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Sarp Öztürk via Unsplash

Texte / Sara / 22. Oktober 2024

Scham, Sexualität und Nachbarschaft 

Sara

Sara 4 Min. Lesezeit

#Aufklärung #Featured #S*explore #Sexualität

Wie kann Aufklärung funktionieren, wenn die Scham im Weg steht? Sara hätte sich eine bessere Aufklärung seitens ihres Vaters gewünscht. Warum die Überwindung der Scham so wichtig ist und sie ihrem Vater trotzdem keinen Vorwurf macht, erfährst du im Text.

Seitdem ich ein Kind war, kann ich mich daran erinnern, wie unbeholfen mein Vater mit dem Thema Sexualität umgegangen ist und er über diese Themen kein Wort verloren hat. Sein Wunsch war es, dass seine einzige Tochter damit keinen Kontakt hat, bis sie erwachsen ist und verheiratet. Als ich das erste Mal mit 13 menstruierte war ich vollkommen aufgeschmissen und wusste gar nicht, was da passiert. Mein Vater bekam es dennoch mit und erzählte mir nichts darüber, was mit meinem Körper geschah und was das für mich bedeutet.
Er schickte mich zu einer Nachbarin von uns, zu der wir beide eine gute Beziehung hatten, damit diese den Job des „Aufklärens“ übernahm.

Ich fand es damals unangenehm, dass mein Vater nicht natürlich mit dem Thema umgehen konnte, im Nachhinein verstehe ich, dass er auch nie einen offenen Umgang mit dem Thema im Iran bei seinen Eltern erlebt hatte.
Aber auch meine Nachbarin redete mit mir weder über Konsens, eigene Bedürfnisse, Grenzen oder wie man Wünsche beim Sex äußert. Sie gab mir eine Packung Binden und fragte mich, ob ich weiß wie Geschlechtsverkehr funktionierte. Das konnte ich nur bejahen, weil wir das Thema bereits in der 4. Klasse behandelt hatten. Somit war alles abgehakt und in meiner Vorstellung hatte Sex gar nichts mehr mit mir zu tun, es war irgendwas abstraktes, was ausschließlich als Erwachsene und verheiratete Frau stattfindet. 

Fast forward: Pubertät. Natürlich wird da alles verworfen, was ich als 13-Jährige gedacht habe. Und natürlich ist da nichts mehr mit „Ich warte bis zur Ehe“. Vor allem zwischen meinem 16. und 17. Lebensjahr zeigte sich deutlich, wie mangelnde Aufklärung über Konsens, eigene Bedürfnisse, Grenzen oder wie man Wünsche beim Sex äußert, mir alles schwer machte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, und tat dadurch immer das, was andere Leute von mir wollten. Ich brachte mich in prekäre Situationen, die mein Verhältnis zu Sexualität vollkommen zerstörten und in mir im Nachhinein ein Gefühl der Leere auslösten. Bis ich 20 war und meinen jetzigen Freund kennenlernte, dachte ich immer nur, dass Sex eine Performance ist, die ich abliefern musste und die hauptsächlich bei meinem Gegenüber gut ankommen muss. Was ich fühle oder was ich will, dazu hatte ich schon lange keinen Zugang mehr. 

Wenn ich auf meine Teenagerjahre und meinen Umgang mit Sex zurückblicke, kann ich nur daran appellieren, wie wichtig es ist enttabuisiert über Sexualität zu sprechen. Tabuisierung führt nicht dazu, dass Teenager Dinge nicht ausprobieren und warten, bis Erwachsene denken, dass sie „reif“ genug sind, sondern dass man Dinge ausprobiert und keinen Fahrschein dafür in der Hand hat. Keinen Fahrschein, der dafür sorgt, dass man erstmal schaut, ob man sich bei dem Menschen, mit dem man Sex haben möchte, überhaupt wohlfühlt. Ob man die Person mag. Was man gerne machen möchte und was man nicht möchte. Zu wissen, dass ein Nein immer ein Nein bedeutet.
Als Pädagogin habe ich selbst schon mit Anlaufstellen wie Pro Familia zu tun gehabt und auch die Auswirkungen gesehen, die durch genau diese Aufklärung bei jungen Menschen stattfindet. In den 2000ern gab es solche Veranstaltungen nicht in diesem Maße und schon gar nicht in den Jahrzehnten davor, worüber ich wirklich sehr glücklich bin.
Meiner Nachbarin und meinem Vater kann ich trotzdem keinen Vorwurf machen, sie sind in Zeiten aufgewachsen, wo ihnen auch nicht gesagt wurde, wie wichtig körperliche Grenzen sind und dies auch ganz klar kein Thema in konservativen Haushalten war. Wenn ich allerdings heutzutage konservative und rechte Strömungen sehe, die sogar noch mehr Schritte gehen und Abtreibung als Recht auf Selbstbestimmung verbieten möchten, wird mir mulmig. Als hätte sich doch nicht besonders viel gesellschaftlich verändert, obwohl wir im 21. Jahrhundert leben. 

Meine Hoffnung ist dennoch, dass es irgendwann aufhört, dass Sex vor allem in heteronormativen Kontexten eine Ware ist, um den Male Gaze zu füttern und der Fokus nicht nur auf dem Cis Mann liegt. Bis dahin ist meine Empfehlung: Feministisch weiterkämpfen, Freund*innen vor übergriffigen Männern warnen und einen Satisfiyer zulegen! 

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