Mein Körper wird von einem glibberigen Wesen in meinem Kopf gesteuert, aber mein Körper ist keine Maschine. Mein Körper ist ein Körper ist ein Körper. Und mein Körper ist Dichter.