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Me Myself & I / Laura / 8. Juli 2025

Wenn Dysthymie sprachloses Ertrinken ist, dann ist Therapie Worte finden und schwimmen lernen

Laura

Laura 7 Min. Lesezeit

#Depressionen #Dysthymie #Featured #Mental Health

Wenn du ’funktionieren’ kannst, heißt das nicht, dass es dir gut geht. In ihrem ersten Text auf meinTestgelände schreibt Laura über die Diagnose Dysthymie.

„Gib mir nur ´nen Tag, den ich spüren kann/war letztens mal draußen, weißt du wann?“, singt Kayla Shyx aus ihrem Song „wieder“ auf ihrem Releasekonzert in Berlin. Eigentlich ist es Mai 2025, aber plötzlich ist es wieder Winter 2020 und ich spüre mich selbst seit Wochen nicht mehr. Bildschirmzeit 10 Stunden, ich wechsele zwischen Instagram, TikTok und einem Text für die Uni. Ich schwitze meinen Pyjama durch, zittere gleichzeitig und fühle mich, als wär ich einen Marathon gelaufen – dabei war ich heute nicht mal draußen. Irgendetwas in mir ist so unruhig, dass ich nicht stillhalten kann – und trotzdem bin ich so müde, so erschöpft. Als ich um drei Uhr nachts an einem Dienstag endlich Zähne putzen gehe, mischt sich der aschfahle Geschmack meiner Tränen mit dem Zahnpastaschaum. In mir diese kleine fiese Stimme, die mir und meinem Spiegelbild zuflüstert: „Das hat doch alles keinen Sinn. Du bist sinnlos.“   

Am nächsten Tag lache ich mit meiner Schwester und tanze ausgelassen in der Küche zu Taylor Swift mit ihr, aber mein Strahlen erreicht meine Augen nicht. Ein paar Wochen klicke ich auf die Ergebnisse meiner Online-Klausuren, sehe die Einsen, schließe den Laptop, wandere die zwei Schritte von meinem Schreibtisch zu meinem Bett und… weine. Eine Stunde später schmecke ich das Salz meiner Tränen noch auf meinen verkrusteten Lippen und lächle in die Kamera: „Na, was hast du heute in Mathe aufbekommen? Dann lass uns mal beginnen!“  

Zwischen 2020 und 2021 werde ich neunzehn Jahre alt und wie der Rest meiner Generation im Lockdown langsam erwachsen. Ich mache Online-Workouts mit Maddy Morrison, werde vegetarisch und dann vegan, backe Bananenbrot und finde neue Freund:innen im Zoom-Chatfenster in Uni-Seminaren. Ich verliebe mich, lächle auf Dates und in analoge Kameras, stoße mit Tequila an, strahle, strahle, strahle. Eine „ganz normale“ Teenagerin mit vielen Privilegien, die andere in der Corona-Pandemie nicht haben. Und trotzdem: weine, weine und weine ich. Mehrmals wöchentlich hyperventiliere ich, mache meine Familie mit meiner Unausgeglichenheit verrückt. Nach Zoom-Calls gebe ich T-H-E-R- im Suchverlauf ein und schließen den Tab schnell wieder beschämt. Wische mir die Tränen mit dem Ärmel meines Thrasher-Pullis weg und schäme mich. Wieso genauso sollte ICH bitte in Therapie gehen? Ich habe ein Dach über dem Kopf, studiere erfolgreich und wohnte mit meiner Familie zusammen, die bisher alle glimpflich durch den Lockdown gekommen sind. Ich funktioniere. An einigen Tagen bin ich sogar glücklich. Warum also sollte ich einen dieser raren Therapieplätze jemand anderem wegnehmen? 

Einige Wochen später gehe ich mit meiner Mama spazieren, eine typische Lockdown-Aktivität, die Luft ist frisch und riecht angenehm nach dem Regen letzter Nacht, wir unterhalten uns über die letzte Folge „Love is Blind“, sie fragt nach dem Club und ich sage: „Ich fühle nichts mehr, Mama.“ Sie schaut mich besorgt an, aber ich komme nicht weiter. Weil  ich plötzlich nicht mehr kann. Mitten auf der Straße, zwischen dem feuchten Laub sinke ich auf die kalten Steine und…nix. Keine Tränen, keine Schreie, keine Worte, keine Erklärungen. Nichts. Nur dieser unbeschreibliche Schmerz ganz tief in mir drin, der mich voll und ganz einnimmt. Eine halbe Ewigkeit später sitze ich zu Hause, schreie meine Mama – die liebste Person, die ich kenne – an und schlage um mich und schreie und weine und weiß nicht, wohin mit mir, was falsch mit mir ist. Wieso sich das alles schon wieder so anfühlt. Mama bringt mir einen Lillifee-Tee und sagt sanft, aber bestimmt: „Du brauchst Hilfe. Ich weiß nicht mehr, wie ich dir helfen soll. Du brauchst jemanden, der das kann.“ 

Es dauerte noch zig Anläufe und Anrufe, bis ich mein Erstgespräch habe. Ein weiteres halbes Jahr, in dem ich immer wieder zwischendurch denke, dass ich übertreibe. Dass es für eine extrovertierte Jugendliche wie mich normal ist, sich im Lockdown eingeengt zu fühlen; als Hypochonderin Wahnvorstellungen und intrusive Gedanken zu entwickeln und allgemein unausgeglichen, antriebslos und abgestumpft zu sein. Die Pandemie bietet mir so viel Stoff, mich zu gaslighten. Dazu kommt, dass ich keine Worte für meine Gefühle habe. Bin ich depressiv? Definitiv nicht, ich liege nicht nur im Bett, Schnittwunden zieren meine Arme nicht – ich sehe nicht aus wie die Girls auf Tumblr, nicht wie die Figuren von John Green. Ich lache, schreibe gute Noten, arbeite, gehe auf Partys mit zehn Haushalten. Ich habe einfach nur zu viel Zeit. Zeit nachzudenken: über Gespräche mit meinem Vater, Dynamiken, die mich seit Jahren erdrücken. Nichts Besonderes.  

