Über das Reinwachsen ins Erwachsensein: Romy befindet sich in einem Zwischenstopp, denn Erwachsen ist man nicht einfach plötzlich.
„Erwachsenwerden“ – das ist das Thema des Monats, über das wir für „Meintestgelände“ schreiben können. Als ich das erste Mal diesen Themenvorschlag gelesen habe, dachte ich ganz leichtsinnig: Perfektes Thema! Ich bin jetzt 19 Jahre alt, studiere bald, ich ziehe im Oktober zum Ersten Mal um – diesen Text schreibe ich im Schlaf. Aber je mehr ich über einen möglichen Aspekt des Erwachsenwerdens mit Schreibpotential nachgedacht habe, desto schwerer fiel es mir. „Erwachsenwerden“ – was bedeutet das eigentlich? Ab wann gilt mal als „erwachsen“? Geht es beim Erwachsensein mehr um die Mentalität, um ein Gefühl? Fühle ich mich selbst überhaupt erwachsen? All diese Fragen standen mir im Weg beim Ideensammeln, und sie tun es noch. Also stelle ich mich jetzt jeder einzelnen Frage. Kalte Konfrontation quasi.
Ab wann gilt man denn jetzt als erwachsen? Ganz offiziell gesehen hat man mit dem Erreichen des 18. Lebensjahres die Volljährigkeit erlangt. Aber was heißt das denn genau? Ja, es gelten rechtlich gesehen andere Regeln: Man darf jetzt Alkohol, Tabak und anderen „Erwachsenenkram“ kaufen. Sich auf Dating-Apps registrieren. Eigenständig Auto fahren. Aber macht das einen gleich erwachsen? Ich finde: Nein. Wenn ich zurückdenke an meinen 18. Geburtstag, der tatsächlich noch gar nicht so lange her ist, dann fällt mir auf: Ich war mit 18. nicht plötzlich ein anderer, neuer Mensch. Ich bin nicht aufgewacht und dachte mir: „Toll, ich bin jetzt offiziell Teil der Erwachsenen!“. Es war ein Geburtstag wie jeder anderer. Ich habe nicht direkt gespürt, jetzt endlich erwachsen zu sein, auch wenn mir das von jeder Seite im Rahmen jeglicher Glückwünsche so gesagt wurde: „Glückwunsch, Romy! Endlich erwachsen!“ – aber warum fühlte sich das nicht so an?
Und damit kommen wir gleich zu der zweiten Frage, die sich mir im Laufe des Brainstormings in den Weg gestellt hat: Geht es beim Erwachsensein um eine Mentalität? Um ein Gefühl vielleicht? Ich finde den Begriff „Gefühl“ eigentlich ganz passend. Aber das Erwachsenwerden ist nicht wie eines der Gefühle, die mal kurz hochkommen und schnell wieder verschwinden. Es ist keine direkte, ganz spontane Emotion. Erwachsenwerden fühlt sich mehr an wie ein innerer Prozess: Ich rede anders, artikuliere mich anders, ich denke auch anders. Ich kann besser reflektieren, meine Emotionen verstehen, Situationen besser einordnen. Entscheidungen treffe ich nicht mehr impulsartig, sondern denke lange darüber nach – manchmal vielleicht zu lange. Und ich habe gelernt aus Dingen, mit denen mein früheres Ich nicht umzugehen wusste, und treffe jetzt andere Entscheidungen.
„Erwachsenwerden als innerer Prozess“ – das in meinem Alter zu sagen fühlt sich fast paradox an. Mit meinen 19 Jahren stehe ich ja selbst irgendwie noch ganz am Anfang. Ich kann jetzt noch nicht auf das Leben zurückblicken und sagen: „Das war ein tolles, erfolgreiches Leben!“. Ich kann maximal an mein früheres Ich zurückdenken: Wie es das erste Mal in eine Beziehung gekommen ist, wie ihm das erste Mal das Herz gebrochen wurde. Wie es dachte, der Schmerz ginge nie vorbei: Und er ging es doch. Wie es das erste Mal beim Lernen auf das Abitur eine Panikattacke hatte und sich dachte: „Was passiert hier gerade?“
Und selbst wenn all diese Dinge gerade einmal innerhalb der letzten drei Jahre passiert sind: Ich merke, dass gerade diese letzten Jahre unglaublich prägend für mich waren. Es ist so viel passiert, so vieles, mit dem ich zuvor noch keinen angemessenen Umgang finden konnte. So vieles, dass ich nicht einordnen und verstehen konnte. Und heute? Heute gibt es immer noch ein Ausmaß an Dingen, die ich nicht verstehe und noch lernen muss. Aber der Druck ist weniger geworden. Ich gehe jetzt anders an all das heran und weiß: Das muss ich auch alles noch nicht verstehen. Ich weiß, dass ich noch lernen werde. Das noch viele Entscheidungen bevorstehen, und dass ich oft die Falschen davon treffen werde. Und ich weiß, dass sich mein späteres Ich irgendwann darüber freuen wird: Weil es daran gewachsen ist.
Somit komme ich zu meiner letzten Frage: Fühle ich mich schon erwachsen? Ich würde mein aktuelles Gefühl mehr als eine Art Zwischenstopp beschreiben. Ja, ich bin durch mein früheres Verhalten, auch durch meine Fehlentscheidungen, gewachsen. Und sehr bald ziehe ich um, was sich irgendwie wie das ultimative Abkoppeln der Kindheit anfühlt. Aber ganz erwachsen bin ich noch nicht. Ich bin heranwachsend, semi-erwachsen, fast-erwachsen. Und ich freue mich darauf, noch etwas in diesem Zwischenstopp zu verweilen. Irgendwann werde ich auch dieses Stadium verlassen. Aber bis dahin fühle ich mich ganz wohl – als eine semi-erwachsene, junge Frau.