Unserer*m Autor*in Sabylonica wurde im Kontext der Pride die Frage gestellt, warum er*sie Stolz auf etwas ist, für das sie*er nichts kann. Die Frage hat Sabylonica lange beschäftigt und seine*ihre Gedanken dazu könnt ihr hier lesen.
Stolz ist ein weit gefächerter Begriff und umfasst viele Felder. Mir wurde im Kontext des Pride Months die Frage gestellt, warum ich auf etwas stolz sei, wofür ich nichts leisten musste. Ich habe viel über die Frage nachgedacht und habe mich erwischt gefühlt, da ich für mich keine zufriedenstellende Antwort geben konnte. Nach reichlichen Überlegungen habe ich realisiert, dass ich oft eher das Gefühl hatte, mich schämen zu müssen, queer zu sein.
Durch Familie, Schule und Gesellschaft habe ich gelernt, queer sein heißt, sich dafür schämen zu müssen. Ich habe durch äußere Einflüsse gelernt, ich müsse mich schämen queer zu sein und habe dieses Verständnis lange mit mir getragen und unterbewusst umgesetzt. Ich habe angefangen alles in Frage zu stellen und mich unvollkommen zu betrachten. Scham wurde ein stiller Begleiter, der mir klarmachte, nicht liebenswert, nicht richtig, nicht genug zu sein. Auch wenn ich zu der Zeit den Pride Month, mehr im Geheimen, zelebrierte, war mir klar so viel Stolz habe ich nicht in mir.
Die Frage, warum ich stolz auf etwas wäre, wofür ich nichts geleistet habe, mag zwar in vielen Punkten verständlich sein, aber warum sollte ich mich schämen auf etwas haben, wofür ich keine Entscheidung getroffen habe. Ich habe mir nicht ausgesucht, queer zu sein. Dann fing ich an, weiter zu reflektieren und habe begriffen: Doch, ich bin stolz. Ich bin stolz, denn ich habe viel geleistet, um queer zu sein oder eher gesagt, um mich als queere Person überhaupt annehmen und leben zu können. Ich habe viel geleistet, Sichtbarkeiten zu schaffen, Aufklärung zu betreiben, mich selbst zu lieben, mich zu verstehen, mich zu hinterfragen und ja ich habe viel geleistet, um zu überleben. Ich musste aktiv und bewusst viel leisten, um mein Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein zu finden, zu stärken und zu bewahren. Das war und ist eine tägliche Entscheidung.
Ich bin stolz, weil ich mich immer wieder entschieden habe, weiterzumachen. Trotz Diskriminierung, Ausgrenzung, Angst, psychischer Belastung. Trotz Menschen, die mir vermittelt haben, ich sei „zu viel“, „zu laut“, „zu sensibel“ oder schlichtweg „falsch“. Ich bin stolz, weil ich immer wieder die Kraft finde, mich selbst zu sehen, in einer Welt, die mich oft unsichtbar macht.
Wenn eine Person hetero ist und in einer heteronormativen und binären Gesellschaft sozialisiert ist, hat die Person das Privileg sich nicht mit der eigenen Sexualität, dem Geschlecht und gesellschaftlichen Strukturen auseinandersetzen zu müssen. Die hetero Person mag andere Herausforderungen haben, klar, aber die Person muss nicht Angst vor Diskriminierung auf Grund der sexuellen oder geschlechtlichen Identität haben. Die Person muss sich nicht erklären, nicht rechtfertigen und nicht ständig aufklären. Die Person wird gesehen. Sie wird mitgedacht und ihre Existenz gilt als „normal“.
Und genau da liegt der Unterschied. So viel, was ich und andere aus der queeren Community leisten müssen. Nicht nur für uns selbst, auch für künftige Generationen kämpfen. Und wir leisten viel um Gerechtigkeit, Sichtbarkeit, Aufklärung und Akzeptanz zu bekommen.
Wir leisten uns den Kampf. Wir leisten Widerstand gegen Norman, die uns ausschließen, gegen Sprache, die uns verletzt, gegen Systeme, die uns marginalisieren. Unser Leben ist politisch und wir leisten viel dafür, zu überleben. Und für all das: Ja, ich bin stolz queer zu sein, stolz den Kampf mitzukämpfen. Stolz, überlebt zu haben. Ich habe für mich gekämpft, mich selbst zu lieben und als wertvoll zu sehen und darauf bin ich stolz.
Stolz bedeutet für mich in diesem Kontext nicht Arroganz oder Abgrenzung, sondern Würde. Die Würde, mich nicht länger zu verstecken. Die Würde, inmitten all der Unsichtbarmachung sichtbar zu bleiben. Die Würde, verletzlich zu sein und gleichzeitig kraftvoll. So ist der Pride Month für mich nicht nur eine Feier, sondern auch eine Erinnerung an Schmerz, an Stärke, an Gemeinschaft. Der Kampf und der Widerstand, der bisher geleistet wurde. Und daran, dass unsere Existenz zählt, jederzeit und jederorts.