Phuong schreibt über einen Körper, der sich manchmal fremd anfühlt – und über den Versuch, ihn neu zu verstehen. Über Angst, Wandel, Erwartungen und die Frage, wie wir in unserem eigenen Körper Heimat finden können.
Manchmal wache ich auf und meine Lunge schmerzt, verengt von den Kippen letzter Nacht; Kopfschmerzen, weil ich kaum Wasser trinke. Ich spüre die Angst in meiner Brust und die Gedanken, die in meinem Kopf rasen. Oft fühlt es sich so an, als gehöre mein Körper nicht mir, als hätte ich keine Kontrolle über ihn. Und doch ist er alles, was ich habe.
Manchmal beschützt mich mein Körper. Wenn ich achtsam genug bin und auf ihn höre, versucht er mir zu signalisieren, dass etwas nicht stimmt, dass Gefahr droht. Mein Herz schlägt schneller, mein Körper versteift sich, und ich finde keine Worte für das, was ich fühle, für die Bedeutung der Energie, die aufsteigt. Doch manchmal reagiert der Körper auch, wenn wir nervös oder aufgeregt sind. Es sind dieselben Hormone, die ausgestoßen werden, und mein Kopf kann nicht differenzieren. Manchmal sagt er uns auch, wenn wir müde sind und viel Schlaf brauchen. Oder wenn unser Nacken und unsere Schultern verspannt sind, bedeutet es, dass wir viel Stress tragen.
Der Blick in den Spiegel fällt mir deshalb so schwer, weil es kein Körper ist, den ich begehrenswert finde. Ich wünschte, ich könnte mir nach Lust und Situation aussuchen, wie ich aussehe; manchmal ohne Brüste, manchmal mit. Ich möchte meinen Körper verändern, formen, deformieren, aber ich weiß nicht, welche Stellen genau und wie ich am Ende aussehen könnte. Wenn ich so überlege, verändert sich mein Körper ohnehin. Wir altern, wir wachsen, unsere Gesichtszüge tragen mit der Zeit die Schwere des Lebens. Im Sommer steigt der Druck, im Winter können wir uns unter unseren Pullovern verstecken. Deswegen fühle ich mich im Winter wohler. Ich kann die Teile meines Körpers verstecken, die im Sommer sonst für die Augen der anderen sichtbar und bewertbar sind. Die mehrfachen Schichten, die auf meiner Haut liegen, verstecken die Brüste, die zu viel Projektionsfläche bieten für all die Bewertungen und Erwartungen anderer.
So nimmt der Körper je nach Umgebung eine andere Form an. Ich erscheine in meinem Hoodie mit meiner Kapuze und Beanie androgyner, vielleicht nicht einzuordnen, vielleicht sogar männlich. Bis sie jedoch meine Stimme hören, die irritierend auf sie wirken kann und ihre Erwartungen von dem, was sie sehen, bricht. In Vietnam gehe ich in der Mehrheitsgesellschaft unter, beinahe bin ich unsichtbar, anonym, ein Mensch wie jeder andere. Bei Aldi dagegen in der Schlange spüre ich schon von weitem den genervten Blick der Kassiererin, und mein Versuch eines freundlichen „Einen schönen Tag noch“ ändert nichts daran, dass sie Körper wie meinen ablehnt.
Ich möchte glauben, dass ich manchmal vielleicht doch Kontrolle darüber haben kann – trotz der Umstände – über die soziale Bedeutung meines Körpers und über die Konsequenzen, die daraus für mich folgen. Aber wenn ich ehrlich bin, bin ich mir dessen nicht einmal sicher. Es fühlt sich absurd an, wenn Klamotten dabei helfen, im sozialen Gefüge zu überleben, und dass sie aber auch entscheiden können, ob Gefahr auf uns wartet, weil es Menschen nicht passt, dass wir aus dem Raster fallen. Vielleicht ist Kleidung genau deswegen nicht immer ein Ausdruck von Persönlichkeit, von Style, von Selbsterfahrung – besonders nicht dann, wenn wir mit Klamotten kompensieren müssen, was wir eben nicht ändern können: unsere Haarfarbe, unsere Hautfarbe, unsere Gesichtsmerkmale, unsere Sprache. Weil ein weißes Hemd dazu beitragen kann, unsere Chancen, den Job zu bekommen, um 10 % zu steigern.
Die Bewertung meines Körpers ist beinahe abhängig von der Person mir gegenüber. Sie ist nicht Zeugin meiner Vielfältigkeit, sondern nur ein Bruchteil davon, ein Spiegel, der nur einen Teil des Mosaiks meiner Selbst widerspiegelt. Manchmal ist dieser Spiegel in Wirklichkeit eine Schablone, die ich mir nicht selber zusammengeschnitten habe, aber in die ich hineingepresst werde.
Unser Körper ist verwundbar.
Er ist so vieles – vieles, was ich selber nicht verstehe oder greifen kann.
Ich kann ihn modifizieren, formen, trainieren, ihm Gutes tun, durch Bewegung spüren und in Kontakt treten, Medikamente nehmen, Drogen nehmen. Durch Hormone, Operationen, Bewegung, Ernährung, Kleidung, Make-up.
Er trägt viel Wissen in sich. Erinnerungen, Gerüche, Melodien, Geschichten.
Er schwitzt, um sich zu kühlen. Er wird krank und heilt wieder. Er speichert, regeneriert, stößt ab, was nicht zu ihm passt. Er atmet, verarbeitet, fühlt, menstruiert, schläft. Er trägt uns durchs Leben.
Vielleicht muss ich ihn gar nicht vollständig verstehen.
Vielleicht existiert er einfach so – wissend, was zu tun ist.
Vielleicht müssen wir ihn nicht verbiegen, um den Blick in den Spiegel zu ertragen.
Vielleicht reicht es, wenn wir lernen, ihn zu halten, zu hören, zu lassen.