Review zum Film „Queer“ von Kenji
Kenji — 4 Min. Lesezeit
Heute hat Kenji wieder eine Filmkritik für euch – diesmal zu Queer von Luca Guadagnino. Warum dieser Film für ihn so besonders ist, erfahrt ihr nach dem Steckbrief.
Titel: Queer
Regie: Luca Guadagnino
Besetzung: Daniel Craig, Drew Starkey, Lesley Manville, Jason Schwartzman u. a.
Genre: Romanze/Drama
Altersfreigabe: 16
Inhaltshinweis: Drogenkonsum, explizit sexuelle Szenen, Alkoholkonsum, Gewalt, Tabakkonsum, Stroboskop-Licht
Kann man süchtig nach einer Person sein?
Diese Frage stellt man sich unweigerlich beim Schauen von Queer. Der Film erzählt die Geschichte von William Lee, der in den 1950er-Jahren aus den USA nach Mexiko-Stadt gezogen ist. Hier lebt er allein, drogenabhängig und verbringt seine Nächte in Bars – immer auf der Suche nach neuen Bekanntschaften. Eines Abends trifft er auf den jungen Eugene Allerton (gespielt von Drew Starkey). Es ist fast wie Liebe auf den ersten Blick. Aber ist sie das nur einseitig? Doch diese Begegnung führt zu riskanten Situationen, einen Trip und tiefen Existenzängsten. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten.
Der Film ist in verschiedene Akte unterteilt. Jeder Akt hat ein eigenes Hauptthema – mal einen bestimmten Handlungsort, mal ein Gefühl, manchmal auch beides. Diese Erzählstruktur ist einer der Gründe, warum Queer trotz seiner Laufzeit von 2 Stunden und 17 Minuten nicht langweilig wird. Wir folgen Lee auf seinem Weg, fühlen mit ihm, verurteilen ihn, empfinden Scham oder Mitleid. Wir erfahren erst spät von seiner Drogensucht, müssen sie aber akzeptieren, weil Lee uns schon im ersten Akt ans Herz gewachsen ist. Doch diese Sucht nimmt im weiteren Verlauf viel Raum ein – vielleicht zu viel.
Was bewegt uns bei diesem Film so sehr? Ist es die Sehnsucht? Die Sehnsucht nach Liebe, nach Existenz, nach Bedeutung? Diese Sehnsucht verbindet uns mit Lee und gibt uns die Freiheit, sie nach unseren eigenen Gefühlen zu interpretieren.
Inszenierung
Luca Guadagnino ist bekannt für Call Me by Your Name. Vielleicht kennt ihr den Film: Ein junger Timothée Chalamet trifft auf einen älteren Armie Hammer – eine Liebesgeschichte, die sich wirklich in mein Herz gebrannt hat (und vermutlich nicht nur in meines). Auch Challengers lodert vor bisexual energy. Wenn Guadagnino einen neuen Film macht – und dann noch mit einer LGBTQIA+-Geschichte –, werde ich sofort aufmerksam. Mit Queer verfilmt er die semi-autobiografische Novelle von William S. Burroughs. Guadagnino setzt auf ästhetische Sets, meisterhafte Kameraarbeit und einen dynamischen Erzählrhythmus, der zwischen langsamen und schnellen Passagen wechselt. Diese Mischung sorgt dafür, dass fast keine Szenen langweilig oder inhaltslos wirken.
Aber Achtung: Queer ist ein eher künstlerischer Film, der viel Raum für Interpretationen lässt. Viele Szenen fordern uns Zuschauenden auf, ihre eigene Bedeutung darin zu finden – das macht den Film anspruchsvoll, aber auch unglaublich fesselnd.
Die Kameraarbeit von Sayombhu Mukdeeprom, der bereits für Call Me by Your Name und Challengers verantwortlich war, ist atemberaubend. Jede Einstellung wirkt wie ein Kunstwerk. Der Film hat einen Retro-Look mit klaren Farben. Beige- und Blautöne dominieren und ziehen sich als stilistisches Element durch den gesamten Film. Auch das Set-Design fügt sich perfekt in diese Ästhetik ein. Ob es historisch korrekt ist, kann ich nicht sagen – aber es passt hervorragend zur Atmosphäre. Der prägnante Soundtrack macht den Film nur noch besser- Nirvana, New Order und andere begleiten den Film mit perfekter Musik. Trent Reznor und Atticus Ross liefern dazu einen fast traumhaften Score, de ich mir jetzt noch anhöre.
Ein schwuler James Bond
Doch jetzt zu den Hauptdarstellern. Daniel Craig liefert eine Performance, die wir so noch nie von ihm gesehen haben. Der Ex-James-Bond-Darsteller zeigt eine verletzliche, sinnliche Seite, die uns mitreißt. Man fiebert und leidet mit ihm mit. Drew Starkey ergänzt ihn perfekt. Seine Darstellung von Eugene Allerton ist liebevoll, mysteriös und distanziert zugleich. Er verkörpert den einen Menschen, den man unbedingt erreichen möchte, der aber immer unerreichbar bleibt. Diese Dynamik zwischen Craig und Starkey macht den Film emotional und unglaublich intensiv.
Kritik und Fazit
„Queer“ wurde in der Türkei wegen „provokativen Inhalts“ und der „Gefährdung des gesellschaftlichen Friedens“, also einer Argumentation mit bewusst homophober und menschenfeindlicher Denkweise, verboten. Darüber hinaus dann auch in der ganzen Türkei. Wir sollten den Film gucken, um uns gegen die Zensur zu stellen und sie nicht an oberste Stelle stehen lassen, wenn es um den Film geht. Oder wie Timo Lindemann aus der jungle.world zu dem Film sagt: „Queer ist Guadagninos bisher bester Film und der Gang ins Kino sei ausdrücklich empfohlen – nicht nur, um dem homophoben Verbot des Films durch türkische Zensurbehörden an den Kinokassen zu widersprechen.“
Ich weiß, dass der Film nicht für jeden gemacht ist. Aber ich empfehle euch, euch auf Queer einzulassen. Vielleicht hat er ja eine ähnliche Wirkung auf euch, wie auf mich.