Home / Meine Welten / Schlechtes Gewissen

Meine Welten / Phuong / 6. Februar 2025

Schlechtes Gewissen

Phuong

Phuong 4 Min. Lesezeit

#Aktivistisch ins neue Jahr #Diaspora #Featured #Migration

Ob im Kino, zu Hause oder im politischen Aktivismus: Phuong ist im Dazwischen und das schlechte Gewissen ein treuer Begleiter. Die Eltern haben noch nicht den Zugang zu Queerness gefunden und die queeren Freund*innen haben keinen Zugang zu Phuongs Diaspora Erfahrungen. Ein Text über Phuongs Kino-Alleingänge und Hoffnungen für die Zukunft.

Liebes Tagebuch,
heute bin ich etwas down. Gestern Abend war ich alleine im Kino. Das letzte Mal, dass ich im Kino war, war mit einer meiner engsten Freund*innen. Es war ein Film, der während der queeren Filmreihe hier in meiner Stadt lief – um genauer zu sein: ein vietnamesischer Film. Der Film war schwer, langsam und still. Ich wollte meinen Eltern danach davon erzählen, aber ich wusste nicht wie. Ich wusste nicht, wie ich
den Part, dass es sich um ein schwules Pärchen handelte, einbringen oder rauslassen soll. Es war kein typischer liberaler westlicher queerer Film, deswegen mochte ich ihn so sehr. Wäre ich doch nur mit Mama und Papa gegangen. Sie hätten aber bestimmt eh Nein gesagt, und zu Hause Netflix oder YouTube geschaut und wären früh schlafen gegangen um am nächsten Tag wieder zu arbeiten. Ich fühle mich ziemlich schlecht. Als ich das letzte Mal ins Kino ging, habe ich einen Film geschaut, den mein Vater bestimmt mögen würde. Er meinte, dass er und Mama lange nicht mehr im Kino waren und gerne mal wieder gehen würden… Ich wünschte es würde mehr Filme auf vietnamesisch oder zumindest mit vietnamesischen Untertiteln geben. Ich erinnere mich daran, wie ich vor ein paar Jahren sehr aktivistisch war: von Klimabewegungen zu Antirassismus. Dann habe ich Workshops gegeben. Und irgendwann habe ich aufgehört.

Ich war in diesen ganzen weißen linken aktivistische Kreisen und hatte nie das Gefühl wirklich dazu zu gehören. Oft war ich nur eingeschüchtert. Heute weiß ich noch immer nicht was ich machen kann. All das was ich getan habe, hätte nie irgendetwas daran geändert, dass meine Eltern oder viele andere Migrant*innen in Deutschland ein besseres Leben hätten. In meiner eigenen Bubble, in der alle eigentlich nur zu viel lesen, gemütlich sind und auf Soli Parties gehen, weil sie Geld sparen wollen. Gleiche Floskeln, gleiche Narrative, gleiche Diskurse, gleiche Diskussionen. Besonders anstrengend wird es dann, wenn diese Diskurse als universal gesehen werden, dabei können wir viel von Kämpfen und Bewegungen aus dem globalen Süden lernen. Während ich mehr über Vietnam Krieg lernen möchte, die Rolle globaler Mächte und die Spuren, die er im Land hinter lassen hat; haben meine Eltern ihr Land verlassen, damit sie ein besseres Leben haben können.

Noch immer weiß ich aber nicht, ob ein Post auf Instagram zu reposten irgendetwas ändert. Gleichzeitig ist das Internet ein sehr machtvolles Medium geworden, was Genozide live filmt, sodass die Propaganda westlicher Medien entlarvt und entschärft wird. Oft fühle ich mich auch schlecht, wenn ich mir nicht jeden Post durchlese. Es passiert so viel jeden Tag, so viel Leid. Ich gucke oft weg,
wenn ich ehrlich bin. Ist aktivistisch sein und menschlich sein zwei verschiedene Dinge? Wenn ich auf eine Demo gehe, ändert es nichts daran, dass viele Migrant*innen tägliche Barrieren durchbrechen müssen und mit ihnen, durch sie, wegen ihnen, überleben müssen. Eigentlich möchte Mama ja nur mehr Zeit mit mir verbringen. Ich möchte auch mehr Zeit mit Mama verbringen, weil das viel wertvoller ist, als
wenn ich auf eine Migrantifa Demo gehe oder einen Artikel für’s AK schreibe. Ich hab zu viel Zeit damit verbracht wütend auf weiße zu sein, auf weiße Queers, meine Enttäuschung und mein Schmerz war so groß, ist er immer noch, aber es gibt wichtigeres. Das weiß ich jetzt. Denn ich wollte eigentlich besser in Vietnamesisch werden, damit ich Vietnames*innen bei Behördengängen oder Arztterminen begleiten kann. Und dann wollte ich eigentlich nach einem KüFa-Kollektiv schauen, weil ich gerne für andere und viele Menschen koche. Eigentlich
möchte ich mich nur um Menschen sorgen. Dabei habe ich noch immer nicht meinen Bachelor-Abschluss. Die Zeit rennt und ich weiß nicht, wie ich meinen Eltern alles zurück geben kann…täglich sterben Menschen auf unseren Handys…

Ich möchte viel Geld sparen, damit ich meinem Papa ein neues Auto kaufen kann, weil seine Beine weh tun.. aber solche Sorgen haben im deutschen Aktivismus auch keinen Platz wirklich. Er ist oft performativ, exorzisierend und auf irgendeine Art und Weise müssen wir uns gegenseitig beweisen, wie woke und antikapitalistisch wir sind – dabei geht es immer um Kontext. Dieser diasporische Kontext hat auch oft wenig Gewicht, selbst in BiPoC Kreisen, während es nur um Identitäten statt um Geschichten und globale Verhältnisse geht. Ach, ich weiß nicht… ich bin eher überfordert. Mit meiner Kunst verändere ich auch nichts und teilen kann ich sie mit Mama und Papa auch nicht. Sie ist zu explizit. Aber ich wünsche mir, ich kann sie mit ihnen eines Tages teilen und vielleicht wenn wir mal wieder in Vietnam sind, können wir mal zusammen ins Kino gehen…

Dies könnte euch auch gefallen