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Me Myself & I / Anjuli / 10. Februar 2026

zu viele Haare / Zwischen Zugehörigkeit und Rebellion

Anjuli

Anjuli 7 Min. Lesezeit

#Featured #Haare #Körper

In ihrem ersten Text auf meintestgelände schreibt Anjuli über Körper, Feminismus und die Frage, ob Selbstbestimmung auch bedeutet, Schönheitsideale zu brechen dabei innere Widersprüche auszuhalten.

Seit mehreren Jahren befinde ich mich immer mal wieder in Gesprächen oder Diskussionen darüber, ob wir als Feminist*innen eigentlich alle gängigen Schönheitsideale ablehnen müssen, um wirklich als solche zu gelten. Jegliche Körperbehaarung wachsen lassen statt waxen, keine Schminke benutzen, keine figurbetonten Klamotten tragen, erst recht nicht unters Messer legen oder sich die Falten wegspritzen lassen – und natürlich auch keine langen Haare haben, die man stundenlang föhnen und frisieren muss.

Durch diese Unterhaltungen habe ich von vielen Frauen viele verschiedene Meinungen gehört.
„Aller Anfang ist schwer.“
„Wir haben das halt so gelernt.“
„Mein Freund findet Haare aber eklig und rasiert sich selbst die Achseln.“
„Schönheitseingriffe und Auftakeln sind auch feministisch, weil ich mache das ja, um MICH gut zu fühlen.“

Und so weiter.

Mir selbst fällt dabei oft ein innerer Zwiespalt auf. Ich bin so vielen Idealen unterworfen, bin mit ihnen als Norm aufgewachsen und habe gelernt, dass Dazugehören bedeutet, diesen Idealen nachzueifern. Doch gleichzeitig lerne ich immer mehr über patriarchale Strukturen, darüber, wie wenig Einfluss Frauen historisch auf Schönheitsideale hatten. Dass diese Ideale benutzt wurden und werden, um Frauen zu objektivieren und zu sexualisieren. Dass sie Frauen auferlegt wurden – über Hunderte von Jahren. Dass sie UNS auferlegt wurden.

Natürlich fühlen wir uns also nach mehreren Jahrhunderten Indoktrinierung besser, wenn wir sie befolgen. Aber was bedeutet das dann für mich? Sind Feminismus und Schönheitsideale schlichtweg nicht vereinbar?


Meine Eltern erzählen oft, dass ich schon mit einer großen Portion Selbstvertrauen und einem starken Willen auf die Welt kam. Ich habe immer – als Kleinkind, als Teenager und auch noch als junge Erwachsene – mit (teilweise auch zu viel) Überzeugung angezogen, was ich wollte. Während ich also mit unbeirrbarer Selbstsicherheit knallige Farben und Tierprints getragen habe, gab es trotzdem immer einen Teil meines Äußeren, der mich verunsichert hat: meine Haare.


Mein Leben lang wurde mir gesagt, wie toll meine Haare seien und dass ich mich freuen müsse über so eine Haarpracht. Das habe ich nie verstanden. Für mich waren meine Haare etwas, womit ich herausgestochen bin, etwas, wodurch ich anders aussah als alle anderen – und womit ich mehr Raum eingenommen habe als die glatthaarigen Mädchen um mich herum.

Ich erinnere mich an ein Foto, das mich und eine Freundin nebeneinander zeigt. Wir sehen beide ganz fröhlich aus, aber ich weiß noch, wie ich das Foto zum ersten Mal gesehen habe und es direkt gehasst habe. Sie war ein dünnes, schmales Mädchen mit aalglatten braunen Haaren. Ich war nicht so zart und schmal und hatte sehr voluminöses Haar. Schon mit acht Jahren habe ich das Foto angeschaut und gedacht, dass ich – vor allem durch meine Haare – zu breit und massig aussehe im Vergleich.

Was mein Unwohlsein diesbezüglich noch verstärkt hat, war ein Verbot für die Mädchen in meiner Grundschule, die Haare offen zu tragen. Wem die Haare ins Gesicht hängen, kann sich nicht konzentrieren, hieß es. Je mehr und je länger die Haare, desto schlimmer. Wer sich widersetzt hat oder es vergessen hat, musste zum Sekretariat und sich ein Küchengummi holen. Und das hat schrecklich geziept.


Bis heute trage ich meine Haare nicht gerne offen, weil ich immer noch das Gefühl habe, zu sehr aufzufallen und zu viel Raum einzunehmen. Ich habe dann ständig das Bedürfnis, mein Spiegelbild überprüfen zu müssen und meine Haare bloß irgendwie in Form zu halten. Und gleichzeitig ist der Gedanke, sie ganz kurz zu schneiden, extrem abwegig. Auf der einen Seite bin ich fest davon überzeugt, dass es mir nicht stehen würde, und auf der anderen Seite bin auch ich schlichtweg nicht frei von der Assoziation, dass lange Haare Weiblichkeit und Attraktivität symbolisieren.


