Meine Stimme / Laura / 10. März 2026
Das A in Alleinerziehende steht für Arbeit ohne Anerkennung
Laura — 10 Min. Lesezeit
Anlässlich des 8. März wirft Laura einen ehrlichen Blick auf die Herausforderungen alleinerziehender Mütter. Sie erzählt von ihrer eigenen Geschichte und ihrer Mutter, die trotz finanzieller und emotionaler Belastung stets für ihre Kinder da war.
Teilzeit, Vollzeit, alleinerziehend – die unsichtbare Arbeit alleinerziehender Mütter.
Vor knapp einer Woche ist Parshad Esmaeilis Buch „Papa weg, Mama müde, ich laut – Monolog einer Alleinerzogenen“ im Knaur Verlag erschienen und ich habe mich lang nicht mehr von einem Untertitel so gesehen gefühlt.1
Meine Mama ist eine von 2,8 Millionen Alleinerziehenden in Deutschland. 2,3 Millionen von ihnen sind Frauen (Statista 2025). Sie hat zwei Mädchen allein erzogen, während die zwei Erzeuger jeder auf seine Art mit Abwesenheit glänzten. Wenn sie doch da waren, hätte ich mir gewünscht, dass allein in Alleinerziehende nicht lähmende Einsamkeit und doppelter Work Load für Mama bedeutet, sondern: Ruhe von Streiten um Unterhalt, Hämmern an Türen und Telefonterror.
Als Kind habe ich „Die Wilden Hühner“ und als Teenie „LOL“ geliebt. Es war heilend, neben den typischen heteronormativen Mama-Papa-Kind(er)-Konstellationen geballte „Frauenpower“ zu sehen. Reclaiming the Power, sozusagen. In meinem Leben gibt es Mama, das Powerhouse, die arbeitet, tröstet, sich kümmert und macht, während die Väter stammeln, kritisieren und zusätzlich belasten.
Dabei ist das Leben nicht so glamourös wie Demi Moore und Miley Cyrus es in „LOL“ haben: Statt Kaschmirpullis und Apple-Laptops sind die meisten alleinerziehenden Mütter mehrfach marginalisiert. Fast die Hälfte von ihnen hat finanzielle Probleme, ein Drittel lebt in Sozialwohnungen. Laut dem RKI wirken sich die finanzielle Benachteiligung und die psychische Belastung des Alleinerziehens negativ auf ihre Gesundheit aus: So sind alleinerziehende Mütter öfter chronisch krank, nehmen aber seltener Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch. Das potenziert sich bei migrantisierten Alleinerziehenden. Zudem sind sie in ihrer Erwerbstätigkeit eher altersarmutsgefährdet.
Dazu stemmen sie den Vollzeitjob der Alleinerziehenden neben mindestens einer Teilzeitstelle. Und dann ist da noch die Sache mit dem Unterhalt. Nur etwa die Hälfte der alleinerziehenden Mütter erhalten regelmäßig Unterhalt, und meist liegt dieser unter dem Mindestwert der Düsseldorfer Tabelle.
Die Autorin und Anwältin für Familienrecht Asha Hedayati schreibt in „Die stille Gewalt“: „Rechtsanwält*innen in Deutschland ist es erlaubt, Tipps und Tricks zu vermitteln, mit deren Hilfe man weniger oder gar keinen Kindesunterhalt zahlen muss, gleichzeitig werden Gynäkolog*innen kriminalisiert, wenn sie öffentlich über Schwangerschaftsabbrüche informieren“ (2023: 154).
Wenn unsere patriarchale Gesellschaft so unbedingt will, dass Frauen ungewollt schwanger bleiben, wie wär’s dann mal damit, die Leben der Kinder und Mütter zu schützen, die es schon gibt, statt sie weiter zu diskriminieren? Zudem framen sogenannte Väterrechtler (explizit nicht gegendert lol) den Unterhalt als gnädige Bonuszahlung der Väter an die Mütter.
Als würden sie sich davon Wellness gönnen (was auch mal absolut fair wäre, by the way), statt basale Grundbedürfnisse wie Miete, Kleidung, Essen und Medikamente für die Kinder im Alleingang abzudecken. Viele Mütter müssen die Zahlungsverweigerung dieses literally gesetzlich verbindlichen Bare Minimus hinnehmen. Geldgeile Schlampe hallt es von den Wänden der Gerichtssäle. Und: du wirst schon noch sehen.
Oft bedeuten Konfrontationen mit gewalttätigen Ex-Partnern, die keinen Unterhalt zahlen wollen, ein hohes Sicherheitsrisiko für Mütter und ihre Kinder. Oder Gerichtsverhandlungen von angeblich objektiven Richtern gefährden Existenzen.
Wie solche, in denen die Väter, die sich ansonsten nicht um ihr Kind kümmern, die Frauen betrügen und bedrohen, ein „So jetzt machen wir es endlich mal anders rum!“ als Richterspruch durch Krokodilstränen erzielen. Und dann einen Teil der Rentenanwartschaften bekommen. Dabei geht es nie um das Kindeswohl, sondern ums Gewinnen gegen die Frau, die in diesem System sowieso nur verliert.
