Meine Welten / Sven Hensel / 20. Juni 2025
Ein paar meiner Queeren Orte im Ruhrgebiet
Sven Hensel — 6 Min. Lesezeit
Sven hat sein bisheriges Leben im Ruhrgebiet verbracht. Pünktlich zum Pride Month hat er für uns seine liebsten, queeren Orte im Pott vorgestellt. Wenn ihr also Lust habt euch in queeren in Save Spaces zu bewegen, findet ihr hier ein paar Vorschläge.
Ich bin schon seit meinem ganzen Leben im Ruhrgebiet wohnhaft und habe dabei immer wieder verschiedene Orte frequentiert, um mich mit meinen queeren Gefährt*innen gemeinsam in sicheren Räumen zu bewegen. Dort dürfen wir auf volle Lautstärke aufgedreht so bunt und queer sein, wie wir wollen – seien es Parties, Jugend- oder Kulturzentren, oder Bars. Es ist einerseits schade, dass wir diese Orte immer noch brauchen, gerade zurzeit, wo unsere Rechte weltweit wieder weiter eingeschränkt werden, Hass und Gewalt gegenüber queeren Menschen zugehend normalisiert wird, und der Fortschritt leider nur langsam voran geht – aber andererseits ist es wunderbar, dass es diese queeren Spielstätten gibt, um uns in sicheren Räumen miteinander auszuprobieren, Erfahrungen zu teilen und solidarisch zu lieben und zu leben. Jeder dieser Orte ist eine Pride Celebration in sich! Ein paar von ihnen gibt es schon nicht mehr, und ein paar der Orte, die hier stehen könnten, gibt es vielleicht noch nicht, aber hier präsentiere ich euch eine Auswahl von ein paar meiner Lieblingsorte, um Pride nicht nur, aber auch im Pridemonth hoch leben zu lassen:
Queere Orte in Bochum:
FLUID
Das queere Kultur- und sexuelle Bildungszentrum existiert in dieser Form seit drei Jahren und ist für mich nicht mehr aus unserer lokalen Szene wegzudenken, besonders für mich als in Bochum wohnend. Dieser dritte Ort (also wo man sein darf, ohne Geld dafür bezahlen zu müssen, wie z.B. eine Bibliothek oder ein öffentlicher Park) behaust einige queere Gruppen, die sich teilweise monatlich, teils öfters treffen, z.B. die FLINTA Gruppe “Form Up!”, den queeren Männertreff “Queere Kumpels” und Spielegrüppchen für alle Gender. Ich durfte hier zur großen Neueröffnung der Räumlichkeiten die erste Ausgabe meiner eigenen Reihe, der Queer Poetry Gala Bochum, halten – und was für ein Auftakt es war! Seitdem ist das Fluid ein Ort für mich sondergleichen geworden, ich treffe hier auf die verschiedensten queeren Communitys, und manchmal mixen sie sich auch untereinander bunt durch, da stoßen dann die trans Leute mit den Schwulen und Lesben am selben Tresen an. Es wird einander respektiert, die Ehrenamtlichen sind engagiert, sich tatkräftig einzubringen, und das kleine Café unter der Aidshilfe in Bochum floriert. Manchmal gibt’s hier veganen Kuchen, manchmal werden Pommes frittiert, manchmal bringen wir alle kleine selbstgemachte Speisen mit und genießen gemeinsam, uns zu nähren. Ich habe hier schon Geburtstage feiern dürfen, meinen eigenen und den vieler Freund*innen, und den Raum jedes Mal individuell gestaltet zu sehen, wie in jedem der Gruppenangebote, ist wunderschön: wir dürfen diesen Raum nutzen, er ist ein Angebot, und wir bringen die Nachfrage mit.
Oval Office Bar
Das Oval Office befindet sich in der Seite des Schauspielhaus Bochum, man geht eine kleine Treppe hinunter in den Keller und schon ist man angekommen in einem queeren Nirvana. Seitdem in der Spielzeit 2018/2019 Johan Simons die Intendanz des Schauspielhauses innehat, ist diese Kellerbar zu einem der queeren Hotspots im Pott geworden, die Gründung eines Vereins (der Kosmopolis e.V.) zur Selbstorganisation der Räumlichkeiten folgte bald. Ich habe hier schon öfter selbst auf der Bühne gestanden, aber noch öfter mit Freund*innen ein Getränk getrunken, neue Leute überall in der Alphabetmafia angesiedelt kennengelernt und mir Shows angesehen. Sehr eindrucksvoll war ein queeres Bourlesque, das Schlesien thematisierte, was mich auch zu der Verbindung zu meinen eigenen schlesischen Wurzeln (wie viele Leute im Ruhrgebiet sie haben) brachte. Hier gibt’s Öffnungstage für schüchterne Menschen, manchmal gibt’s Hair Bars, wo alle ungeachtet des Geschlechts einfach, affirmativ und unkompliziert die Haare geschnitten bekommen können, und noch weitere, schöne Aktionen, die vor Queerness nur so sprudeln.
