Meine Stimme / Lina / 13. Februar 2025
Dreimal ein Wort
Lina — 6 Min. Lesezeit
#Aktivismus #Aktivistisch ins neue Jahr #Engagement #Featured
Unsere Autorin Lina kam zum ersten Mal am elterlichen Esstisch mit dem Wort „Aktivismus“ in Berührung. Damals wurde der Begriff nicht unbedingt positiv verwendet: Aktivisten waren Menschen, die den Ablauf des bürgerlichen Lebens störten. Doch mit Linas eigener Politisierung veränderte sich auch ihr Gefühl zu Aktivist*innen und ohne, dass sie es bemerkt hatte, war sie selbst eine geworden. Ein Text über das Lernen von Worten.
Das erste Mal, dass ich von dem Begriff Aktivismus gehört habe, habe ich einfach Wörter gelernt, wie andere Kinder Wörter lernen. Das Wort reihte sich in eine Reihe von Begriffen ein, die mir als Kind ungreifbar und weit weg vorkamen. Das erste Mal allerdings, dass ich mich erinnere, dass jemand konkret über Aktivismus gesprochen hat – verknüpft mit Meinungen, Aussagen und ganz viel Luft – war in meiner Jugend am Küchentisch. Eltern, die sich über „die Jugend“ aufregen, die nicht arbeitet und lieber demonstriert. Menschen, die keine Arbeit haben oder wollen und sich an Bäume ketten oder – damals noch undenkbarer – etwas an ihrem eigenen Leben, wie ihrer Ernährung, ändern, zum Wohle der Gemeinschaft, ja sogar des ganzen Planeten. Am Esstisch war alles, was da draußen, so weit weg von der eigenen Realität passierte, ein Akt der Rebellion, eine Störung des Ablaufes, man könnte fast sagen, ein Affront gegen das „normale“ Leben. Es waren „die da“ auf der Straße, „die da“ auf der Uni, „die da“ an Orten, an denen es einem unangenehm war. Wenn sie nicht belächelt wurden, dann kritisierte man sie – und tut es noch heute. Ich weiß nicht, was ich damals über Aktivist:innen gedacht habe. Ich weiß nicht, ob ich damals schon realisiert habe, dass es Menschen gibt, die mich akzeptieren würden, wie ich bin, und für mich einstehen. Mein Kopf hat nur gedacht, dass ich alles wiederholen sollte, was an diesem Tisch gesagt wurde, und mein Mund hat dem Folge geleistet, da ich nicht auffallen wollte und mich anzupassen schon fast früher gelernt hatte als bloße Worte.
Das zweite Mal, dass jemand aktiv über Aktivist:innen geredet hat, war viele Jahre später. Ich war gewachsen an Wortschatz und Meinung. War auf Demos, in Jugendgruppen gewesen, hatte einen eigenen Esstisch – klapprig und mit tiefen Kratzern, aber nur für mich – und bildete eigene Meinungen. Über die Jahre wurde aus jedem von jugendlichem Leichtsinn geprägten „Da musst du dabei sein“ ein „Heute geht es mir nicht so gut“ und ein eingeschlafener Aktionismus. Der Kreislauf aus Tatendrang über Resignation und Machtlosigkeit war vollendet, und zurück blieb ich mit einer linken Grundeinstellung und kaum Engagement. Erst als meine Beziehungsperson mir erzählte, dass die beste Freundin dieser Person Vollzeitaktivist:in ist, wurde ich hellhörig. Es gab sie also, die Menschen, die es sich zum Beruf gemacht hatten, zu kämpfen und für andere da zu sein. Es gab sie, die Menschen, die aus dem System ausbrachen, sich der Lohnarbeit entzogen, um für ihre Ziele und Träume einzustehen. Rational war mir dies natürlich irgendwo immer bewusst gewesen, dennoch erfüllte es mich mit einer Art Stolz und viel Interesse. Gerade als Person mit einer ADHS-Diagnose komme ich regelmäßig an die Grenzen meines Kopfes. An die Grenzen meiner Leistung und Unregelmäßigkeiten in meinen Handlungen. Gerade für die Personen, die eine Stimme haben, sie aber nicht nutzen können oder nicht so nutzen können, wie sie wollen, empfand ich vor allem Dank für die Arbeit, die in großen Teilen auch für mich – für uns – gemacht wird.
