Meine Stimme / Isaak / 6. März 2025
ich habe die zukunft gesehen und wir waren alle am leben und glücklich
Isaak — 6 Min. Lesezeit
#Aktivistisch ins neue Jahr #Erinnerungskultur #Featured #Hoffnung #Queer
„Anti-Faschismus ist Handarbeit“, sagt Esther Bejarano, Holocaustüberlebende. Auch unser Autor Isaak findet trotz aller Widrigkeiten, Hürden und Rückschläge immer wieder Hoffnung, unter anderem in Geschichtsbüchern. In seiner bemerkenswert düsteren und gleichzeitig hoffnungsvollen Analyse stellt er fest: Andersdenkende, Queere und unbequeme Menschen sind, trotz größter Bemühungen autoritärer Kräfte, nie verschwunden.
vor paar tagen habe ich einen interessanten post auf instagram gelesen: “ich wünschte, die rechten würden verstehen, dass sie schon lange gewonnen haben… unser gesundheitssystem ist rechts, unsere außenpolitik ist rechts, unsere sozialpolitik ist rechts – und dein leben ist und bleibt trotzdem scheiße.” (paraphrasiert)
aktuell suche ich auch nach hoffnung. nach diesem funken, der einer*m kraft gibt weiterzumachen, trotz merz, weidel, höcke, lindner und scholz. trotz der forderung, meine freund*innen alle abzuschieben, und/ oder ihnen die staatsbürger*innenschaft zu entziehen. (habeck und baerbock gehören auch in diese liste, aber da sie schon ziel von cduafd sind, lasse ich sie an dieser stelle mal raus. fühlt euch aber mitgemeint, ihr lieben rassismus-aber-mit-bauchschmerzen-leute.)
ich habe auch mal einen anderen sehr interessanten post auf instagram gelesen (ja, ich weiß, ich verbringe zu viel zeit auf dieser plattform, aber was soll man machen): “die tatsache, dass es in deutschland keine starke linke, überhaupt keine ernstzunehmende linke opposition gibt, ist bereits der faschismus. er ist schon lange eingetreten, schon vor jedweden cdu eskapaden und forderungen nach remigration.” (paraphrasiert)
wenn ich ab und an mal nachrichten lese, dann ist es jedesmal wie ein schlag in den magen. und dieses gefühl von ohnmacht. immer diese ohnmacht.
man kann noch so viele kommentare schreiben, mit sturköpfigen verwandten reden, diskussionen in der teeküche im büro anzetteln, petitionen unterschreiben, auf demos gehen. aber es bringt ja alles nichts. es bringt ja nichts.
naja. ein bisschen was bringt es schon. aber halt nicht genug.
und auch nicht schnell genug. mir fallen aus dem kopf heraus bestimmt 20 in naher zukunft real umsetzbarer horrorszenarien ein: von der inhaftierung psyc— ich versuche, mir nicht zu viele albträume auszumalen, aber es fällt mir ehrlich gesagt schwer, nicht an sowas zu denken. und was hilft dagegen? was sind realistische, umsetzbare anti-horrorszenarien?
wenn ich das wüsste, dann würde ich sie gerade alle machen und hätte ggf schon einen friedensnobelpreis, glaube ich. ich hab ehrlich gesagt nicht viel eigene erfahrung, was aktivismus angeht, aber ich habe eine absurde menge an geschichtsbüchern gelesen und würde gerne ein bisschen wissen daraus teilen und vielleicht hoffnung generieren (und vor allem mir selbst wieder hoffnung machen).
wer politische veränderung will, braucht a) einen sehr, sehr, sehr langen atem (z.b. die gleichgeschlechtliche ehe in deutschland hat 21 jahre (!) vom 1. vorschlag bis zur umsetzung gebraucht (von 1996 bis 2017)) und b) genug menschen, dass politiker*innen angst haben.
nein, ehrlich jetzt.
es braucht so viele leute, dass es für politiker*innen unglaublich unangenehm ist, den status quo beizubehalten und sie dann wider ihres eigenen willens nun die forderung von besagter politischer bewegung umsetzen und z.b. klimaschutz maßnahmen beschließen. oder, einfacher gesagt: es braucht (die illusion von) gewalt.
eine demo? kann man easy ignorieren. zwei demos? ebenso. bundesweit in nahezu allen städten demos mit millionen demonstrant*innen, die so unzufrieden aussehen, dass man sich sorgen machen muss, ob sie gleich ne scheibe einschlagen? hmmmmm schwierig zu ignorieren.
