Lina’s neuer Text ist ein Statement gegen pathologisiertes Frausein und vermeintliche Fürsorge: Ein kraftvoller Ruf nach Selbstbestimmung, ein feministischer Blick auf mentale Gesundheit – und ein radikales Bekenntnis zu einem Glück, das nicht erklärt, sondern einfach ist.
Ich bin glücklich. Punkt.
Nicht weil ich alles geschafft habe.
Nicht weil alles gut ist.
Sondern weil ich begriffen habe, dass Glück kein Endzustand ist,
sondern ein Moment, den ich mir nehme, wenn ich atmen kann.
Und ich kann atmen.
Ich sage: Ich bin glücklich. Punkt.
Und was ich höre, ist:
„Du wirkst überdreht.“
„Du hast doch wieder keine Therapie gemacht.“
„Du hast doch wieder diesen manischen Blick.“
„Das klingt doch nicht gesund.“
„Pass auf, nicht dass du wieder krachst.“
„Warte mal zwei Tage, dann bist du wieder am Boden.“
Du sagst: „Ich mache mir nur Sorgen.“
Ich höre: „Ich traue dir dein Glück nicht zu.“
Ich höre: „Du passt nicht in mein Bild von mentaler Gesundheit.“
Ich höre den Sound von Gaslighting in einem Care-Mäntelchen.
Ich höre nicht, was du sagst. Ich höre, was die Gesellschaft sagt.
Ich höre, was man FLINTA-Personen seit Jahrhunderten sagt:
„Du darfst glücklich sein – aber bitte nicht so auffällig.“
„Du darfst gesund sein – aber nicht auf eine Art, die uns stört.“
Wir wurden sozialisiert, unsere Wut zu schlucken.
Wir wurden sozialisiert, still zu leiden.
Uns wurde gesagt: Frauen* sind nicht laut, nicht aufmüpfig, nicht wild.
Und wenn wir leiden, dann bitte leise, mit Haltung. Elegant. Zerbrechlich, aber nicht unbequem.
Und manchmal sage ich: Ich bin glücklich.
Auch wenn es nicht stimmt.
Weil es muss ja.
Weil es weitergeht.
Weil niemand fragt, was Glück eigentlich heißt,
wenn du es nur überzeugend genug sagst.
Meine Definition von Glück hat Abgründe gesehen.
Sie hat in dunklen Zimmern geschwiegen,
während das Leben draußen weiterlief.
Es geht mir gut – das war oft nichts als
eine Spiegelfläche für den Zusammenbruch.
Eine Rüstung aus Lächeln.
Eine glatte Oberfläche über einem Beben.
Ich habe gelitten im Dunkeln,
damit niemand das Licht anschaltet und nachfragt.
Wir FLINTA lernen früh:
Zu viel Glück ist verdächtig.
Zu viel Kraft wirkt übertrieben.
Zu viel Stimme ist unweiblich.
Und dann sagst du: „Ich bin nur besorgt.“
Ich sage: Ich bin glücklich. Punkt.
Nicht weil ich nie gefallen bin.
Sondern weil ich wieder aufgestanden bin,
auch ohne Applaus.
Auch ohne dass du es gesehen hast.
Auch ohne dass jemand geklatscht hat.
Ich bin nicht überlebend, um deiner Vorstellung von Gebrochenheit zu entsprechen.
Ich bin nicht deine Projektionsfläche für ein pathologisiertes Frausein.
Ich bin nicht deine Held:innengeschichte.
Ich bin nicht deine Warnung.
Ich bin nicht deine Therapeut:in.
Ich bin nicht dein Trauma-Vergleich.
Ich bin glücklich. Punkt.
Und ja: Ich habe Therapie gemacht. Ich mache sie noch. Ich werde sie wohl mein Leben lang machen.
Und ja: Ich habe Medikamente genommen. Ich nehme sie manchmal noch.
Und nein: Ich schulde dir kein mentales Gesundheitstagebuch.
Weil ich als FLINTA-Person immer erklären muss, warum ich lebe, wie ich lebe.
Warum ich nicht leise bin.
Warum ich mich freue.
Warum ich funktioniere.
Warum ich nicht funktioniere.
Weil FLINTA oft nicht krank genug für Hilfe sind – und nicht gesund genug für Vertrauen.
Weil Glück für viele von uns ein Akt der Rebellion ist.
Feministische Perspektiven auf Mental Health sagen längst:
Wir dürfen nicht über psychische Gesundheit sprechen,
ohne über Care-Arbeit, strukturelle Ungleichheit, medizinisches Gaslighting,
und die lange Geschichte der Pathologisierung weiblichen Verhaltens zu sprechen.
Die Soziologin Eva Illouz schreibt:
„Gefühle sind nicht privat. Gefühle sind politisch.“
Lebensrealitäten von uns werden wieder und wieder falsch verstanden,
entwertet
ignoriert
Vielleicht bin ich glücklich, obwohl ich all das weiß.
Vielleicht bin ich glücklich, weil ich all das weiß und das Privileg habe mich zu bilden.
Vielleicht bin ich glücklich, weil ich endlich aufhöre, mich zu erklären.