Das letzte Mal, dass dieses Wort in mein Leben trat, kam es unverhofft, weinend und empowernd. Ich stehe seit sechs Jahren überregional mit Texten auf Bühnen – ein Privileg, das ich schwer greifen kann. Natürlich – nein, das ist eigentlich falsch – gerade weil ich es oft nicht auf diese eine Demo schaffe oder dann doch diesen Termin habe und da und dort nicht dabei sein kann, ist es mir besonders wichtig, gesellschaftlich relevante Themen in meinen Texten anzusprechen. Von außen werde ich vielleicht als „die lustige Frau“ gelesen, doch freue ich mich immer mehr, als „kritischer Mensch“ wahrgenommen zu werden. Alles, was Sexismus, Lookismus, Rassismus beinhaltet, wird in Texte gepackt und vor allem für mich verarbeitet. Dass man andere Menschen damit erreicht, sie in einer Art politisch erzieht und beeinflusst oder einfach nur zu Gedanken anregt, ist ein schöner Nebeneffekt. Gerade mit angeblich so „höchstpolitischen“ Themen wie Abtreibungen habe ich mich in jüngster Zeit auseinandergesetzt. Nicht selten passierte es nach Auftritten – jetzt vermehrt mehr als damals –, dass es daraufhin schlechte Wertungen oder Kommentare hagelt. Das ist okay, damit rechne ich, und das ist einer der Gründe, warum ich die Texte dennoch mache (eigentlich traurig). Der Grund, dass, wenn man auch nur eine Person erreicht, sich ein Mensch gesehen und verstanden fühlt, es alles wieder wettmacht.
So kam in einer bayrischen Kleinstadt völlig unverhofft eine weiblich gelesene Person zu mir und weinte. Sie sagte mir, wie sehr sie der Text berührt hat, wie sehr sie sich entdeckt hat, wie glücklich sie ist, dass es jemand mal anspricht auf einer Bühne, und ob es für mich schwer ist, so eine Art von Aktivismus auf einer Bühne zu präsentieren. Ich bin ehrlich – damit habe ich nicht gerechnet. Ich sehe mich weder als Aktivist:in noch als aktivistisch tätig. Das, was ich gemacht habe, war immer zu wenig, nicht gut genug und generell viel zu klein für diese Worte.
Ihr, liebe Lesende, erwartet natürlich jetzt den Pathos am Ende des Textes. Dass ich mich gesehen gefühlt habe, genug gefühlt habe und jede Form von Systemrebellion als den Aktivismus anerkenne, der es auch ist. Dass jede:r seinen Beitrag leisten kann, egal wie klein und unscheinbar dieser wirken mag, denn wenn wir auch nur einer Person helfen … blah blah blah. Ja, all das will ich natürlich auch ausdrücken. Aber am meisten möchte ich dem Beispiel der Frau folgen und euch aufrufen, anderen zu sagen, was ihr denkt. Wenn ihr etwas gut findet, dann sagt es der Person. Wenn ihr etwas schlecht findet, dann seid ihr die unangenehme Person am Esstisch. Wenn ihr eine Stimme habt, dann sprecht die kleinen Gedanken aus. Ihr wisst nicht, was sie der anderen Person bedeuten können und welche Energie sie entfalten können. Gerade in diesen Zeiten, die mir verdammt viel Angst machen, möchte ich nicht nur, dass wir als Kinder Worte gelernt haben, sondern dass wir unsere Stimmen nutzen, sie zu sagen.