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Meine Stimme / David Novell / 17. Februar 2026

Bis unter die Haut – Körper, Identität und der Sound von “2F4C3”

David Novell

David Novell 5 Min. Lesezeit

#Featured #Körper #Musik

2F4C3 entstand vor über zwei Jahren. Der Song war fertig – David war es noch nicht.
Im aktuellen Beitrag auf Mein Testgelände schreibt David über Körper, Sichtbarkeit und das Gefühl, nie ganz „fertig“ zu sein.

Ich bin David Novell aus Leipzig und arbeite in meiner Musik mit Einflüssen aus Hip Hop, experimentellem Pop und Medienkunst. Mein Song “2F4C3” bewegt sich zwischen Rap und New Wave und dreht sich um Fragen, die mir wortwörtlich unter die Haut gehen: Warum wollen wir eine Welt akzeptieren, in der es nicht allen gut geht? Warum tragen wir Masken, unter denen wir uns selbst nicht mehr erkennen? Und wie viele Gesichter darf ein Körper haben?

Körper sind nicht einfach privat. Sie sind zwar per Definition persönlicher Raum, aber eben auch Projektionsfläche und politisches Territorium. Körper sind für mich kein neutraler Ort: sie sind Ausdruck und Grenze, Bühne und Zielscheibe zugleich. In “2F4C3” frage ich, wie sich Schmerz, Ohnmacht und gesellschaftlicher Druck in meinem Körper ablagern. Im Pre-Chorus wiederhole ich:
„Es geht bis unter meine Haut / Wohin mit all dem Pain / Es ist so vertraut und trotzdem kann ich’s nicht versteh’n“

Dieser Widerspruch – zu spüren, zu durchschauen, aber nicht wirklich zu begreifen – beschreibt ziemlich genau, wie sich mein Körper im gesellschaftlichen Kontext anfühlt: die Spannung zwischen meinem eigenen Empfinden und der Sicht von außen. Als nicht-binäre Person merke ich, wie daraus oft etwas anderes wird – eine Zuschreibung, eine Kategorie, ein Kampf um Lesbarkeit.

„2F4C3“ ist schon länger fertig, aber ich arbeite oft ohne feste Strukturen oder Budgets, die einem Song automatisch Sichtbarkeit verschaffen. Gleichzeitig entsteht meine Musik nie im luftleeren Raum: der Track wurde gemeinsam mit dem Produzenten Akela1 entwickelt, der meine Arbeit seit Jahren unterstützt. Mit Menschen, die künstlerische Verwirklichung priorisieren, suche ich immer wieder nach Wegen, Dinge möglich zu machen. Manchmal entstehen daraus neue Ideen, manchmal auch nur Erschöpfung. Diese körperliche Grenze – das Gefühl, nicht hinterherzukommen, sich zu verausgaben – gehört für mich genauso zu Kunst wie der Moment, in dem etwas gelingt.

Ich habe bereits Ideen für Visuals, Release-Reels oder vielleicht auch ein Musikvideo, aber gerade sortiere ich mich künstlerisch neu und überlege, wie ich meine Musik in Zukunft veröffentlichen möchte. Oft geht es dabei nicht nur um äußere Strukturen, sondern auch um meinen eigenen Anspruch. Perfektion ist etwas, das mich in meiner künstlerischen Arbeit bis heute begleitet. Ich überdenke, verändere, verwerfe – zum Einen aus künstlerischem Spieltrieb, aber auch aus Angst, dass etwas noch nicht gut genug ist. Dieses Gefühl schreibt sich direkt in den Körper ein: in Anspannung, Haltung, Stimme. Und manchmal frage ich mich, “für wen” ich eigentlich all das perfektioniere, wenn das Ergebnis am Ende vielleicht nur als Zahl in einer Playlist landet. Zwischen dem künstlerischen Erforschen, dem Anspruch, alles richtig zu machen und der Realität, auf Gelegenheiten hinzuarbeiten, die vielleicht nie kommen, entsteht manchmal ein seltsamer Stillstand. Ich möchte noch mehr lernen, das Unfertige nicht als Makel, sondern als Teil meiner Arbeit zu sehen.