Aber darum geht es nicht. Mein Leiden ist vielleicht nicht einzigartig, obwohl meine Geschichte damit einzigartig ist. Ich verdiene Hilfe und muss nicht in irgendwelche Bilder passen, die wir gesellschaftlich Menschen mit psychischen Erkrankungen aufdrücken wie Schablonen. Später erfahre ich, dass deutschlandweit außerdem nur ca. 1,5% von dem betroffen sind, was ich hatte. Dabei kann ich nicht für diese anderen sprechen. Aber: ich kann für mich schreiben, ich kann diese Leerstelle versuchen mit ersten Worten zu füllen. Zum Beispiel mit dem Wort „Dysthymie“ – meiner Diagnose, die mein Therapeut als eine Art „Subdepression“ beschreibt. Langanhaltende depressive Verstimmungen, nie stark oder anhaltend genug, um sie als Depression einzustufen, erklärt mir eine Freundin, die Psychologie studiert. Aber selbst diese Diagnose fühlt sich wie Gaslighting an, denn erstens wie antworten auf: „Dysthe…was?“, wenn jemand nachfragt und zweitens, wie standhaft bleiben und den eigenen Leidensdruck nicht wieder kleinreden , wenn jemand sagt: „Ach dann kann´s ja nicht so schlimm sein, wenn´s keine richtige Depression ist.“ Oder einer meiner Dates den geistreichen Take abgibt: „Haben wir nicht alle sowas? Depri light? Achterbahn der Gefühle halt?“ Selbst jetzt beim Schreiben dieses Textes, Jahre und viele Poetry Slam Texte über meine Erkrankung später, fällt es mir immer noch schwer, diese unbändige Traurigkeit in Worte zu fassen, sie nicht zu relativieren. Wieso dieses Gefühl wie Wellen immer wieder verschwindet, nur um mich dann unter ihm zu begraben. Bis ich mich wieder an mein Seepferdchen erinnere, schwimme, strample. Und dann merke, dass das Seepferdchen nicht ausreicht – und wieder unterzugehen drohe. 

Deshalb ist es wichtig, zu wissen, dass es erlaubt ist, sich Rettungsringe zu holen. Therapie war für mich genau das: Schwimm- und Atemübungen, ein Rettungsring im Ernstfall, eine Schwimmweste für später und Worte wie eine Trillerpfeife, mit denen ich Alarm schlagen kann, mit denen ich mich ausdrücken kann. Und damit mehr Menschen diese Hilfe bekommen, müssen wir nicht nur unsere Therapieplätze endlich erweitern, liebe Bundesregierung. Sondern auch immer wieder, wenn wir Kapazitäten haben, darüber sprechen: Erfahrungen zu teilen, Zeilen schreiben, zuhören, sichtbar sein, Räume schaffen.  

Erst 2023 lese ich zum ersten Mal ein Buch, in dem die Protagonistin mit Dysthymie diagnostiziert wird. Und auch wenn ich an „I want to die but I want to eat tteokbokki” von Baek Sehee vieles oberflächlich und die Therapeutin toxisch fand, hätte ich mich vielleicht früher getraut und mir und meinem jugendlichen Ich eine Menge Leid ersparen können, wenn ich gewusst hätte, dass es das gibt. Dass es da ein Wort für meinen Schmerz gibt. Deswegen, falls du das hier gerade liest, hoffe ich, dass all meine Worte gerade ein Gegengewicht zu deinem Gaslighting und Schmerz darstellen und dir stattdessen comfort schenken können. 

„alles, was ich wieder will: ist das Licht in mir drin“, damit beendet Kayla Shyx´ engelsgleiche Stimme den Song und ich bin zurück, im Hier und Jetzt. Ich habe mein Licht längst wiedergefunden. Und trotzdem gibt es bis heute Tage, an denen meine Welt vor meinen Augen verschwimmt und meine Glieder sich schwer anfühlen, als wäre ich in Olivenöl getaucht. Auch heute, trotz etlicher Gedichte und Gespräche über meinen Genesungsprozess, treffe ich die Dysthemie als alte Bekannte wieder. Manchmal winken wir uns von der anderen Straßenseite zu, manchmal verbringt sie unangekündigt zwei Nächte auf der Schlafcouch in meiner WG. Immer mal wieder ist da diese Stimme wie ein lästiger Ohrwurm. Aber meistens sind diese dunklen Gewitterwolken, aus denen Antriebslosigkeit, Erschöpfung und Minderwertigkeitskomplexe auf mich herabprasseln, eben nur noch ein Regenschauer, der vorbeizieht. Und wenn aus Regenpfützen doch mal Seen werden, dann hab ich zum Glück mittlerweile mehr als ein Seepferdchen.