Meine Welten / David Novell / 28. Juni 2024
Zwischen Zugehörigkeit und Ausgrenzung – Meine Erfahrungen als queere Person im Sport
David Novell — 6 Min. Lesezeit
#Featured #nicht-binär #Sport - Deine Story über Schweiß und Tränen
Als nicht-binärer Mensch kennt David das Gefühl nirgends so richtig reinzupassen. David erzählt heute, wie sich seine*ihre Suche nach dem passenden Sport(verein) gestaltet hat, welche Erfahrungen David gemacht hat und wie Vereine ihr Angebot entsprechend einladender gestalten können.
Früher wuchs ich auf dem Dorf auf, wo es nur Fußball gab, manchmal auch Tischtennis. Schon damals fühlte ich mich in den Männlichkeits-Dynamiken unwohl, zumal dort fast ausnahmslos Männer spielten. Beim Tischtennis war ein Mädchen dabei, mit dem ich auch befreundet war – eine schöne Erinnerung. Als Teenager auf dem Land flüchtete ich schließlich in die Musik, da ich dort meine Gefühle ausdrücken konnte, die als unmännlich gelten. Das ist bis heute eine Konstante in meinem Leben, während ich mit kleinen Unterbrechungen fast zehn Jahre wenig bis keinen Sport gemacht habe. In meiner Anfangszeit in Leipzig probierte ich mich noch in verschiedenen Sportkursen aus, was aber schnell wieder abebbte. Die Gründe für meine lange Sportabstinenz sind vielfältig, waren aber vor allem durch mein psychosoziales Umfeld bedingt.
Dann entdeckte ich irgendwann Kampfsport für mich, was mir inhaltlich auf Anhieb gefiel. In meinem ersten Kampfsport-Verein, der sich explizit als FLINTA-Verein darstellt, erlebte ich jedoch unangenehme Ausschlüsse. Dem Verein mangelte es an Sensibilität für die Erfahrungen und Biografien von TMA-Personen. Als non-binäre Person war ich dort einem cis-weiblichen Blickregime unterworfen und konnte nie ich selbst sein, trotz des explizit inklusiven Ansatzes des Vereins. Die Pronomen-Runden vor Beginn jedes Trainings belasteten mich, da gefühlt 95 Prozent der Trainierenden cis-weiblich waren und ich mich oft als einzige Person outen musste. Zu dieser Thematik gibt es unterschiedliche Ansichten, die ich imstande bin auszuhalten, aber ich möchte darauf hinweisen, dass diese Runden sich nicht für alle Beteiligten komfortabel anfühlen. Ich habe auch von anderen Menschen aus geringer verteilten Identitäten häufig gespiegelt bekommen, dass diese Runden auch für sie eher eine zusätzliche Belastung statt eines Inklusions-Moments darstellen. Eine der Trainer*innen war zudem eine Terf, welche sich übergriffig bezüglich meiner Gender-Identität und meinen gemachten Erfahrungen äußerte. Die dort erlebten Ausschlüsse schmerzten und warfen mich auf mehreren Ebenen zurück.
Über Umwege fand ich ein All-Gender-Training in einem anderen Verein. Zwar sind dort Männer in der Überzahl, aber auf respektvolles Miteinander wird geachtet. Ich fühle mich dort wohl, allerdings mit Einschränkungen. Sport hat für mich schon lange vor dem Erkennen meiner nicht-binären Identität Beklemmungen und Probleme verursacht. Besonders Fußball war für mich immer mit Männlichkeits-Codes verbunden, die ich nicht erfüllen konnte. Im Kampfsport lernte ich zum einen, dass Vereinssport auch ein Miteinander sein kann, bei dem man auf Augenhöhe viel voneinander lernt und entwickelte ein tieferes Bewusstsein für meinen eigenen Körper. Ich möchte betonen, dass dies im Kampfsport-Bereich leider alles andere als selbstverständlich ist und schätze die Arbeit meines Vereins deshalb sehr. Im All-Gender-Training geht es mir größtenteils gut, aber ich habe nach meinen schlechten Erfahrungen Angst, wieder in ein Training zu gehen, das sich explizit an FLINTA-Personen richtet. Auch das Nutzen einer FLINTA-Umkleide ist für mich nicht ohne Weiteres möglich. Ich denke, dass das auch damit zusammenhängt, dass dieser Begriff ein zusammengewürfeltes Konstrukt ist, das inklusiv sein will, aber diesen Anspruch nicht konsequent erfüllen kann. Zudem gibt es Cis-Frauen, die in ein reines Frauen-Training gehen möchten und ein gemeinsames, inklusives und geschlechterübergreifendes Training zusammen mit Gender-Minoritäten ablehnen. Hier braucht es mehr Grundlagenarbeit im Bereich Akzeptanz und gegenseitiger Rücksichtnahme, aber vielleicht auch eine Differenzierung, z. B. in FLINTA-Trainings, in denen wirklich darauf geachtet wird, dass der FLINTA-Begriff nicht nur als anderes Wort für Frauen verwendet wird, und explizite Cis-Frauen-Trainings, solange diese eben noch benötigt werden.