um eins klarzustellen: das ist kein aufruf zu gewalt. das ist nur das, was ich nach wirklich vielen seiten geschichte für mich rausgezogen habe – politik hört auf genau 2 sachen: geld und gewalt. natürlich gibt es auch die option, einfach keine forderungen an die politik zu stellen und das eigene ding zu machen, aber das ist auch sehr tricky/ je nachdem, um was und um welchen ausmaß es ging, historisch bisher leider oft gescheitert (imo interessante gruppen zum nachgooglen an dieser stelle sind z.b. die pariser kommune und die machno-bewegung).
vielleicht braucht es jetzt große, riesengröße bündnisse. so große und so unerwartete zusammenschlüsse an menschen, dass die ganzen cduafd leute gar keine zeit haben, um schnell und sinnvoll genug dagegen zu reagieren. wenn sich z.b. plötzlich queere menschen und alle mitarbeitenden der deutschen bahn zusammentun würden, um brennende geflüchteten-unterkünfte zu verhindern. oder alle leute, die in pflegeberufen arbeiten solidarisieren sich mit inhaftierten personen. keine ahnung!!! überrascht mich.
wir leute, die nicht ins weltbild der cduafd reinpassen, können es uns schon lange nicht mehr leisten a) uns wegen lächerlich irrelevanten differenzen aufzuspalten und b) berechtigte kritik aus den eigenen gruppen, z.b. an rassismus im plenum, zu ignorieren.
es brennt mir unter den fingern. ich will irgendwas tun. und dann meldet sich mein körper mit seinen chronischen schmerzen, zwingt mich zu einer kotz-session in der uni-mensa und fragt: “hast du mich etwa vergessen?”
ach, ich weiß doch auch nicht. anti-faschismus bleibt handarbeit, das wissen wir ja alle. “wer gegen nazis kämpft, kann sich auf den staat überhaupt nicht verlassen” (esther bejarano), wissen wir auch alle.
und trotzdem ertappe ich mich immer wieder bei den doppel-gedanken: ich kann ja gar nichts machen und kann das nicht wer anders für mich erledigen? kann sich jemand anderes etwas schlaues überlegen und umsetzen? direkte aktion schön und gut, aber das ist ja auch einfach super gefährlich und ich will nicht ins gefängnis??? ich habe zwar viel gelesen und mit vielen menschen gesprochen, aber eigentlich weiß ich auch nicht, was ich hier tue?? ich bin am ende meiner kräfte, ich hab nur total wenig politische erfahrung, ich will eigentlich nur nach hause (wo auch immer das eigentlich ist) und wie zur hölle soll ich arme kleine einzelperson so ein riesengroßes ziel wie “geschlechtergerechtigkeit” oder “klimakatastrophe aufhalten” oder “faschismus überwinden” schon hinkriegen?
ich glaube, vielen menschen geht es so. super viele leute haben eigentlich gar keinen bock auf das, was die cduafd vorschlägt. sie sind nicht “das volk”, von dem immer geredet wird. aber sie sind eben auch wie ich – alleine. nicht teil einer politgruppe, einer gewerkschaft, einer partei oder einer anderen organisation. shit. wohin mit mir? was kann ich denn tun, wenn ich so alleine bin? wie find ich anschluss??
ich schaue wieder in meine lieblingsquelle von hoffnung (= geschichtsbücher) und merke, dass ich vielleicht doch nicht so alleine bin, wie ich mich oft fühle. dass es z.b. queere menschen schon immer gab und auch geben wird. dass sie niemand ausradieren kann, egal wie sehr sie es versuchen. dass marginalisierte leute unendlich kreativ sind, untertauchen, verschwinden, dann wieder auftauchen und immer wieder strategien finden, um in dieser hölle namens spätkapitalismus zu überleben. dass es eine gruppe gibt, der ich mich anschließen kann und werde, aber dass ich sie halt erst suchen und/ oder gründen muss.
dass auch ich, mit meinen sehr begrenzten skills und meinen ganzen chronischen krankheiten etwas tun kann und es einen sinnvollen platz für mich gibt. dass ich, selbst wenn es mir gar nicht bewusst ist, schon einen impact habe, einfach indem ich z.b. mit arbeitskolleg*innen, freund*innen, bekannten und kommiliton*innen rede. dass es, wenn man sich die gesamte geschichte der menschheit anschaut, erst für einen enorm kurzen zeitraum so ist, dass ausbeutung der normative zustand ist. dass wir eben wirklich nicht alleine sind und auch nie waren. oder, um es in den worten vom super klugen autor & aktivisten max czollek zu sagen: “alleine sind wir erledigt, aber zusammen erledigen wir das.”