Was bedeutet Arbeit in einem System, das manche sichtbarer macht als andere?
Beau – trans*maskulin, nicht-binär und irgendwo zwischen Kunst, Studium und Prekarität – nimmt uns mit in die „shadowlands“ des Kapitalismus. Ein persönlicher Einblick in unsichtbare Arbeit, fehlende Gleichberechtigung und die Frage, wer überhaupt Platz bekommt.
Vor kurzem habe ich zum ersten Mal in meinen Leben die shadowlands betreten.
Die shadowlands bilden ein Konzept der kanadischen Autorin und Journalistin Naomi Klein, die darüber in ihrem Beststeller Doppelgänger berichtet; es handelt sich um die dunklen Flächen am Rand des Kapitalismus, in die ungeliebte Arbeit „verschwindet“. Arbeit, die wir selbst nicht machen wollen, schieben wir auf die shadowlands ab. Dazu gehört eine breite Spanne von Tätigkeiten – die Herstellung von Textilien, Haushaltsgegenständen und Essen beispielsweise, aber auch logistische Herausforderungen wie der Gang zu einem Geschäft lässt sich problemlos auf die shadowlands verlagern. Klein arbeitet heraus, dass die Arbeit sich natürlich nicht in Luft auslöst, oder irgendwo hinter verschlossenen Türen von reibungslos funktionierenden, anspruchslosen Maschinen verrichtet wird. Die shadowlands sind genau wie alle anderen Arbeitsplätze von Menschen bevölkert.
Zehn bis fünfzehn Stunden meiner Woche bringe ich nun in den shadowlands zu, um meine staatliche Unterstützung aufzustocken und der Behörde meinen Arbeitswillen zu demonstrieren. Eine kleine Summe an Zeit im Vergleich mit meinen in Vollzeit arbeitenden Kolleg*innen, und die Umstände in meinem privaten shadowland – das Fulfillment-Center eines mittelgroßen Lieferdienstes – sind weitaus menschlicher als beim shadowland-Fürsten Amazon. Noch dazu könnte ich den Job vermutlich kündigen, wenn ich ihn wirklich nicht mehr machen wollte; könnte die dadurch entstehenden Sanktionen beim Jobcenter schon irgendwie bewältigen; und der Papierkram und die Gänge zum Amt fallen mir als weiße, muttersprachliche Person leichter als anderen. All das gesagt, um auszumalen, dass meine Erfahrung im shadowland nicht exemplarisch ist.
Ich trage einen Scanner und ein digitales Pad an Handschuhen; das Pad zeigt mir an, was ich scannen und verladen muss und dirigiert mich so durch das Lager. Während ich die Kisten auf dem Kommissionier-Wagen stapele, denke ich an die Videos von menschen-ähnlichen Robotern, welche rennen und springen, aber anscheinend nicht schwer heben können. Ich mache den Job einer Maschine, weil ich ein wenig koordinierter und vermutlich auch billiger bin, während eine Maschine, eine A. I., irgendwo meinen Job macht – Gedichte schreibt, Social-Media-Postings erstellt, Filmmaterial generiert, halbgare Informationen zusammenträgt. Die Künstler*innen, auf deren gestohlener Arbeit das A. I.-Material beruht, werden nicht entlohnt; stattdessen schießen die Preise für Grafik-Karten und RAM in die Höhe, und die Orte, die neugebaute Data-Centers ertragen müssen, büßen ihr Grundwasser ein.
Meine Arbeit im Lager umfängt eine Reihe von Tätigkeiten, die passieren müssen, bevor die Produkte in die Fahrzeuge der Lieferant*innen geladen werden. Die Arbeit des Auslieferns verrichten zum Großteil migranitisierte Menschen unter prekären Bedingungen, wie eine Recherche der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausarbeitet1. Die körperlich harte Arbeit wird dabei schlecht entlohnt und die Löhne steigen nur langsam2, Überausbeutung ist alltäglich3, beispielsweise durch das regelmäßige Überschreiten der Höchstarbeitszeit von zehn Stunden4. Arbeitgeber im Logistik- und Lieferbereich gehen auch gerne gegen die Gründung von Betriebsräten vor und agieren häufig nur mit befristeten Arbeitsverträgen. Doch die Branche boomt, und schreit nach immer mehr Körpern, die es auszubeuten gilt. Und die schlechten Arbeitsbedingungen sind bei Weitem nichts besonders, es ist beinahe so, als würde jeder belanglose ausgewählte Aspekt meines alltäglichen Lebens in Deutschland irgendwie auf Ausbeutung beruhen, nicht nur das Bestellen von Paketen, sondern auch das Kaufen von Kleidung, der Gang in die Notaufnahme, der kurze Aufenthalt bei McDonald’s, das Benutzen der Straßenbahn…überall werden Arbeitskämpfe geführt, und überall hat die Leistung von Arbeiter*innen in der Vergangenheit erst zu den Bedingungen geführt, unter denen wir jetzt arbeiten. Der 8h-Tag, der Verbot von Kinderarbeit sind die Leistungen früher sozialer Bewegungen.
Nach einer Schicht tausche ich Textnachrichten mit meinen Kommiliton*innen aus; erst im September 2025 beendete ich meinen Master, bin aber bereits seit Juli auf Arbeitssuche, an die fünfzig Ablehnungen habe ich bisher angehäuft. Wir waren zu sechst in unserem Studiengang; drei Personen sind jetzt prekär in der Service-Industrie angestellt, in der sie auch schon vor dem Master gearbeitet haben, eine Person ist zu ihrem alten Beruf als Lehrerin zurückgekehrt, und die letzten zwei sind arbeitslos. Ich sehe, wie meine Kommilitonin C. Instagram-Reels mit den wunderschönen Notizbüchern grafischer Künstlerinnen einen Like gibt, und erinnere mich an unsere Arbeit in der Dunkelkammer. Beide sind wir jetzt hochspezialisiert ausgebildet und träumen nachts von den experimentellen Dokumentarfilmen, die wir gerne machen würden, wenn Kulturförderung nicht massiv zusammengestrichen werden würde, und wir nicht in unseren prekären Jobs oder Arbeitslosigkeit feststeckten.
Sicher fragen sich Menschen, warum ich nicht etwas „Sinnvolles“ studiert habe und meine Kunst als Hobby vollziehe; die Antwort ist, dass im derzeitigen Arbeitsmarkt eigentlich niemand mehr sicher ist (wir haben den höchsten Stand an Arbeitslosigkeit seit 20155). Und warum sollte ich mich nicht in dem Bereich bilden, in dem ich am besten bin, den ich am liebsten mache, und in dem ich den größten Beitrag zur Gesellschaft leisten und am produktivsten für meine Mitmenschen da sein kann?
Es ist später Abend, und sitze ich musik-hörend in der Bahn und scrolle durch die Nachrichten. Anscheinend ist Friedrich M. wiedereinmal aus einem Pool giftigen Schlammes aufgetaucht und hat es für gut befunden, sich in den öffentlichen Diskurs einzubringen. Die Deutschen würden ja viel zu wenig arbeiten, besonders vom 8h-Tag ist er kein Fan. Kurz stelle ich mir vor, wie M. zehn Stunden lang schwere Pakete die Treppe hoch- und runterträgt, bedroht von aggressiven Hunden und erschöpft von der pausenlosen Zeit am Steuer. Die kindliche Fantasie verschafft nur kurz Erleichterung, und ich kehre dazu zurück, zu recherchieren, welcher Gewerkschaft ich beitreten könnte.