Unsere beiden Erzeuger haben mittlerweile Eigenheime gebaut, während Mama in einer Mietwohnung sitzt, deren Miete alle drei Jahre erhöht wird. Und das ist kein Einzelfall, sondern hat System.
Neben dieser prekären Lage von Alleinerziehenden folgt dazu noch das public shaming. Die Beleidigung Rabenmutter fällt statistisch häufiger als Rabenvater. Die Kinder kriegen abgepackte Schokobrötchen von Aldi mit in die Schule? Rabenmutter. Die beiden waren noch nie beim Zahnarzt? Rabenmutter. Du warst nicht beim Elternabend, weil der immer schon um 18 Uhr anfängt und du nicht früher Feierabend hast? Rabenmutter.
Aber: Er hat dich noch nie in den Arm genommen und gesagt, dass er stolz ist? Väter halt, denen muss man auch mal ihren Freiraum gönnen. Ich kann mich kaum daran erinnern, wie meine Mama sich mal etwas gönnt, etwas feiert – während unsere Geburtstagstische mit selbstgebackenem Kuchen und sorgfältig verpackten Geschenken geschmückt sind.
Auch das ist unsichtbare Arbeit, Spätschicht und Frühschicht, während die Erzeuger anrufen, etwas schicken oder in so vielen anderen Konstellationen solche Momente nutzen, um zu manipulieren, wie Parshad in ihrem Buch schmerzlich berichtet.
Und ähnlich wie sie, erinnere ich meine Mama vor allem arbeitend: Mamas Hände kochen, waschen Wäsche, spülen Geschirr, kleben Pflaster, schrubben, wischen, saugen, putzen, tragen, legen zusammen, zählen Geld, sparen, haben immer etwas zwischen Ballen und Finger, liegen selten lang ausgestreckt.
Mamas Hände sind weich trotz all der Härte, sind weich an meiner Wange, in meiner Handinnenfläche: beim Impfen, wenn sie mir die salzigen Tränen wegwischt. Mamas Hände sind weich, wenn sie mir den Hörer aus der Hand nehmen und sich um mich legen, wenn mein Erzeuger am Telefon Dinge sagt, die kleine Mädchenherzen auf immer zerbrechen.
Und trotzdem steht unterm Strich: Arbeit auf Teilzeit. Als würde Mama nicht 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche für uns da sein. Dabei sind Mamas Hände auch so viel weg. Wenn wir krank waren, war es nur selten ihre weiche Hand, die unseren glühenden Stirnen Abkühlung verschaffen konnte.
Viel eher ließ sie uns schweren Herzens und mit Sorge in den Augen auf dem blauen Sofa meiner Oma & Opa zurück, die uns Zwieback und Salzstangen brachten. Meine Großeltern waren es auch, die in der ersten Reihe saßen, als ich mein Abiturzeugnis überreicht bekam – mit Auszeichnung.
Anders als ich hat meine Mama kein Abitur, konnte nicht studieren. Sie musste schnell arbeiten gehen, Geld verdienen. Dass ich dieses Papier nun in der Hand halte, ist bittersüß. Denn statt gemeinsam mit mir feiern zu können, ist Mama weit weg, ihr Chef hat ihr nicht freigegeben.
Dabei verdanke ich ihr all das. In einem Gedicht schrieb ich mal:
Dank dir muss ich nicht dieselben Gewichte heben, Dank dir muss ich nicht dieselbe Geschichte erleben.
Diese Chancen, die ich mit diesem Stück Papier in der Hand halte, habe ich nur, weil meine Mama die schweren Türen mit aller Kraft aufgeschoben hat, Stück für Stück, während sie ihr noch verschlossen blieben.
Nie musste ich neben der Schule arbeiten; ich hatte offiziell die wunderschönste, vollste Kindheit, die man sich nur vorstellen kann. Dank Mama und wie sie jedes Kapitel dieser Kindheit mit Liebe gestaltet hat.
Als Parshad in ihrem Buch beschreibt, wie oft ihre Mutter ihr Dankbarkeit predigt, da nicke ich heftig. So oft flüstert Mama uns ins Ohr: „Ihr seid mein größtes Glück“. So oft hat sie uns gesagt, wie dankbar wir sein können: für unsere Wohnung, unsere Gesundheit, für uns.
Es ist bezeichnend, dass wir gesamtgesellschaftlich Home Office so schnell als Arbeit anerkennen und belohnen, während häusliche, physische und emotionale Care-Arbeit, die meist von Mütterhänden übernommen wird, unsichtbar ist.
Unsichtbar gemacht wird. Als würden Mütter nichts aufgeben, wenn sie alles von sich geben. Ihr Mutterleben lang gibt meine Mama alles für uns (auf): einen Platz für sich allein, als sie auf der Matratze im Wohnzimmer schläft, damit wir Kinderzimmer haben.
