In seinem*ihrem neuen Text reflektiert sabylonica über die Herausforderungen und Ungleichheiten in zwischenmenschlichen Beziehungen, besonders in Bezug auf Männer und FLINTA*-Freund*innen. Eröffnet wird ein Raum, in dem emotionale Arbeit, Verletzlichkeit und das Bedürfnis nach gegenseitigem Zuhören thematisiert werden. Ein Aufruf, die Dynamik des Gebens und Nehmens neu zu denken und emotionale Verantwortung zu teilen.
Ich habe das Gefühl, ich bin für viele Menschen weniger eine Person als ein Raum. Ein Raum, in dem Dinge gesagt werden dürfen, die sonst keinen Platz finden. Ein Raum, in dem Tränen kommen, Geständnisse, Selbstzweifel und Lebenskrisen Platz finden. Besonders oft bin ich dieser Raum für Männer. Für cis*-hetero Männer, die gelernt haben, dass sie stark sein müssen, funktional und kontrolliert. Und dann plötzlich bei mir sitzen und erzählen, dass sie seit Jahren nicht mehr geweint haben. Dass sie sich noch nie jemandem so geöffnet haben. Dass sie sich durch unsere Gespräche „selbst besser verstehen“. Und ich sitze da und denke mir, okay krass, ich bin gerade dein emotionaler Durchbruch.
Ich höre zu, ich halte aus, ich frage nach und ich bin präsent. Ich versuche, nicht zu werten, nicht zu überfordern, nicht zu unterfordern. Ich mache genau das, was man von einer guten Therapeut*in erwarten würde, nur ohne Ausbildung, ohne Bezahlung, ohne Rahmen und ohne Wahl. Und vor allem, ohne dass ich je gefragt werde, ob ich das gerade leisten kann oder will. Diese Gespräche passieren einfach. Sie nehmen sich Raum. Sie nehmen sich Zeit. Sie nehmen sich meine Aufmerksamkeit, meine Empathie und meine Energie. Und oft merke ich danach erst, wie leer ich eigentlich bin. Wie viel ich gegeben habe, ohne es selbst so zu benennen. Weil Care-Arbeit sich selten wie „Arbeit“ anfühlt, während man sie tut. Sie fühlt sich an wie Beziehung, wie Nähe, Vertrauen, aber sie ist trotzdem Arbeit. Emotionale Arbeit, die unsichtbar ist.
Was mich besonders trifft sind die Ungleichheiten. Dass ich für viele Männer der Raum bin, in dem sie zum ersten Mal verletzlich sein dürfen, aber ich selbst diesen Raum bei ihnen nicht habe. Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich versucht habe über meine eigenen Probleme zu sprechen. Über meine Überforderung, meine inneren Konflikte, über das Gefühl, zu viel und gleichzeitig zu wenig zu sein. Und die einzige Antwort, die ich bekommen habe, war: „Wird schon“. Zwei Worte. Kein Nachfragen. Keine Neugier. Und kein Raum. Da ist mir schlagartig klar geworden, wie ungleich diese Beziehungen oft sind. Wie selbstverständlich erwartet wird, dass ich zuhöre, aber wie ungewohnt es ist, wenn ich selbst gehört werden will. Als wäre meine Rolle klar. Die verständnisvolle, reflektierte und emotionale Person. Aber nicht die, die selbst Unterstützung brauchen könnte.
Unter FLINTA*-Freund*innen erlebe ich etwas komplett anderes. Da ist so viel Bewusstsein dafür, Raum zu teilen. So viel vorsichtiges Nachfragen, wie „Ist es okay, wenn ich das gerade erzähle?“, „Gib Bescheid, wenn es dir zu viel wird.“ oder „Ich will nicht alles auf dich abladen.“. Wir sind ständig am Achten, Regulieren, Reflektieren und Spiegeln. Fast schon übertrieben. Und gleichzeitig zeigt genau das, wie selten wir echte Aufmerksamkeit gewohnt sind. Wie ungewöhnlich es für uns ist, einfach reden zu dürfen, ohne sofort wieder in die Rolle der Zuhörenden zu rutschen. Manchmal sitzen wir zusammen und lachen darüber, wie wir uns gegenseitig immer wieder entschuldigen, obwohl niemand etwas falsch gemacht hat. Aber eigentlich ist das traurig, weil es zeigt, wie tief diese Strukturen sitzen, bloß nicht zu viel Raum einzunehmen, bloß nicht egoistisch wirken und bloß nicht zur Last fallen. Während andere sich diesen Raum einfach nehmen, ohne jegliches schlechte Gewissen, ohne Reflexion oder Rücksicht.
Ich glaube viele Männer merken gar nicht, was sie da tun. Für sie fühlt es sich an wie ein ehrliches Gespräch, wie Nähe und wie persönliches Wachstum. Für mich fühlt es sich oft an wie Arbeit, wie eine Dienstleistung, die ich erbringe. Ohne Vertrag, ohne Grenzen und ohne Schutz. Zwar mach ich das gerne, vor allem für meine Engsten, aber je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass es strukturell ist. Das ist kein individuelles Problem, sondern ein erlerntes Muster. Männer lernen ihre Emotionen zu verdrängen und suchen sich dann einzelne Personen, meistens FLINTA*, um all das nachzuholen. Nicht in professionellen Räumen, nicht untereinander, sondern bei denen, die sowieso schon emotional verfügbar sind. Die gelernt haben, sich zu kümmern, zuzuhören und Verantwortung für Stimmungen zu übernehmen.
Und wir tragen das. Wir tragen ihre Geschichten, ihre Tränen und ihre Durchbrüche. Aber niemand fragt, wer unsere Geschichten trägt. Wer unsere Tränen hält. Wer unsere Durchbrüche begleitet. Care-Arbeit ist hier nicht klassisch Pflege, Haushalt oder Organisation, sondern emotionale Struktur. Ich bin die Brücke zu sich selbst. Der sichere Raum. Der Spiegel. Und das ist etwas unglaublich Intimes, etwas Wertvolles, aber auch etwas Erschöpfendes. Vor allem dann, wenn es einseitig bleibt.
Ich will nicht aufhören empathisch zu sein. Auch will ich nicht aufhören zuzuhören. Aber ich will, dass diese Arbeit sichtbarer wird. Dass sie benannt wird. Dass sie nicht mehr als selbstverständlich gilt. Dass Menschen lernen nicht nur zu nehmen, sondern auch zu geben. Nicht nur zu reden, sondern auch zu fragen. Und nicht nur sich zu öffnen, sondern auch da zu sein. Vielleicht geht es am Ende darum, emotionale Verantwortung nicht zu externalisieren, nicht einzelne Personen zu Therapieräumen zu machen, sondern Beziehungen so zu gestalten, dass Care-Arbeit gerecht und gleich ist. Dass sie nicht auf bestimmten Körpern, Geschlechtern und Identitäten lastet, sondern geteilt wird.
Denn Zuhören ist keine natürliche Ressource. Empathie ist keine endlose Quelle. Und niemand sollte zur emotionalen Tankstelle für andere werden, nur weil sie gelernt haben, sich selbst zurückzunehmen.