Wir wachsen mit Erwartungen auf, die bestimmen sollen, wie wir auszusehen und zu sein haben. Diese Bilder formen unser Denken so früh, dass wir sie oft für unsere eigenen halten. Sophia beschreibt, wie internalisierte Misogynie wirkt, warum sie so schwer zu durchbrechen ist und wie wir lernen können, zwischen auferlegten Rollen und unserem wirklichen Selbst zu unterscheiden.
Sich selbst so zu akzeptieren, wie man ist, ist für die meisten schwierig. Man wird zwar nicht
mit einer Abneigung gegen sich selbst geboren, doch die Welt trimmt einen relativ schnell
darauf, vermeintliche Fehler zu entdecken. Hier zu viel, da zu wenig. Mehr Haare hier, bitte
gar keine da.
Viele von uns haben wahrscheinlich einen harten Weg hinter uns, um unseren Körper
zumindest als neutrales Instrument, das uns durchs Leben bringt, anzusehen.
Wer sich selbst sogar als ganz gut befindet – wow.
Ich dachte diesen langen Weg endlich hinter mich gebracht zu haben und am grandiosen
Finale angekommen zu sein: Ich finde mich selbst nicht mehr scheiße.
Was ein epischer Win. Es hat zwar keiner geklatscht, aber es wäre passend gewesen.
Ich habe mich sicherlich nie für die Krone der Schöpfung gehalten, aber bin ungeschminkt
vor die Tür, habe gewagte Outfits getragen und mich nicht dafür gejuckt, was andere über
mich denken.
Doch nur kurze Zeit nach meinem Trumpf passierte das, womit ich nicht gerechnet hatte.
Obwohl es jeden Tag zu jeder Zeit passiert, hatte ich die Möglichkeit nicht mal in Erwägung
gezogen. Der Körper, den ich nach langer Zeit endlich mögen konnte – verändert sich
plötzlich.
Das Gesicht, mit dem ich endlich kein Problem mehr hatte entwickelt die ersten bleibenden
Falten. Die Make-Up Skills, mit denen ich zufrieden bin, funktionieren nicht mehr mit meinen
Features. Meinen Augenlidern werden langsam schlaff, die jahrelang antrainierte EyelinerTechnik ist plötzlich nutzlos.
Meine Beine bekommen Dellen, das erste Haar wird grau und ich stehe gefühlt wieder ganz
am Anfang. Plötzlich bin ich wieder 15 und frage mich, wann ich endlich meinen ersten BH
ohne Extra-Füllung kaufen kann (ich werde nie über ein A-Körbchen hinweg wachsen), wann
meine Pickel endlich weggehen (das frage ich mich mit 27 noch immer), und ob ich mit
meinen Fettarmen überhaupt was Ärmelloses anziehen darf.
Das ist nicht mehr der Körper, den ich mit Samthandschuhen angefasst und gutgeheißen
habe. Dieser Körper wirkt mir auf einmal irgendwie fremd.
Dabei ist diese Self-Love-Devise so viel einfacher für mich zu umzusetzen als für andere.
Ich bin überwiegend normschön, weiß und relativ dünn. Ich habe keinerlei Behinderungen
und trage weder Zahnspange noch Brille. Am Ende des Tages spüre ich von den absurden
Beauty-Standards weniger als viele andere Frauen. Ich bin mega privilegiert und das ist mir
bewusst. Doch hilft es nichts, denn wenn man zu einem Teil dem entspricht, was man
gefälligst sein soll, dann macht der fehlende Teil trotzdem Druck. Und der tut weh.
Genau dieser Druck gefällt der Industrie supergut – nicht nur der Schönheitsindustrie. Denn
wenn man Hyaluron Fillern und formender Unterwäsche den Kampf ansagt, freuen sich
Verkäufer von Online-Coachings, Badebomben und der gefürchteten finanziellen Abgründe
des täglichen „treats“.
Self care ist käuflich.
Alles ist so kommerzialisiert, es gibt kaum ein Entrinnen, gerade durch die allgegenwärtige
Instanz der sozialen Medien.
Der Bossfight den ich momentan kämpfe ist gegen das Problem mit dem Alterungsprozess.
An sich gibt es ja gar keins, man hat eben nur zwei Optionen: Älter werden oder jung
sterben.
Doch gerade als Frau wird einem sehr früh klargemacht: Du hast so maximal bis 30 und ab
dann bist du abgelaufen. Wie eine vergessene Packung Milch ganz hinten im
Kühlschrank.Männer reifen, Frauen welken. Dieses bla bla was man seit man klein ist
eingetrichtert bekommt. Als ich das virale Tiktok Video einer 14-jährigen gesehen habe, die
ihre Routine „zum Stoppen des Alterungsprozess“ präsentiert, habe ich für einen Moment
den Glauben an die Menschheit verloren. Die Angst vorm natürlichen Alterungsprozess
beginnt immer früher, Produkte zum “reparieren” der Fehler werden immer normaler auch
im Badschrank einer Minderjährigen.
Doch was macht man dagegen? Brutale Selbstakzeptanz und Entfolgen von allen SocialMedia- Mäusen, die sich Botox spritzen lassen? Ich weiß es selbst nicht so genau.
Die frustrierende Wahrheit ist:
Selbstakzeptanz ist kein Endziel was man jemals zu 100% erreichen, kein To-Do was man
irgendwann abhaken kann. Sicherlich gehört eine Anpassung von dem, was man online
konsumiert dazu, aber überwiegend kommt Akzeptanz ja von innen.
Es ist eine Entscheidung, die man sein Leben lang immer wieder aufs Neue treffen muss. Wie
verdammt lame ist denn das