Meine Welten / Johanna Pudel / 27. März 2025
Beleidigung auf niedlich
Johanna Pudel — 1 Min. Lesezeit
Wir begrüßen heute unsere neue Autorin Johanna Pudel. Johanna wurde kürzlich auf der Straße beleidigt. Eigentlich eine unschöne Erfahrung aber so richtig ernstnehmen, konnte sie die Person, die sie beleidigt hat, nicht. Ein Text über die Niedlichkeit des Wortes „Schwuli“.
Letztens hat mir jemand auf der Straße was zugerufen. Er nannte mich „Schwuli“.
Bestimmt meinte er das beleidigend. Doch ich find die Wortwahl spannend, fast lustig. Ich komm nicht drum rum die ungewollte Herzlichkeit darin zu erkennen. “Schwuli”. Das hat nichts Beleidigendes. In einer anderen Tonlage hätte das so geklungen, als wären wir Freund:innen.
Mein erster Gedanke war zu rufen „Nein, ich bin nicht schwul, ich bin nämlich eine Frau!“, doch das passt nicht. Er hat ja Schwuli gesagt. Suffix “i“. Das ist ja quasi geschlechtsneutral. Ich habe ja auch schon mal Mitbewohni gesagt, wenn ich nicht das Geschlecht der Person kannte. Oder vielleicht war es eine Verniedlichung? Hase wird zu Hasi und Schwuchtel zu Schwuli. Vielleicht fand er mich also niedlich.
Da hätte ich mich aber eher über „Schwulette“ gefreut. Das hat was französisches. Baguette, Camembert, komplizierte Kunstfilme und Schwulette. Alles aus Frankreich hat einfach Klasse. Der Mann auf der Straße hatte keine Klasse, also sagte er Schwuli. Ich wurde also schwul (geschlechtsneutral) oder schwul (niedlich) genannt. Was kann daran falsch sein? Durch das achtsame Gendern wurde meine Geschlechtsidentität respektiert und, nun ja, ich war an dem Abend sehr niedlich unterwegs. Ich schau mich also in den Schaufenstern nochmal genau an. Schuldig der Anklage.