Meine Stimme / Romy / 27. Juni 2025
„Until you all have your rights“ – Die vergessene Geschichte eines Aufstands
Romy — 3 Min. Lesezeit
Der Christopher-Street-Day wird oft als fröhliches Fest, welches bunt und laut queeres Leben zelebriert, wahrgenommen. Doch im Kontext von zunehmender Repression und Gewalt gegen queere Menschen, erinnert Romy an die Geschichte des CSD. Wilde Musik, bunte Kleidung und eine ausgelassene Stimmung, die sich den ganzen Tag lang durch die gesamte Stadt zieht – die meisten haben solche beschwingten Bilder im Kopf, wenn sie an den Christopher-Street-Day denken. Ein Tag, an dem das queere Leben gefeiert wird. Ein Tag, an dem man frei sein kann.
Vor 56 Jahren sah das ganze noch ganz anders aus. Dort nahm der Christopher-Street-Day am 28.06.1969 seinen Ursprung – ausgehend von untragbarer Polizeigewalt.
In den 70er Jahren in New York gab es für queere Personen alles andere als viele Möglichkeiten, sich frei in ihrer Identität und in ihrer Sexualität auszuleben. Ganz im Gegenteil – in den meisten Staaten der USA war Homosexualität noch illegal und alle anderen Sexualitäten, Identitäten und Identifizierungen abseits des binären, heterosexuellen Geschlechtersystems standen unter starker Repression. Orte, an denen sich queere Menschen nicht verstecken mussten, gab es wenige. Doch einen Ort gab es, mitten im New Yorker Stadtteil Greenwich Village: Die Bar „Stonewall Inn“ in der Christopher Street.
Am Morgen des 28. Junis stürmten einige Polizeikräfte die Bar. Das war nicht das erste Mal. Normalerweise verschwanden sie nach einer geraumen Zeit wieder – doch nicht an diesem Tag. Mit einer enormen Brutalität durchsuchten sie BesucherInnen und verlangten nach Ausweisen, was für einige queere Personen, die sich aufgrund von Diskriminierung und Repression im Hintergrund halten mussten, verheerend sein könnte: wenn ihre Namen beispielweise von der Zeitung veröffentlich würden, könnte das für sie gefährlich werden. Viele PolizistInnen verhafteten wahllos Personen, die nicht in ihr heteronormatives Bild passten – es war eine Razzia, angetrieben von Hass.
Die Bar was das Zuhause von vielen mehrfachdiskriminierten Personen: Schwarze Dragqueens, lesbische Frauen, BIPoC-Transpersonen, männliche Prostituierte und auch obdachlose Jugendliche konnten dort Schutz und ein Stück Freiheit finden. Und das wollten sie beschützen.
„We shall overcome“ und „Gay Power“ waren Rufe und Gesänge, die kurze Zeit später durch die Straßen hallten. Immer mehr Protestierende kamen vor das Lokal, um sich gegen die Gewalt und Diskriminierung durch die PolizistInnen zu wehren. Der Aufstand dauerte ganze vier Tage.
Drei Personen, die einen besonders großen Anteil an dem Auf- und Widerstand hatten, waren die drei queeren Aktivistinnen: Die schwarze Transfrau Marsha P. Johnson, die Homosexuellen- und Transrechte-Aktivistin Sylvia Rivera und Stormé Delarvarie, LGBTQIA+ Aktivistin und aktiv in der Dragszene. Sie mobilisierten und ermutigten umstehende Personen, sich gegen die Brutalität zu wehren.
Der Widerstand war nicht umsonst: Der Stonewall-Aufstand löste eine riesige Welle von politischem Aktivismus und einer Bewegung für die Rechte von Homosexuellen und Transpersonen aus. Ein Jahr nach dem Widerstand gründeten Marsha und Sylvia die Organisation „Street Transvestite Action Revolutionaries“, kurz „STAR“. Die Organisation setzte sich vor allem für queere Jugendliche und auf der Straße lebende SexarbeiterInnen ein, die im „Star House“ eine Unterkunft und Schutz finden konnten.
Bis zu ihrem Tod hat Marsha für marginalisierte Gruppen gekämpft und war eine der Leitfiguren des Stonewall-Aufstandes, der so viel Leid verursacht, und gleichzeitig zu so viel Veränderung geführt hat. Und Veränderung ist weiterhin nötig, bis ausnahmslos alle die gleichen Rechte haben. Wie Marsha gesagt hat: „You never completely have your rights, one person, until you all have your rights“.