Identitäten / Anonym / 14. November 2024
Alleine durch die Aufklärung gekämpft
Anonym — 4 Min. Lesezeit
Content Note: Erwähnung von sexualisierter Gewalt.
Wie viele von uns, hat unsere Autorin in ihrem Elternhaus keine guten Erfahrungen mit Aufklärung gemacht. Menstruation, Sex und Verhütung wurden tabuisiert und mit Verboten belegt. Welche Konsequenzen das hatte und wie unsere Autorin heute mit ihren eigenen Kindern über diese Themen spricht, erfährst du im Text.
Ich glaube, ich kann sagen, dass ich einiges an Erfahrungen mit Sexualität durchgemacht habe und trotzdem heute hier stehe, ein gesundes Verhältnis zu diesem Thema habe und meine Kinder – wenn sie soweit sind – gesund aufklären kann und möchte.
Ich wurde von meinen Eltern nie aufgeklärt, damit will ich schonmal anfangen. Wahrscheinlich war das nicht böse gemeint, vielleicht wussten sie nicht wie, vielleicht wurden sie selbst nicht aufgeklärt und haben anders gedacht als ich heute, aber naja…mir hat es damals natürlich eher geschadet, als geholfen, denn ich hätte mir natürlich einiges an Aufklärung gewünscht. Es ging damit los, dass ich meine Periode mit zwölf Jahren mitten im Unterricht in der sechsten Klasse bekommen habe und keine Ahnung hatte, was ich tun sollte.
Glücklicherweise hatte ich – es war Anfang Dezember – einen Wintermantel an, der bis über den Po ging, sodass man es mir nicht angesehen hatte, dass ich geblutet habe. Selbst zu Hause habe ich mich nicht getraut, etwas zu sagen und wusste auch nicht, was ich tun sollte, oder ob wir Hygienematerial zu Hause hatten, ich habe mich unglaublich alleine gefühlt und war sehr verzweifelt. Wäre diese Thema bei uns etwas alltäglicher gewesen, hätte ich mich getraut, es anzusprechen, oder das Wort MENSTRUATION/PERIODE überhaupt AUSzusprechen.
Wir haben an diesem Nachmittag mit der Familie einen Ausflug gemacht (ich glaube in ein Musical) und selbst dort hatte ich meinen Wintermantel die ganze Zeit an, ohne Binde in der Unterhose…Ob ich Spaß hatte an diesem Abend? Nein.
Abends habe ich meiner Mutter ein Bild gemalt, auf dem eine Unterhose zu sehen war, mit roten Flecken, das habe ich ihr ins Bett gelegt, damit sie mir hilft. Ich weiß nicht mehr genau, wie es weiterging aber ich habe zumindest am nächsten Tag Binden gehabt. Alles in allem war das keine schöne Erfahrung für mich und ich habe mir für meine Tochter (auch für meine beiden Söhne!!!) vorgenommen, dieses Thema komplett transparent durch die Kindheit zu nehmen, damit sie immer wissen, was eine Periode ist und dass es alltäglich ist und dazugehört. Mein großer Sohn fragt zum Beispiel manchmal, wenn er eine Packung Binden sieht „Hast du deine Tage?“.
Auch das Aufklären über Sexualität gab es früher bei uns in der Familie leider nicht, das Wort wurde immer totgeschwiegen und etwas darüber erfahren habe ich lediglich in der Schule. Aber ich finde, genauso wie man zu Hause Deutsch, Mathe, Englisch etc. lernt, sollte man auch eben diese anderen Themen zu Hause lernen, wie Sexualität, das Wetter, andere Länder, Musikgeschichte, wisst ihr was ich meine? Generell alles! Ich war schon immer ein sehr bodenständiger Mensch, habe in meiner Jugend immer Kondome in der Tasche gehabt, weil ich das bei Anderen gesehen habe. Nunja, ich weiß nicht, ob das, was eines Tages passiert ist, als Aufklärung galt, aber als mein Vater irgendwann merkte, dass ich jugendlich wurde, kam er in mein Zimmer, hat mich gefragt, ob ich Kondome habe, ich habe stolz „Ja“ gesagt, weil ich ja in der Schule gelernt habe, dass das wichtig ist. Mein Vater wollte sie sehen, hat sie genommen, gesagt „Die brauchst du nicht“ und hat sie in den Müll geworfen. Funfact: Mit 21 Jahren habe ich mein erstes Kind bekommen.
Unter Anderem seitdem habe ich mich nicht mehr getraut, meinem Vater irgendwas über Jungs oder Beziehungen zu erzählen oder zu zeigen. Ich habe meine gesamte Jugend alles verheimlicht und angefangen, mich von Jungs ausnutzen zu lassen.
Mit siebzehn Jahren hat mich mein damaliger Exfreund vergewaltigt und ein paar Monate später hat mich der selbe Exfreund in meinem Auto missbraucht. Mein Vater weiß davon bis heute nichts und meiner Mutter habe ich davon auch nie etwas erzählt, eventuell mal am Rande, aber nie so, dass sie es ernst genommen hätte. Der Einzige, der alle Details kennt, war mein langjähriger Psychologe. All diese Erfahrungen, die ich meine gesamte Jugend gemacht habe, sorgen dafür, dass ich möchte, dass meine drei Kinder eine gesunde Sexualität haben, egal, wen sie eines Tages lieben werden. In erster Linie sollen sie sich selbst lieben und wissen, dass sie von ihren Eltern IMMER über alles geliebt werden und offen über alles reden dürfen. Man kann nie genug Fragen stellen und es gibt nie genug Antworten. Sexualität begleitet uns bis zum Tod und ist ein Thema, das ganz alltäglich ist, es wäre schade, wenn die Psyche davon kaputt geht.