Deutschland ist verschnupft: Man möchte sich nicht mehr auf Debatten über den Holocaust einlassen (ist ja schon so lange her), die Deutschen gehen selten demonstrieren und über Diskriminierung sprechen meist nur die, die selbst davon betroffen sind. Saras Diagnose: Untätigkeit.
Erst letztens saß ich zusammen mit einem alten Menschen zusammen und wir haben trotz unseres Altersunterschiedes viele gemeinsame Themen gefunden, Männer, Kinder in der Nachmittagsbetreuung, wie man idealerweise eine Luftmasche häkeln kann und wie gruselig die Welt momentan ist und welche Angst in uns aufkommt. Wir kamen zu dem Schluss, dass nicht die Weltlage das größte Problem ist, sondern die absolute Ignoranz der Menschen in ihr. Die Welt könnte augenblicklich untergehen und das Interesse aller Mitmenschen daran wäre beschränkt. Keine*r würde sich auf die Straße stellen und gegen ebenjenen Zustand protestieren. Mein Vater erzählte mir schon in der Grundschule, dass er von den Menschen in diesem Land und ihrer Untertänigkeit erschrocken sei, in Frankreich zünden sie immerhin Autos an. Daran musste ich denken, als ich dort an diesem Tisch saß und wir düstere Wahrheiten aussprachen.
Ich bin müde und erschöpft von dem alltäglichen Kampf. Von der Tatsache, dass ich meinen Job politisch verstehe und mich jederzeit mit Diskriminierung auseinandersetze, aber gleichzeitig mit meinen weißen Kolleg*innen am Tisch sitzen muss und höre, dass ihre Reaktion auf Antisemitismus „Die Schuldfrage muss endlich weg, was habe ich mit dem zu tun, was meine Großeltern getan haben?“ ist. Ich bin müde davon jeden Tag die Schule zu besuchen und das mangelnde Engagement von – surprise ebenfalls weißen – Menschen zu sehen. Die Welt, sie scheint nichts wert zu sein, weder unsere Demokratie, Sicherheit bla bla bla, es erscheint nicht kostbar genug, um eine Haltung zu entwickeln und klar zu vertreten. Nazis zu hassen und Rechtsextremismus und andere -ismen anzuprangern. Fortbildungen zu besuchen, die explizit Rassismus, Sexismus etc. aufdröseln, Stammtischargumente entkräften und Dialoge in unzugänglichen Räumen zu fördern. Ich bin es leid bei ebenjenen Veranstaltungen nur queere, migrantische und generell marginalisierte Menschen zu sehen. Es macht mich müde, anderen Menschen Empathie zu erklären, auch dann mit zu fühlen, wenn es nicht die eigene Person betrifft.
All das was gerade passiert, schmerzt enorm. Es schmerzt so sehr, dass es fast unmöglich scheint Nachrichten zu hören, zu lesen, zu fühlen, weil das Ausmaß dieser gesellschaftlichen Spaltung unendlich erscheint. Die Hoffnung auf ein gutes Leben sinkt. Mehr als diese Gedankenfetzen bringe ich nicht zusammen, denn das Ausmaß des Grauens in dem meine Freund*innen und ich, die alle queer, migrantisch oder anderweitig marginalisiert sind, ist nicht greifbar. Der Blick in die USA zeigt einiges, was noch kommen wird und ich hoffe, dass der letzte Funken Engagement für die Demokratie irgendwann entfacht werden kann, denn sonst ist alles verloren.