Es hat gedauert bis Sophie wieder mit der S-Bahn zur Uni fahren konnte. Warum lest ihr in ihrem Text.
Lieber Mann, Mitte dreißig, dunkelgrauer Jogginganzug in der S-Bahn zur Uni.
Eigentlich nehme ich die S-Bahn zur Uni gerne. Ich mag es, die Zeit zum Lesen zu nutzen oder noch schnell eine Übungsaufgabe für das kommende Seminar zu lösen. Manchmal treffe ich Kommilitonen und verquatsche mich oder ich schlafe einfach noch die halbe Stunde.
So viele Menschen nehmen die S-Bahn jeden Tag und trotzdem musste ich auf dich treffen.
Der Platz neben dir war frei – eigentlich denkt man sich nichts dabei, warum auch, es ist ja noch nie etwas passiert. Warum sollte gerade mir etwas passieren? Ich lasse mich nicht leicht aus der Fassung bringen. Außerdem sind hier noch andere Leute und es ist hell. Und trotzdem ist es passiert und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es okay ist. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht darüber nachdenke. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht mehrere Monate gebraucht habe, um wieder genau diese S-Bahn-Strecke zu fahren.
Aber das ist nicht der Grund aus dem ich Schreibe.
Ich wollte dir nur sagen, dass ich weiß, dass ich nichts falsch gemacht habe. Ich wollte dir nur sagen, dass du vielleicht dachtest, dass du so mit mir umzugehen kannst, aber das kannst du nicht. Ich wollte dir nur sagen, dass ich gerne mit der S-Bahn zur Uni fahre und dabei mit meinen Freund*Innen rede, die letzte Nachricht meines Crushs beantworte, meiner Familie einen schönen Tag wünsche und mich zum Mittag verabrede, die Lektüre zur nächsten Veranstaltung lese, leicht panisch das neue 49€-Ticket in der App herunterlade, weil es schon wieder ein neuer Monat ist und der Kontrolleur vor mir steht und auch, dass ich mich gerne neben Menschen setze, die ich nicht kenne. Ich wollte dir nur sagen, dass es ein wenig Zeit gebraucht hat, aber ich jetzt stärker bin als davor.
Sophia