Coco Chanel sagte einst:
„A woman who cuts her hair is about to change her life.“

Haare waren kulturell schon immer extrem bedeutungsmächtig und ein sehr wichtiger Schönheitsmarker. Frisuren und Haarfarben trendeten stets genauso wie Klamotten. Kaiserin Sissis Haarpracht war beispielsweise fast genauso berühmt wie sie selbst. Sie hatte eine Magd, die nur für ihre Haarpflege angestellt war und ihr jeden Tag stundenlang das bodenlange Haar kämmte und frisierte. Marilyn Monroe erlangte erst Ruhm, als sie sich die Haare wasserstoffblond färbte, und Anna Wintours stärkstes Erkennungsmerkmal ist ihr markanter Bob.

Sowohl historische Frauenfiguren als auch Models, Schauspielerinnen und andere Frauen des öffentlichen Lebens zeigen uns, wie sehr unsere weiblich konnotierten Frisuren mit Status, Anerkennung und Symbolträchtigkeit zusammenhängen.


In vielen Filmen gibt es diese eine Szene, in der sich die weibliche Protagonistin theatralisch die Haare absäbelt, um eine Art der Veränderung und Emanzipation anzukündigen. Diese Protagonistinnen verwandeln sich dann oft von unterdrückten Mauerblümchen in skrupellose Kämpferinnen. Selbst in Kinderfilmen wie Mulan wird der Akt des Haareschneidens als Befreiungsschlag dargestellt, wobei dieser dort sogar an die Identität als Frau gekoppelt ist. Ihre langen Haare stehen symbolisch für ihre traditionelle Frauenrolle.

Aber auch reale Frauen benutzen den Akt des Haareschneidens, um der Welt zu zeigen, dass sie eine Veränderung oder Emanzipation durchmachen. Berühmte Beispiele dafür sind Britney Spears, Miley Cyrus und Emma Watson. All diesen Frauen wurde gesellschaftlich ein bestimmtes Image auferlegt, welches sie durch das Haareschneiden durchbrechen wollten.

Auffällig ist die Reaktion der Öffentlichkeit, die manchmal auf subtile und oft auf unverblümte Weise junge Frauen abwertet, wenn sie sich plötzlich für eine Kurzhaarfrisur entscheiden. In dem Buch Drawing the Past heißt es an einer Stelle:

„Long hair for women is a strong signifier for their femininity. Cutting a woman’s hair is an effective and efficient way of destroying her beauty, which is no small matter in societies that view women first and foremost as sexual beings.“

Ein aktuelles Beispiel für die öffentliche Abwertung einer Frau wegen ihrer Kurzhaarfrisur ist die schweizer Sängerin Stefanie Heinzmann. In den sozialen Medien wurde sie gefragt, warum sie sich so verschandeln müsse, ob sie jetzt lesbisch sei, und behauptet, sie sehe jetzt aus wie ein Junge.


Lange Zeit benutzte man das Kahlrasieren des Kopfes, um Frauen zu bestrafen oder zu erniedrigen. Im Mittelalter wurden Frauen die Haare abgeschnitten, wenn man sie der Hexerei bezichtigte, da man den Haaren magische Kräfte nachsagte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden französischen Frauen, die man verdächtigte, Beziehungen mit deutschen Soldaten gehabt zu haben, die Haare abrasiert.

Dieser Akt wird auch gerne in Film und Fernsehen verwendet – sehr prominent zum Beispiel in Game of Thrones, als Cersei ihr langes blondes Haar abrasiert wird und sie nackt und kahlgeschoren einen buchstäblichen „Walk of Shame“ machen muss.


All diese Beispiele verdeutlichen die enorme Symbolträchtigkeit, die unseren Haaren als Frauen innewohnt. Ich glaube zwar, dass es noch etwas dauern wird, bis ich selber so weit bin und meinen Haaren ihre Bedeutung nehmen kann. Bis dahin hoffe ich aber, dass es weiterhin viele Frauen geben wird, die in diesem Prozess schon weiter sind und sich von öffentlichen Meinungen nicht kleinkriegen lassen.

Zu meiner Frage, ob Feminismus und Schönheitsideale vereinbar sind, habe ich mir viele Gedanken gemacht, und eine klare, zufriedenstellende Antwort habe ich bisher nicht. Sich als Frau von seinen langen Haaren – also DEM Symbol für Weiblichkeit und Jugend – zu trennen, ist ein Akt der Rebellion und eine Abwendung von westlichen Schönheitsidealen. Aber heißt das gleichermaßen, dass man sich dem Patriarchat mit seinen strengen Schönheitsidealen unterwirft, wenn man lange Haare trägt und liebt?

Selbstbestimmung und Unterwerfung liegen hier sehr nah beieinander – eine Widersprüchlichkeit, die aktuell gerne als Ambiguitätstoleranz bezeichnet wird. Letztens habe ich ein Zitat gefunden, das ich sehr passend finde und das indirekt eine Antwort auf meine Frage sein könnte:

„Mit Komplexität leben zu lernen – das ist vielleicht die größte Aufgabe demokratischer politischer Bildung.“