Das Gefühl, weder in FLINTA-Spaces noch in Männerdomänen dazuzugehören, kenne ich sehr gut und dies geht natürlich weit über den Sport hinaus. Gerade bei Kontaktsport lösen solche Probleme aber besonderes Unbehagen bei den involvierten Menschen aus. Es ist jedoch nicht hinzunehmen, dass dies auf dem Rücken der ohnehin schon weitgehend unsichtbaren Minderheiten ausgetragen wird. Hier sind auch die Vereine in der Mitverantwortung, etwas zu verändern. Ich habe mittlerweile die Einschränkungen für mich wegrationalisiert und bin daran gewöhnt, in bestimmten Spaces nicht meine volle Identität zu entfalten bzw. Teile meiner Identität zu verstecken. Dies geht vielen Menschen so und hält manche Personen auch ganz davon ab, in den Vereinssport hineinzugehen. Das trägt dazu bei, dass alte, verkrustete Vereinsstrukturen, die oft männlich dominiert sind, nicht aufgebrochen werden. Viele Menschen können dadurch ihre sportlichen Potenziale nicht entfalten und auch das Potenzial einer inklusiven Vereinskultur wird nicht ausgeschöpft. Hier kommt natürlich auch noch die kommerzielle versus ehrenamtliche Orientierung der Vereine hinzu. Vereinssport ist oft von Ehrenämtern abhängig, und manche Menschen können es sich nicht leisten, gänzlich unbezahlte Arbeit zu verrichten. Es gibt Vereine, in denen sich Menschen richtig reinhängen, aber das sind oft auch die Vereine, in denen viel über unbezahlte Arbeit geht. Ich selbst habe auch schon viel unbezahlt gearbeitet und kenne daher die Dynamiken, die dies mit sich bringen kann. Man macht etwas gern, aber hat immer wieder im Hinterkopf, dass man es sich auch leisten können muss. Je prekärer die eigene Arbeit ist, desto mehr wird unbezahltes Ehrenamt auch zu einer Kapazitätsfrage.
Ich halte Vereine aufgrund der sozialen Komponente für einen wichtigen Motor beim Abbau von Barrieren. Dazu ist es nötig, Vereine in ihrer Organisation und Leitung bereits diverser und inklusiver aufzustellen. Es ist einfach nicht oder nur eingeschränkt möglich, dass von einer Diskriminierungsform Unbetroffene über die Bedürfnisse und Probleme von Betroffenen zu deren Zufriedenheit entscheiden können. Wichtig ist hier aber auch mehr Förderung für Vereine, die etwas bewegen wollen.
Insgesamt freue ich mich dennoch sehr, dass ich mir die Gewohnheit des regelmäßigen Trainings angeeignet habe. Zum einen besteht das neue intuitive Körpergefühl aus einer höheren Beweglichkeit und Belastbarkeit, aber auch einem größeren Bewusstsein für den eigenen Körper im Raum. Dies hat mir persönlich auch bei meinen psychischen Struggles geholfen, ersetzt aber natürlich keine Therapie. Zu lernen, dem eigenen Körper vertrauen zu können, hat mich zudem weniger anfällig für das Mansplaining selbsternannter Gurus gemacht, die man leider noch allzu oft in Sport- und Fitnessräumen findet.
Dieser einseitigen und belehrenden Kommunikationskultur setze ich auch in meinem Beruf etwas entgegen. Als Musiker*in erzähle ich Geschichten queerer Selbstfindung in Räumen, die von patriarchaler Gewalt geprägt sind. Mein Song „Magnolia“ steht exemplarisch dafür, wie ich ernste Themen mit tanzbaren Beats und kraftvollen Hooks kombiniere, um ein Gefühl des gegenseitigen Empowerments zu erschaffen.
„Was a sad fiend – now an athlete / See – See – I’m the next me”
(David Novell – “Magnolia”)
Über die Entstehung des Songs habe ich vor einiger Zeit hier bei MeinTestgelände einen Artikel geschrieben. Schaut da doch gerne mal vorbei!