Queere Orte in Essen:
Together Jugendzentren
Ich war hier schon regelmäßig zu Besuch, als ich noch Teenager war, spezifisch in den Zentren in Essen und Gelsenkirchen. Seitdem hat sich einiges geändert, aber die besten Dinge sind gleich geblieben, und zwar, dass man ganz einfach willkommen geheißen wird.
Es gibt für TIN* Menschen, Jungs und Mädchen gesonderte Öffnungstage und Treffs, aber auch Tage, an denen alle Queers and Friends von 14 bis 26 vorbeikommen dürfen, um gemeinsam abzuhängen, einander kennen zu lernen, miteinander Aktionen oder Ausflüge zu planen und sich kreativ zu betätigen. Ich bin so froh, dass es im Together Essen
spezifisch mittlerweile ein queeres Bücherregal gibt, weil mir diese literarischen Entwürfe und Vorbilder in meiner Jugend gefehlt haben, ich aber sehr gerne las und es noch immer gern tue. Ich durfte schon häufiger als Erwachsener Workshops zum kreativen Schreiben und zum Selbstausdruck in den Together Jugendzentren leiten, und immer wieder ist es eine Freude, zu sehen, wie die jungen Menschen diesen Ort mit Leben füllen.
Divine Bar
In der Divine Bar finden seit etwas über einem Jahr an jedem Samstag Dragshows statt. Das Team hinter der Bar schafft einen Raum für queere Menschen aller Geschlechter und Sexualitäten, und auch für unsere Allys. Ich weiß noch, wie ich mit ein paar Freunden das erste Mal zur großen Eröffnungsfeier vor der Bar in der Einlassschlange stand, die ein Stück
der Einkaufsstraße hoch ging, und ich froh war, dass der Laden damals schon mit so offenen Armen angenommen und seine Eröffnung sehnlichst erwartet wurde. Drinnen wie draußen im Biergarten ist eine tolle Atmosphäre, auf den Wänden und Säulen ist künstlerisch vom Illustrator Maurizio Onano die Transformation einer Drag Queen dargestellt, es gibt eine barrierearme Toilette, und alle anderen Toiletten sind für alle Geschlechter, die Getränkekarte und Snacks sind sehr lecker, und die Showangebote toll. Neben meiner eigenen Reihe hier, der Queer Poetry Gala Essen, mache ich mit einem Freund von mir als Glitter und Pailletten hier auch manchmal bunte Bingoabende und wir veranstelten queere Kneipenquizzes, aber ich bin auch gern zu Gast, wenn es heißt “Lip Sync For Your Shot”, das Showformat ist selbsterklärend und jedes Mal wieder ein absolutes Highlight meiner Woche. Ich jubel dort auf jeden Fall in der Crowd den Leuten auf der Bühne zu, wann immer ich Zeit habe.
GentleM Karaoke
Wenn man als queere Person im Ruhrgebiet Karaoke singen gehen möchte, dann ist das GentleM in Essen (oder in der Zweitfiliale in Dortmund!) immer ein guter Anlaufpunkt. Ich habe hier schon geknutscht, aus Versehen beim Mitsingen von Shallow ein Bild von der Wand gerissen (aber keine Sorge, ist nichts kaputt gegangen!), mit Junggesell*innenabschieden gequatscht, neue Leute kennen gelernt und mit Freund*innen tolle Abende verbracht. Ich war schon abseits vom Karaoke hier, aber meine liebsten Abende hier habe ich damit verbracht, selbst zu singen oder anderen beim Singen
zuzuhören. Wer es eng und schwitzig mag, wird es im GentleM gefallen!
Ich hoffe, dass hier in dieser Auswahl etwas für dich mit dabei ist, vielleicht sehen wir uns ja bald schon hier oder dort auf ein Getränk und stoßen einander stolz zu – Happy Pride!