Selbstfürsorge, wenn sie innerhalb weniger Sekunden duscht, um ein Säugling und eine Dreijährige nicht lange allein zu lassen. In weniger als einem Jahrzehnt werde ich so alt sein, wie Mama als sie alleinerziehend mit zwei Töchtern unterschiedlicher Männer war, die beide auf ihre Art Steine im Weg, statt Felsen in der Brandung waren.
Je mehr ich Frau werde, desto mehr sehe ich die Frau in meiner Mutter. Ich denke an Momente auf dunklen Parkplätzen, wie meine Schwester und ich herumalbern und Mama uns hetzt, an den Händen nimmt, schnellen Schrittes mit klackernden Absätzen.
Wie ich Ärger bekomme, weil ich die Tür nicht richtig abgeschlossen habe, während Mama unten im Keller Wäsche aufhängt. Was für ein Kraftakt es gewesen sein muss, uns diese Geborgenheit zu vermitteln, diese Sicherheit, wenn man sich selbst nicht in Sicherheit wähnt.
Eine Frau, die die Telefonnummer der lokalen Polizei in den Flur hängt, obwohl sie wusste, dass auch da den Männern nicht zu trauen ist. Aber immerhin besser als nichts, sieben Mal vier Zentimeter eine Illusion von Sicherheit aus Pappe.
Was ein mamagemachtes Privileg, dass ich damals noch an das Pixibuch-Narrativ von „Ich habe eine Freundin, die ist Polizistin“ glauben durfte und in der Polizei den Freund und Helfer sah.
Heute kann meine Mama Dinge tun, die für andere selbstverständlich sind: mal alleine in den Urlaub fahren, sich ein ganzes Wochenende lang entspannen oder ein neues Hobby beginnen. Und das, weil sie in Teilzeit arbeitet.
Eine Mutter, die mehr als zwei Jahrzehnte lang rund um die Uhr rotiert hat, weil patriarchale Machtverhältnisse sie in eine Doppelrolle gezwungen haben. Während Väter immer noch einmal Eis an der Ostsee essen gehen, „ohne Mütze, weil ist nicht so kalt“ und damit den Dad of the Year Award gewinnen.
Während Mama sich zwei Wochen lang um die Mittelohrentzündung danach kümmert. Eine Frau, die seit sie 18 ist, arbeitet und arbeitet, Steuern zahlt, Geld verdient und sich abackert für einen Staat, der ihre Arbeit immer noch unsichtbar macht.
Und dabei ist es so wichtig, dieses Narrativ der sich selbst aufopfernden Mutter endlich zu durchbrechen: Alleinerziehende Mütter sind nicht nur so bewundernswert, unter der Bedingung, dass sie all das leisten.
Sondern ihnen sollte, wie es für Männer oft so selbstverständlich ist, ihr Menschsein zugestanden werden. Als der Wirtschaftsflügel der CDU im Januar 2026 dafür plädiert, Rechte auf Teilzeitarbeit einzuschränken, ist alles, was ich denken kann: What the actual fuck.
Während Merz 12.000 Euro Steuergelder in den ersten drei Monaten Amtszeit für seine „Frisur“ ausgibt, haben Dreiviertel aller alleinerziehenden Mütter im Schnitt weniger als 2.000 Euro netto im Monat zur Verfügung.
Und obwohl Pflege von Kindern oder Angehörigen wohl weiter (mal schauen, wie lange noch) für die CDU das Recht auf Teilhabe sichern, wünsche ich Merz ein alternatives Leben als alleinerziehende Mutter. Damit er das mal spürt, das mal trägt, diese Last und nicht anfängt, Elterngeld immer weiter zu konditionieren.
I mean: Wenn alle Alleinerziehenden von heute auf morgen ihre Arbeiten (Plural!) niederlegen würden, will ich mal sehen, wie dieses Land weiter funktionieren soll.
Statt also weiter auf Müttern herumzutreten, die mit ihrer Erwerbs- und Sorgearbeit das Fundament unserer Gesellschaft sind, wie wäre es, ihre Sorgearbeit endlich mal als Arbeit anzuerkennen? Wir brauchen armutsfeste Kindergrundsicherung, keinen begrenzten staatlichen Unterhaltsvorschuss und verlässliche Infrastrukturen, die Alleinerziehende entlasten, sowie mehr Anlaufstellen, um sich gegen die Einsamkeit zu vernetzen.
Und vor allem: Anerkennung. Daher möchte ich diesen Text schließen mit Worten aus einem Poetry Slam vor ein paar Jahren:
Ich hab’s nicht ganz gerafft, als ich klein war und ich sag’s auch seit ich größer bin, viel zu selten: aber an alle Alleinerziehenden da draußen und vor allem an Mama: ihr seid wahre Heldinnen.
1 Dabei ist mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass wir in vieler Hinsicht als Alleinerziehende und Alleinerzogene auch privilegiert waren: cis, weiß und abled mit deutscher Staatsbürgerschaft und Familie im selben Land.
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