Vielleicht ist auch eine Option
Phuong — 4 Min. Lesezeit
Nein sagen gilt als klar. Ja sagen als verbindlich. Doch was, wenn dazwischen etwas liegt? Phuong denkt Grenzen neu, zwischen Politik und Alltag, Beziehung und Selbstschutz. Über Macht, Nähe und das unterschätzte „Vielleicht“ in einer Welt, die eindeutige Antworten verlangt.
Es gibt verschiedene Formen, Nein zu sagen, sagen sie. Es gibt Grenzen, die starr sind wie rassistische Migrationsmaßnahmen an den EU-Außengrenzen. Es gibt Grenzen wie: Hier darfst du nicht einreisen. Dann gibt es Grenzen, wie die, die zwischen Kleingärtnern als Holzzäune verkleidet sind, tief genug, dass Mensch auf die andere Seite komplett blicken kann. Zwar ist diese Art von Grenze eine Illusion, hat sie Wirkung und kann sogar zu Konflikten führen, wenn die unsichtbare Linie überschritten wird.
Meine Therapeutin sagt mir, dass unsere Grenzen verschiedene Töne, Geschmäcker und Bilder haben können, wie zum Beispiel in Form einer Wiese mit Schmetterlingen oder wie ein Stachelzaun. Dass Nein sagen und Grenzen setzen nichts Schlimmes sei und wir das lernen können.
Dann höre ich Eltern oft sagen: „Manchmal wollen wir nicht Nein sagen, aber wir müssen, zum Wohle des Kindes. Es muss nun mal zu einer bestimmten Zeit schlafen gehen.“ Heißt das also, dass Grenzen per se nichts Schlimmes sind, obwohl das Kind weint und traurig ist, weil es nicht länger spielen darf?
Ich denke daran, wer das Recht hat, eine Grenze zu setzen und zu sagen: Bis hier und nicht weiter. Was braucht es, um so etwas sagen zu können, und wie kann man darauf vertrauen, dass Menschen diese Grenzen respektieren? Ich frage mich, was die Intention von Grenzen ist, wann sie notwendig sind und wann sie obsolet werden.
Und was passiert, wenn Grenzen trotzdem überschritten werden? Muss man erst zu weit gehen, um zu wissen, dass es zu weit war? Nicht jedes Nein wird gehört oder respektiert. Wer glaubt, die Welt sei kein schlimmer Ort, lebt ein zu gutes Leben ohne viele Einschränkungen.
Tagtäglich begegnen wir Situationen, die wir uns nicht aussuchen. Die Verkäuferin bei Aldi ist schnippisch. Der Mann in der Straßenbahn hört nicht auf, dich anzustarren. Freund*innen reden nur über ihren Liebeskummer, ohne nach dir zu fragen. Auf der Arbeit ist deine Chefin passiv-aggressiv. Menschen projizieren ständig etwas auf dich – auf dein Gender, deine Herkunft, dein Auftreten.
Während in den Nachrichten über humanitäre Krisen berichtet wird, setzt die Welt klare Grenzen bei Konsumentscheidungen, aber nicht bei Kriegsverbrechen. Gleichzeitig versuchen viele, People-Pleasing-Muster aufzubrechen, weil sie merken, dass sie die Bedürfnisse anderer ständig über ihre eigenen stellen.
Es ist schwer, die eigenen Grenzen zu erkennen, wenn man dafür bestraft, belächelt oder als zu sensibel abgestempelt wurde. Grenzen setzen kann zu Ausschluss führen. Und doch gibt es Unterschiede: Einschränkungen, die wir nicht kontrollieren können. Äußere Zwänge wie Termine. Momente, in denen wir lügen, um uns oder andere zu schützen.
Ein Nein kann sich wie Ablehnung anfühlen. Oft geben wir dem Wort zu viel Gewicht. Vielleicht, weil wir nie gelernt haben, es auszusprechen, ohne Schuldgefühle zu haben. Manchmal fühlt es sich sogar gefährlich an.
Doch es gibt viele Arten, Nein zu sagen: „Ich weiß noch nicht.“ Später antworten. Den Raum verlassen. Die Energie nicht erwidern. Kontakt abbrechen. „Stopp. Hör auf. Das reicht.“
In Beziehungen wird es noch komplizierter. Wie fühlen sich Grenzen zwischen Freund*innen und Liebenden an? Was hat das alles mit Liebe zu tun? Bedeutet Liebe, immer verfügbar zu sein? Immer ein enthusiastisches Ja?
Vielleicht nicht. Vielleicht sind wir mehr als Ja oder Nein. Vielleicht sind wir auch ein Zögern, ein Unsichersein, ein Noch-nicht. Manchmal braucht es andere Worte. Manchmal Zeit. Manchmal den Mut, den Zwischenraum auszuhalten.
Grenzen zu haben heißt nicht, weniger zu lieben. Es heißt, ehrlich zu sich selbst und zu anderen zu sein. Zu wissen, wann wir Ja meinen, wann Nein – und wann wir einfach noch keine Antwort haben.
Zwischen dem Ja, das Nähe sucht, und dem Nein, das Nähe ermöglicht, liegt vielleicht ein Raum, in dem wir nicht alles sofort wissen müssen.
Vielleicht ist das genug. Für jetzt.