Meine Welten / Isa / 30. Juni 2024
Ste
Isa — 4 Min. Lesezeit
#Sport - Deine Story über Schweiß und Tränen #Turnen #Workout
In ihrem neuen Text erzählt Isa, wie sie mit Ende 20 zum Sport gefunden hat, was es dafür gebraucht hat und welche Rolle eine bestimmte Person dabei gespielt hat.
Meine Beziehung zu sportlichen Aktivitäten könnte man wahrscheinlich mit einem Wort als dysfunktional beschreiben. Schon als kleines Mädchen vergrub ich meine Nase viel lieber in Büchern und schaute zu, wenn die anderen auf Bäume kletterten oder irgendwelchen Bällen nachliefen. Bei unumgänglichen Ballspielaktivitäten in der Schule wurde ich meistens – nicht bloß aufgrund meiner allgemeinen eher geringen Beliebtheit bei meinen Mitschüler*innen – als Letzte ins Team gewählt. Bis heute, im Alter von 30 Jahren, habe ich noch nie ein Rad geschlagen. Ich wechsele die Straßenseite, wenn mir Menschen morgens am Weg nach Hause joggend entgegenkommen.
Trotz meiner Aversion gegen alles, was sich in athletischen Gefilden finden lässt, würde ich dennoch sagen, dass ich in den letzten Jahren doch eine gewisse Freude an Bewegungsarten gefunden habe, die sich zumindest nicht wie Sport anfühlen. Dazu gehören zum Beispiel Aktivitäten wie das Plantschen im Meer oder das berauschte Tanzen zwischen verschwitzten Körpern in dreckigen Diskotheken. Zudem zähle ich – gemeinsam mit den Mitmenschen über 65 – zu den exzessiven Spaziergängern. Dennoch lassen sich natürlich die gesundheitlichen Vorteile schweißtreibender Aktivitäten sogar von einem Sportmuffel wie mir nicht negieren. Vor allem an den Trendsportarten Yoga und Pilates hatte ich jahrelang Interesse, aber die toxisch spirituelle Atmosphäre in den Yogastudios ließ mich sofort das Weite suchen, sobald ich in der Umkleidekabine ein Osho-Buch entdeckte. Die Klangschalen und anderen esoterischen Instrumente waren mir immer etwas unheimlich, ich konnte ebenfalls meine negativen Gefühle und Gedanken im Gegensatz zu den anderen Teilnehmer*innen nicht so einfach ausatmen und wegstretchen.
Da war ich also: Mit Ende zwanzig fühlte ich mich sowieso schon zu alt, um etwas Neues zu beginnen, zu unsportlich, um selbst bei den Anfängerkursen mithalten zu können und überhaupt gab es immer einen guten Grund (oder besser gesagt eine gute Ausrede) um meine sportlichen Versuche bereits im Keim zu ersticken.
Und dann trat (oder sollte ich besser sagen turnte?) Ste (she/them) in mein Leben.
Ich lernte Ste in Athen bei einem Workshop zu Body Movement kennen und war sofort interessiert, als ich hörte, dass Ste Pilatestraining anbot. Mit ihrem Instagramhandle @antifitnessss hatte Ste bereits meine Sympathie gewonnen. Nach einer Bedenkzeit von circa einem Monat fasste ich mir ein Herz und buchte meine erste Pilatesstunde bei Ste in einem wunderschönen Studio, im Zentrum von Athen. Aus einer Stunde wurden zwei und schon bald war ich eine regelmäßige Besucherin des Studios. Zudem entdeckte ich dort meine Liebe zum Reformer-Pilates, das sich dadurch auszeichnet, dass es sich (Überraschung) nicht wie Sport anfühlt, aber dennoch riesige Effekte bei der Stärkung meiner Muskulatur erzielt.
Was ist diesmal also anders als bei den Malen zuvor? Warum kann ich mich plötzlich auf diese sportliche Betätigung einlassen? Die Antwort ist ganz einfach: Ste. Das Training, das Ste anbietet, nimmt nicht nur Rücksicht auf den Sportlichkeitsgrad jedes einzelnen Teilnehmenden, sondern lässt den Teilnehmenden (insbesondere mir) auch Raum negative Gefühle gegenüber der Betätigung zu äußern. Ste begegnete meinen schmerzverzerrten Mienen und Flüchen stets gelassen und mit Humor. Ich fühle mich niemals herabgewürdigt oder ausgelacht, auch wenn ich weiß, dass meine Figuren nicht einmal ansatzweise so graziös aussehen, wie die von Ste oder den anderen Teilnehmenden. Inklusivität ist bei Ste etwas, das natürlich passiert. Wenn beispielsweise Menschen, die kein Griechisch sprechen, teilnehmen, switcht Ste mühelos ins Englische und macht ihren Unterricht zweisprachig um auch diejenigen, die kein Englisch verstehen, miteinzubinden.
Selbst jetzt, wo ich nicht mehr in Athen wohne, buche ich bei jedem Besuch in der
alten Heimat ein paar Stunden bei Ste. Dass ich dabei jedes Mal fast wieder bei Null anfange, liegt daran, dass ich nach meinem Umzug meine Bewegung nun ausschließlich alleine zu Hause praktiziere. Bei jedem Cat-Cow-Move denke ich jedoch dankbar an Ste.
Das Blossom-Studio, in dem ich das Training in Anspruch nehme bzw. das Training mich in Anspruch nimmt, zeigt keine Spur von toxischer Spiritualität. Es wird auch keine toxische Body Positivity propagiert. Dass sich alle Geschlechter, Alter und Körperformen dort wohlfühlen, zeigt die Diversität an Menschen, die dort zum Training kommen, von allein. Willkommen sind alle, die vorurteilsfrei anderen gegenüber sind. Homophobe, rassistische oder andere exkludierende Haltungen werden in keinster Weise toleriert. Die Inklusivität zeigt sich ebenfalls bei den selbst für griechische Verhältnisse erschwinglichen Preisen der Trainingseinheiten, die es auch den weniger gut situierten Leuten ermöglichen, etwas für ihre physische wie psychische Gesundheit zu tun.
Das Blossom Studio ist meine große Empfehlung für alle, die auch bei einer Reise oder einem möglichen Umzug nach Athen nicht auf ihr Workout verzichten wollen, oder wie in meinem Fall damit erst anfangen möchten.
Ich empfehle allen wärmstens, Ste und dem Blossom Studio auf den sozialen Netzwerken zu folgen, da hin und wieder auch Online-Session angeboten werden.