Dieser Gedanke hält auch den Song in Bewegung bzw. anschlussfähig für neue Formen, Begegnungen und Menschen, die meine Musik visuell weiterdenken wollen. “2F4C3” ist für mich ein offenes Experiment, eine erste Maske, die ich abnehme, um zu sehen, was darunter weiterarbeitet.

Dabei war “2F4C3” nie wirklich „unveröffentlicht“. Der Song war schon Teil mehrerer Live-Shows und einer Ausstellung an der Abendakademie der HGB Leipzig, bei der ich eine Skulptur und ein Videoobjekt dazu gezeigt habe. Für mich war das auch eine Form der Veröffentlichung: Menschen sind dem Song begegnet, nur eben nicht über einen Stream, sondern im physischen Raum. Musik darf und sollte meiner Meinung nach auch wieder stärker außerhalb digitaler Plattformen existieren. Deshalb teile ich hier zunächst nur einen Ausschnitt – ein kleiner Einblick in einen Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist.

Vielleicht ist aber auch das Teil des Themas: dass sich Identität, Körper und Ausdruck nie ganz „fertig“ anfühlen.

Meine eigene Gender-Identität ist für mich nicht nur dann gültig, wenn ich perfekt gestylt, geschminkt oder „queer-couture-ready“ auf der Straße erscheine. Ich bin auch dann non-binär, wenn ich mit Dreitagebart in einem ausgewaschenen Pullover auf meiner Couch sitze. Trotzdem spüre ich, wie viel Erwartung von außen in meinen Körper geschrieben wird – sei es durch Medienbilder, gesellschaftliche Normen oder auch durch queere Szenen selbst, die oft unbewusst neue Schönheitsmaßstäbe oder selektive Lesbarkeiten setzen. Im Spannungsverhältnis treibt mich selbst immer wieder die Frage um: Wie viel habe ich von meiner Gender-Identität überhaupt „explored“ – und wie viel davon ist sichtbar?

Mit meinem Körper verhandle ich Lust, Scham, Ausdruck, aber auch Grenzen. Ich bewege mich in einem Geflecht aus Blicken und Erwartungen, das viele Körper betrifft – besonders jene, die nicht “der Norm” entsprechen. Der Begriff “Norm” ist für mich persönlich besonders aufgeladen, da äußere Zuschreibungen mir oft eine Norm andichten, durch die ich zum Einen profitiere, aber unter welcher ich zum anderen auch leide. Solidarität bedeutet für mich auch, diese Verbindungen sichtbar zu machen und sich im Rahmen der eigenen Möglichkeiten für Körper einzusetzen, die nicht “der Norm” entsprechen. Körper sind nie neutral. Sie werden ständig kontrolliert, bewertet, reguliert – durch Politik, durch Sprache, durch Kultur. Und genau deswegen will ich meine Musik nutzen, um Räume für andere Körperbilder und Selbstwahrnehmungen zu öffnen.

“2F4C3” ist ein Song über den Schmerz, aber auch über den Wunsch nach einer anderen Art, miteinander zu leben – mit Körpern, die nicht genormt sind, sondern vielfältig und widersprüchlich, trotzdem oder gerade deswegen solidarisch.
In seiner Energie bleibt der Song zugleich eine Warnung: eine Erinnerung daran, dass Fortschritt oft mit denselben Gesichtern spricht, die Wunden hinterlassen haben. Ich weiß, dass ich selbst Teil dieser Strukturen bin – privilegiert, verstrickt, nicht frei von dem System, das ich kritisiere. Aber genau deshalb will der Song nicht versöhnen, sondern an die Verantwortung erinnern, die in unseren Körpern mitschwingt, wenn wir von Gerechtigkeit sprechen.

Der komplette Song ist Teil einer fortlaufenden Erzählung, welche laufend aktualisiert wird – vielleicht mit einer Fortsetzung dieses Textes, die noch körperlicher und näher an dem sein wird, was unter der Maske liegt.